Freibäder warnen vor Mangel an Rettungsschwimmern

Andreas Böhme
Kann das Grugabad wie gewohnt öffnen? Vom Bäderbetrieb Essen kommen Warnsignale.
Kann das Grugabad wie gewohnt öffnen? Vom Bäderbetrieb Essen kommen Warnsignale.
Foto: NRZ
  • In den Freibädern fehlen Rettungsschwimmer für die heißen Tage.
  • Durch den Zustrom an Flüchtlingen ist der Bedarf noch weiter gewachsen.
  • Unorthodoxe Arbeitszeiten und wenig Lohn machen den Job unattraktiv.

Essen. Joachim Häuser möchte keine Panik verbreiten, wenn er auf die kommende Freibadsaison blickt. „Aber sie könnte“, sagt der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen in Essen, „zu einer Herausforderung werden.“ Denn die meisten Zuwanderer können nicht schwimmen. Und von einem Besuch im Freibad dürfte sie das nicht abhalten. Aber genau dort fehlt es an Personal. Kaum eine Stadt, in der nicht händeringend nach Schwimmmeistern gesucht wird. Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Schwimmmeister (BDS), schätzt, dass bundesweit 2500 Stellen unbesetzt bleiben. „Den Job will kaum noch jemand machen.“

Neue Aufgaben, schwierige Arbeitszeiten und geringer Lohn

Denn der Job hat sich verändert. Eine kräftige Stimme – „Ey, nicht vom Beckenrand springen“ – reicht nicht aus. „Wir sind längst mehr als nur Aufpasser“, sagt Harzheim, der selber seit 40 Jahren als Schwimmmeister arbeitet. Vom Babyschwimmen über Wassergymnastik für Senioren, vom Auswerten von Wasserproben bis zur Wartung der Umwälzpumpen. „Es ist viel dazugekommen“, weiß Harzheim. Geblieben aber sind die Arbeitszeiten in den Ferien und am Wochenende sowie der Lohn. Zwischen 1800 und 2000 Euro brutto bekommen Einsteiger. Meister liegen bei 3200 Euro. „Da müsste sich ein bisschen was tun“, findet der BDS-Präsident, weiß aber auch: „Überall muss gespart werden.“

Harzheim hat schon von Städten gehört, die ihre Freibäder wegen Bademeistermangels gar nicht erst öffnen wollen. In Essen gibt es solche Befürchtungen. Oft aber lasse sich Personal kurzfristig von den Hallen- in die Freibäder verschieben, erklärt Harzheim.

FlüchtlingeRettungsschwimmer und Schwimmmeister seien noch nie so oft im Wasser gewesen, um den Gästen in Not zu helfen, wie in den vergangenen Monaten, weiß Berthold Schmitt, Chef der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen. „Es waren nicht alle kurz vorm Ertrinken, aber sie brauchten Hilfe, um an den Beckenrand zu kommen.“ In zwei Düsseldorfer Bädern kam es von Januar bis März zu sieben größeren Einsätzen, und in Essen sorgte ein Fall für bundesweites Aufsehen, bei dem ein Bademeister gleich drei Migranten in höchster Not rettete.

„Sorglosigkeit“ und „Selbstüberschätzung“

Im Sommer könnte sich die Situation zuspitzen. „Die meisten Flüchtlinge können baden, schwimmen können sie nicht“, bringt es Harzheim auf den Punkt. Warum sie dennoch ins tiefe Wasser springen lässt sich nur vermuten. Von „Sorglosigkeit“ und „Selbstüberschätzung“ ist die Rede und Verbandssprecher Häuser vermutet: „Sie glauben, wenn sie den Beckenboden sehen können, können sie auch darin stehen.“

Belehrende Gespräche sind schwierig. „Viele können uns gar nicht verstehen“, hat Harzheim festgestellt. Manche wollen aber auch nicht verstehen. „Es mangelt an Respekt.“ Nicht nur bei den gerade Zugewanderten. „Von Frauen lassen sich die meisten nichts sagen.“ Aber Frauen machen mittlerweile 50 Prozent des Personals in Bädern aus. Duisburg und andere Revierstädte stellen ihre Dienstpläne deshalb längst „paritätisch“ auf. Will sagen: es ist immer auch ein Mann am Becken.

Warn- und Ordnungshinweise in verschiedenen Sprachen

Zunächst allerdings ist Prävention angesagt. Die Freibäder bereiten sich zum Saisonstart auf die neue Klientel vor. Deeskalationstraining für die Mitarbeiter gibt es, Warn- und Ordnungshinweise in allen wichtigen Sprachen. In Essen betreibt man gar Aufklärungsarbeit in den Flüchtlingsunterkünften.

Aber es gibt ja nicht nur die Freibäder. Entlang der Ruhr wird im Revier gerne geschwommen, in vielen Baggerseen auch. Viele sind unbewacht, an manchen passt die DLRG auf. Dort kennt man die neue Risikogruppe, will aber offiziell noch keine Prognose wagen. Hinter verschlossenen Türen allerdings ahnt ein Rettungsschwimmer bereits: „Da kommt ein schlimmer Sommer auf uns zu.“