Envio-Mitarbeiter extrem PCB-belastet

Foto: WR RALF ROTTMANN

Dortmund.. Der von der Westfälischen Rundschau aufgedeckte Giftskandal um die Envio AG ist die bundesweit größte PCB-Katastrophe der letzten Jahrzehnte. Das belegen die Untersuchungsergebnisse von 30 Mitarbeitern des Entsorgers.

Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse sind erschütternd: Sie weisen dramatische PCB-Konzentrationen im Blut aus. In der Spitze liegen sie um mehr als das 25 000-fache über den Richtwerten. Die gesundheitlichen Folgen sind nicht absehbar.

Ein Erlanger Institut hat das Blut der Envio-Mitarbeiter auf sechs unterschiedliche PCB-Verbindungen analysiert. In sämtlichen Bereichen sprengen die Giftmengen die Toleranzwerte. 95 Prozent der Untersuchten haben 8600 Mal mehr PCB im Blut als der Bevölkerungsschnitt. Der Maximalwert – eine 25 600-fache Erhöhung – erschreckt auch die eigens gebildete Expertenrunde um Prof. Michael Wilhelm. „Ein schockierender Befund“, so Dr. Michael Hagmann vom Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit. „So eine außergewöhnliche Belastung haben wir noch nie gesehen, weder in NRW noch bundesweit.“

Für die Bezirksregierung Arnsberg steht der Schuldige fest: Envio. „Die PCB-Werte lassen nur einen Schluss zu“, so Abteilungsleiter Bernd Müller: „Dies ist die Folge einer jahrelangen Belastung am Arbeitsplatz.“ Offenbar habe die Firma „illegal und mit krimineller Energie gearbeitet“.

Die Betroffenen erfuhren am Samstag auf einer Betriebsversammlung von den fatalen Befunden. „Welche Folgen das für sie hat, wissen wir nicht“, gesteht Hagmann. Eine Therapie scheide aus, weil es keine gebe. Die Envio-Mitarbeiter sollen nun über Jahre hinaus medizinisch betreut werden. „In Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft sollen regelmäßige Untersuchungen stattfinden“, so Hagmann. Wegen der dramatischen PCB-Werte sind jetzt auch Tests auf Dioxine und Furane geplant.

Dr. Annette Düsterhaus, Leiterin des Dortmunder Gesundheitsamtes, sorgt sich nun auch um Mitarbeiter von Firmen in der Nähe des Envio-Geländes. 650 Beschäftigte warten auf ihre Blutwerte. Die Bezirksregierung will bei der Staatsanwaltschaft auf weiterreichende Ermittlungen gegen Envio dringen – „wegen des Verdachts auf vorsätzliche Körperverletzung“, so Müller.

Betroffene erschüttert

Für die Betroffenen war die Situation fürchterlich, als sie ihre Ergebnisse erhielten: Ein 29-Jähriger telefoniert. Am anderen Ende: die Freundin. „Hallo“, flüstert er, „ja…ich hab sie …nicht gut…weiß nicht…die Anderen auch…ganz schlecht …haben sie nicht gesagt…ich komm später…tschüss“. Ein Protokoll der Zerrissenheit. Der junge Mann hält seinen Blutbefund in der Hand. Er weiß nicht, was das alles bedeuten soll. Und wie lange er noch so gesund ist wie heute.

Zu sechst haben sie sich getroffen, hinter dem Dortmunder Hafenamt – die Männer, die gerade noch in der Envio-Betriebsversammlung saßen. Sie haben es da nicht mehr ausgehalten, „mussten hier raus“. Mit hochrotem Kopf und quietschenden Reifen sind sie abgehauen, haben laut geflucht in Richtung des Medienpulks vor dem Werkstor. 30 Minuten später fühlen sie sich klitzeklein. „Die haben so einen Scheiß erzählt, uns gefragt, ob wir rauchen oder Fisch essen. Weil auch Rauchen gesundheitsschädlich ist und Fische PCB speichern“, sagt einer und schüttelt den Kopf. „Ich esse einmal im Jahr Fisch. Aber ich habe vier Jahre bei Envio gearbeitet.“

Im Halbkreis stehen sie da, die Zettel in der Hand, und vergleichen ihre Giftwerte. „Was hast Du in PCB 52?“, fragt einer. „Ich hab viel weniger.“ Eine gespenstische Szene. Sie erinnert an Notenvergleiche nach Schulzeugnissen. Nur dass es hier um Gift geht. Um Leib und Leben.

