Hertie-Betriebsräte fordern "umfassende Hilfe" ein

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Essen/Düsseldorf. Die Betriebsräte der insolventen Essener Warenhauskette Hertie haben in einem offenen Brief mehr Unterstützung durch Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit eingefordert. Der Insolvenzverwalter Biner Bähr will am Mittwoch mit NRW-Wirtschaftsministerin Thoben über Landeshilfen reden.

Die Beschäftigten der zahlungsunfähigen Warenhauskette Hertie haben größeren Einsatz von Politik und Öffentlichkeit zur Rettung ihres Unternehmens gefordert. «Wir brauchen Unterstützung, um unsere Arbeitslosigkeit zu verhindern, beziehungsweise so lange wie möglich in Arbeit zu bleiben», hieß es in einer Erklärung der Hertie-Betriebsräte. Politik, Arbeitsverwaltung, Insolvenzverwalter und die Öffentlichkeit seien aufgefordert den 3.200 Beschäftigten zu helfen.

Der Insolvenzverwalter der Warenhauskette Biner Bähr wird sich am Mittwoch mit der nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerin Christa Thoben zu Gesprächen über mögliche Landeshilfen für das Unternehmen treffen. Offen war zunächst, ob auch potenzielle Investoren an dem Treffen teilnehmen werden.

Vorwürfe gegen ehemaliges Hertie-Management

Die Zeit für die Rettung des Unternehmens, das nicht zuletzt unter zu hohen Mietbelastungen zusammenzubrechen droht, wird allmählich knapp. Der Insolvenzverwalter hatte im Januar dem Eigentümer der meisten von Hertie-genutzten Immobilien ein Ultimatum bis Ende Februar gesetzt, sich mit einer deutlichen Senkungen der Ladenmieten einverstanden zu erklären, oder er werde die Kaufhauskette schließen. Noch im März werde dann der Ausverkauf beginnen. Spätestens im April würden die Tore endgültig geschlossen. Hertie ist vor allem in Klein- und Mittelstädten vertreten.

Die Hertie-Betriebsräte warfen in einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung den ehemaligen Management vor, das Unternehmen «in den letzten 10 Jahren systematisch zerstört» zu haben. «Wir klagen an, unsere ehemaligen Manager, die unsere Warenhäuser durch mangelnde Erhaltungsinvestitionen haben verkommen lassen. ... Wir klagen an, unsere ehemaligen Vorstände, die Dividende ausschütten ließen, ohne dass das Unternehmen dieses Geld überhaupt verdient hatte», heißt es unter der Überschrift «10 Klagen der Hertie-Betriebsräte».

Kritik üben die Arbeitnehmervertreter darin auch an der Kommunalpolitik, die immer mehr Einzelhandelsflächen ausweise, und an Finanzinvestoren, die auch nach den bitteren Erfahrungen der Finanzkrise weiter ihr Unwesen trieben. «Unsere schlechten Erfahrungen sollen Mahnung und Ansporn sein, endlich Änderungen in Wirtschaft und Politik einzuleiten», verlangen sie.

Investor mit viel Geld gesucht

Ein Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di bezeichnete die Lage des Unternehmens am Dienstag im Gespräch mit AP als «ganz, ganz schwierig». Nötig sei ein Investor der bereit sei, viel Geld in die Hand zu nehmen, um das Unternehmen weiterzuführen. Bei einer deutlichen Senkung der Miete hätten nach Einschätzung des Insolvenzverwalters immerhin 54 der ursprünglich vorhandenen 73 Häuser gute Überlebenschancen.

Für den größten Teil der Filialen der insolventen Kaufhauskette bestehen aber offenbar auch im Fall einer Schließung gute Chancen auf eine neue Nutzung. Für mindestens 80 Prozent der zurzeit zum Verkauf stehenden Hertie-Immobilien zeichne sich eine Nachfolgelösung ab, sagte Christoph Meyer, Mitglied der Geschäftsleitung des Immobilienvermarkters Atisreal, erst kürzlich der AP. Atisreal vermarktet nach eigenen Angaben den überwiegenden Teil der Hertie-Immobilien. Von den ursprünglich zum Verkauf gestellten 64 Warenhausimmobilien sind nach Angaben des Unternehmens bereits sechs verkauft. (AP)

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