Gesucht: die besten Rettungshunde

Hubert Wolf
Meisterschaft der tierischen Lebensretter

Meisterschaft der tierischen Lebensretter

Wesel/Herne. 08.05.16: Über „Gib Pfötchen“ können diese Hunde nur müde lächeln. Bei der deutschen Meisterschaft im Rettungshundesport hören die Vierbeiner aufs Wort. Und erschnüffeln selbst unter großen Trümmerhaufen noch menschliche Spuren.

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Deutsche Meisterschaft in einem künstlichen Erdbebengebiet in Wesel. Die die Verschütteten spielen, haben eine undankbare Aufgabe.

Ruhrgebiet. Das Trümmerfeld ist gut durchdacht. Das eingestürzte Haus und die Kellerlöcher, die dicken Rohre und die Hügel aus Schutt: Steine, Betonbrocken, Latten; verbogene Träger, die nichts mehr tragen, dicke Mauern, die lang hingeschlagen sind. „Und aus dem Areal da hinten liegen uns gar keine Informationen vor“, sagt Jörg Küper und zeigt auf weitere Ruinen. Jetzt steigt auch noch Rauch auf. Szenario Erdbeben.

Doch was aussieht wie Port-au-Prince 2010 oder Nepal 2015, nur in kleiner, ist in Wahrheit im eigentlich ganz aufgeräumten Süden von Wesel – und das Austragungsgelände einer Deutschen Meisterschaft: Gesucht werden hier am Wochenende die besten Rettungshunde, Unterabteilung „Suche von Verschütteten“. Und Küper darf sich für zwei Tage „Prüfungsleiter Trümmer“ nennen.

Einsturzgefahr dort drüben, insgesamt Nachbeben

An diesem wunderbaren Sommertag weist er die Hundeführerin Gabriele Luckscheiter in die vermeintliche Katastrophe ein: keine Informationen von da hinten, Einsturzgefahr dort drüben, insgesamt Nachbeben, vermutlich Eingeschlossene . . . Danach kommt ihr erster Handgriff schon etwas überraschend: Sie bläst Seifenblasen. Wegen des Windes. Der Hundeführer muss wissen, wie er weht, um seine Schlüsse zu ziehen, wenn der Hund einen Menschen riecht. „Der Hund hat die Nase und ich habe den Kopf“, sagt die Recklinghäuserin Luckscheiter später.

Doch davor ist Jimmy losgejagt, ihr Hütehund. Springt auf Dächer, läuft über Mauerkronen, folgt Befehlen, windet sich in enge Löcher, ist auch mal eine Minute nicht zu sehen, taucht plötzlich ganz woanders wieder auf, jagt weiter, hechelt – die Hitze. Da, er bellt zweimal! „Er ist nah dran“, sagt sie, kurz drauf bellt er immer weiter: „Er hat ihn.“ Denn natürlich sind hier echte Menschen versteckt. Drei, die in Rohren liegen oder in Kellern sitzen. Der Job gilt als undankbar.

„Man darf keine Angst vor Spinnen haben“

Für sie gilt: kein Handy, keine Uhr, keine Lebensmittel; nichts, was riecht. „Man hat kein Zeitgefühl da unten, man wartet auf Hundegebell“, sagt Christina Haier aus Arnsberg und beschreibt, wie gebücktes Stehen in einer zu engen Röhre schmerzhaft auf den Rücken geht. Und ihre Kollegin Lena Kölsch ergänzt eine furchterregende Kleinigkeit: „Man darf keine Angst vor Spinnen haben.“

25 Minuten hat jeder Hund, die drei Versteckten zu finden. Doch es kommt nicht nur auf die Zeit an. Schiedsrichter Kazuhiro Sawada aus Japan achtet natürlich auch auf Gehorsam, also, der Hunde. Oder auf korrektes Bellen. Auf Suchtaktik. Während er Gabriele Luckscheiter erzählt, was ihm gefiel und was weniger, entsteht eine Pause, bis der nächste der 25 Kandidaten kommt. Schichtwechsel ist nun auch bei den Opfern. „Prüfungsleiter Trümmer“ zu einem, der gerade neu in seinem Versteck sitzt: „Du hast das rechte Bein gebrochen, wenn der Hundeführer dich fragt.“

Absichtlich abgelenkt

Die Opfer von eben sind jetzt „Begeher“, aber eigentlich heißt ihre Aufgabe: Ablenkung. Sie stehen nutzlos in der Gegend herum, während der Hund arbeitet. Trampeln durchs Suchgebiet. Bringen ihre eigenen Gerüche ein. Die Erklärung: Im echten Erdbebengebiet sind auch nicht Hund, Hundeführer und Verschüttete unter sich. Sondern: Helfer, Räumfahrzeuge, Angehörige, Polizisten, Verletzte, Bagger, Geborgene, Gaffer . . .

„Der Hund muss erkennen, wer kein Opfer ist“, sagt Schiedsrichterobmann Volker Marx. Harte Arbeit, wenn ein lebender Ablenkungsfaktor wie Carla Becks-Rodriguez laut zu hämmern beginnt. Aus dem wirklichen Leben weht der Wind auch noch Zuggeräusche und Sirenengeheul herüber. Inmitten des Durcheinanders aber holt Jimmy 184 von 200 Punkten.

Nächstes Jahr ist die Meisterschaft woanders. Und das durchdachte Trümmerfeld? Die Männer und Frauen der „Rettungshundestaffel Wesel und Umgebung“ müssen es öfter umbauen. Denn ein guter Rettungshund vergisst nicht, weiß einer: „Wenn sie ein Mal hier waren, kennen sie die Verstecke.“