Die Experten sind ratlos

Der Kollege neben ihm schildert, wie es gelaufen ist im „Roten Saal“ von Halle 70, in den die Firma geladen hatte. „Erst hat Betriebsärztin Dr. Kleine gesprochen, dann Dr. Hagmann vom Landesinstitut. Sie haben gesagt, dass die Werte schlimm wären. Dass sie sich das nicht erklären können. “ – „Nur Schönrednerei!“ ruft einer rein. „Das ist ein abgekartetes Spiel.“ Kein Zweifel: Für die Betroffenen stecken die Übermittler der Schreckensbotschaft mit dem Verursacher unter einer Decke. „Die haben das alles mitgemacht, jahrelang.“

Eine Stunde später: Pressekonferenz im Gebäude der Bezirksregierung. Außer Zahlen, schlimmen Zahlen, kommen auch hier nur inhaltliche Bruchstücke ans Ohr. „Damit hätten wir nicht gerechnet. Nicht in dieser Höhe“, sagt Landesgewerbearzt Dr. Michael Hagmann „mit Sorge erfüllt“. Ein „historischer Einschlag“ sei das. 21 Jahre steht er im Dienst des Landes NRW, aber eine derart dramatische Überschreitung der Richtwerte – „so etwas hat es bisher noch nicht gegeben, auch bundesweit nicht“.

Für Hagmann ist es „relativ klar“, dass die Envio-Mitarbeiter „den Großteil der Gifte eingeatmet“ haben. Doch was das alles heißt für die Betroffenen, das wissen auch die Experten nicht. Es gibt Referenzwerte zuhauf, aber kein einziger sagt auch nur irgendetwas darüber aus, welche PCB-Menge im Blut sich wann auswirkt – und wie.

Die Angst vor dem Krebs

Die verstörten Seelen am Hafenamt haben sich informiert. Einer erzählt, was er im Internet gefunden hat: „Wir können alle Krebs kriegen. Die Leber kann kaputtgehen. Oder das Immunsystem. Impotenz, Missbildungen bei Kindern. PCB geht sogar in die Muttermilch.“ Das ist das Stichwort. Der Name eines Kollegen fällt. „Der war nicht da. Der hat seine Werte noch gar nicht. Ist die Freundin von dem nicht schwanger?“ Angst und Sorge sind fast mit Händen zu greifen. Auch die Wut, blanke Wut. „Die beiden Firmenchefs waren auch da. Sie haben kein Wort gesagt“, sagt einer. „Feige. So feige sind die.“ Die geballte Faust zeigt an, welche Quittung er der Envio-Geschäftsleitung am liebsten präsentieren würde. Noch ein Name fällt, einer aus der erweiterten Führungsriege. „Der war gar nicht da. Gut für ihn, sonst...“ – wieder die Faust.

Im Regierungsgebäude köchelt das Gemisch aus Zorn und Ungewissheit kontrollierter. „Die gesundheitlichen Folgen sind nicht vorhersehbar“, sagt Hagmann. Und: „Eine Behandlung können wir nicht empfehlen, weil es keine anerkannte Form gibt.“ Jeder einzelne Betroffene bekomme erst einmal eine persönliche Beratung. Jeder werde jetzt auch auf Dioxine und Furane untersucht. Im schlimmsten Fall schlummern auch diese beiden Ultra-Gifte in den Körpern der Envio-Mitarbeiter. Spuren des Dioxin-ähnlichen PCB 118 hat das Erlanger Labor laut Hagmann schon nachgewiesen.

„Meine Gedanken sind bei den Betroffenen und ihren Angehörigen“, sagt Dr. Annette Düsterhaus, Leiterin des Gesundheitsamtes. Mitgefühl wie nach einem Sterbefall. Die Gedanken der Envio-Männer drehen sich wie Kreisel – vom Kopf in den Bauch und wieder zurück. „Was wird aus mir? Meiner Zukunft, meiner Freundin, meiner Familie.“ Der 29-Jährige zieht sich aus dem Kollegenkreis zurück. Er ruft noch mal seine Liebste an. „Sie weint“, sagt er. „Ihr geht’s genauso dreckig wie mir.“

 
 

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