Geburtshelferin, verzweifelt gesucht - Warum es immer weniger freiberufliche Hebammen gibt

Von Ute Schwarzwald
Hebamme Jessica Saxenhammer misst den Bauchumfang einer Patientin.
Hebamme Jessica Saxenhammer misst den Bauchumfang einer Patientin.
Foto: Kai Kitschenberg
Bundesweit gibt es nur noch 3000 freiberufliche Hebammen, die auch außerklinische Geburten betreuen. Fast ein Viertel gab seit 2009 den Job auf. Weil er schwer ist – und schlecht bezahlt. Jessica Saxenhammer aus Sprockhövel ist freiberufliche Hebamme. Sie arbeitet im Geburtsthaus Wuppertal. Und liebt ihren Beruf.

Ruhrgebiet. Bei Leisens herrscht Chaos. Das totale, normale Chaos einer Familie, die vor fünf Tagen von drei auf vier Mitglieder angewachsen ist. „Wie war die Nacht?“, fragt Jessica Saxenhammer, als sie das Wohnzimmer betritt. Nina Leisen müht sich hier, ihr hysterisch schreiendes Neugeborenes zu beruhigen („Koliken“, entschuldigt sie), während ihr Mann dem 22 Monate alten Anton vorzulesen versucht. Doch Anton will lieber „U-U-Bahn“ fahren, quengelt. „Zahnschmerzen“, erklärt der Vater. Die Nacht der Leisens, man ahnt es, war „furchtbar“. Aber nun ist ihre Hebamme ja da.

Jessica Saxenhammer (35) räumt das Sofa frei und setzt sich neben die junge Mutter, guckt ihr beim Stillen der kleinen Greta zu. „Sieht aus, als ob sie zugenommen hat, Nina“, sagt sie. Und liegt damit goldrichtig. Nicht nur, weil ihre Waage später die Vermutung bestätigt. War das Baby doch seit dem Tag seiner Geburt von 4440 auf 3850 Gramm „abgemagert“; die Eltern machten sich Sorgen, „beinahe stündlich“ hatten sie Greta zuletzt gewogen, im Nudelsieb auf der Küchenwaage. „Alles völlig normal“, beruhigt die Hebamme aus Sprockhövel das Wuppertaler Paar, das sie betreut, seit es von der Schwangerschaft erfuhr.

Die jungen Eltern atmen erleichtert auf. „Es ist gut zu wissen, dass wir uns mit all unseren Fragen an Jessica wenden können“, sagt Andreas Leisen. Auch die von ihr geleitete Geburt in der Klinik, ergänzt seine Frau, habe sie ganz anders erlebt als ihre erste. Bei Antons Entbindung hätten sie es mit drei verschiedenen Hebammen zu tun gehabt, die „uns nur aus der Übergabe der Akten kannten“. Dieses Mal: war Jessica dabei, die ganze Zeit. Und Nina Leisen fand’s „richtig entspannt“.

4200 Euro jährlich für die berufliche Haftpflichtversicherung

Doch es gibt nicht mehr viele Hebammen wie Jessica Saxenhammer, solche, die die Betreuung von Vor- bis Nachsorge einschließlich der Geburt anbieten. Bundesweit nur noch etwa 3000. Weil es sich nicht mehr rechnet, hat seit 2009 ein Viertel aller freiberuflich tätigen Hebammen die Geburtshilfe aufgegeben. Das Geburtshaus Wuppertal, mit dem Jessica Saxenhammer kooperiert, hat ein Einzugsgebiet von 35 Kilometern, auch Schwangere aus dem Ruhrgebiet kommen her.

4200 Euro zahlt eine Hebamme heute als Jahresprämie an ihre Berufshaftpflichtversicherung. 2002 waren es: 453 Euro! Dem gegenüber steht ein durchschnittlicher Jahresverdienst von 24 000 Euro, ermittelte das unabhängige IGES-Institut jüngst für eine Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministers. Jessica Saxenhammer sagt, ihr blieben vielleicht 1500 Euro pro Monat, damit stehe sie vergleichsweise gut da. Aber dafür arbeite sie auch 45 - 50 Stunden pro Woche.

90 Minuten Zeit für eine besorgte Schwangere

An diesem Morgen etwa steht, noch vor dem Besuch bei Leisens, für die Hebamme eine Vorsorge auf dem Plan. Sandra Drevenstett kommt dazu ins Geburtshaus. Die 30-Jährige ist in der 38. Schwangerschaftswoche – und heute geht es ihr gar nicht gut. Sie fühlt sich schlapp, ist müde, hat Schmerzen, kriegt keine Luft. Alles doof. Jessica Saxenhammer hört zu, nimmt sich Zeit, wiegt die Schwangere, misst ihren Blutdruck und den Umfang ihres Bauches, tastet ihn vorsichtig ab, untersucht die werdende Mutter vaginal. Der Urin ist in Ordnung, Blut wird zur Sicherheit ins Labor geschickt, die Herztöne des Babys klingen gut. „Ist halt nicht mehr weit“, erklärt die Hebamme der werdenden Mutter – 90 Minuten später. Dem Kind gehe es gut, aber es wiege schon 3600, 3800 Gramm, drücke auf Herz, Lunge und Magen. „Und deshalb fühlst du dich so mies“.

22,44 Euro zahlt die Krankenkasse für eine Vorsorge

22,44 Euro brutto zahlt die Krankenkasse für eine solche Vorsorge. 27,08 Euro gibt’s für eine Nachsorge, 243,85 Euro für Geburtshilfe in der Klinik, 492,80 für eine Geburt im Geburtshaus, 626,80 für eine Hausgeburt. Vier, fünf Geburten pro Monat, zusätzlich vier Voll-Betreuungen brauche sie, um über die Runden zu kommen, erklärt Saxenhammer. Wie viele andere Hebammen gibt sie zusätzlich Kurse.

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Erreichbar sein, rund um die Uhr

Die Sprockhövelerin hat nie bereut, dass sie ihr Studium (Psychologie und Pädagogik) für die Ausbildung zur Hebamme schmiss. Sie sagt: „Ich liebe es, Menschen in ihrer glücklichsten Lebensphase mit Rat und Tat zur Seite stehen zu dürfen, ich bin froh einen Beruf auszuüben, der Sinn macht“. Doch ob sie ihn ausüben wird, bis sie in Rente geht? „Hängt davon ab, ob mein Körper mitspielt. Und meine Beziehung“, sagt die 35-Jährige. Viele ältere Kolleginnen litten unter Hüft- und Schulterproblemen („das ewige Bücken und Knien!“), nicht jeder Partner toleriere den Job auf Dauer. Rund um die Uhr muss eine Hebamme erreichbar sein, zur Kooperation mit dem Geburtshaus gehört, dass Saxenhammer regelmäßig Rufbereitschaften übernimmt; auch daheim kämen spätabends Anrufe besorgter Schwangerer oder frischgebackener Eltern – und Babys grundsätzlich nur nachts zur Welt. Aus der Sauna holte man sie schon, und aus der Umkleidekabine eines Dessousmodengeschäfts; an einem Heiligabend versorgte sie eine entzündete Brust und Alkohol trinkt sie „eigentlich nie.“ „Kann ja nicht im Taxi zur Geburt vorfahren...“

„Fangt bloß nicht an aufzuräumen, legt Euch hin“

Viel Schlaf hat Jessica Saxenhammer auch in dieser Nacht nicht bekommen. Um zwei klingelte das Telefon, am Apparat: die Kollegin. Sie brauchte Jessicas Hilfe für eine Geburt im Geburtshaus. Erst gegen sechs war sie wieder im Bett. Und um neun wieder im Geburtshaus. Sandra Drevenstett wartete.

Als sich Jessica Saxenhammer von Familie Leisen verabschiedet, rät sie den Eltern noch eines: „Fangt bloß nicht an aufzuräumen, wenn die Kinder schlafen. Legt euch hin!“ Würde sie selbst auch gern. Aber das kann sie sich nicht erlauben.