Eine kleine Nachhilfe

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Ohne Kompetenz geht im Leben gar nichts. Sagt Schulministerin Barbara Sommer. Deshalb stellt sie für das Turbo-Abi in den schulischen Lehrplänen Kompetenz über Wissen. Ohne Kompetenz im Ministerium geht in den Schulen aber auch nichts.

Kompetenz ist Sachverstand. Das sagt der Brockhaus. Barbara Sommer nennt es „differenziertes Verstehen samt ergebnisorientiertem Handeln“. Das versteht zwar keiner, aber wenigstens wird deutlich, was sie nicht will: dass Kinder und Jugendliche zuviel Wissen anhäufen.

Dazu nun etwas Wissenswertes:

Erstens: Unternehmen und Universitäten schäumen nicht gerade über vor Freude, wenn sie sehen, wie schlecht ausgebildet manche ihrer Azubis oder Studenten gerade in den Kernfächern Deutsch, Mathe und Englisch sind. Dann in den entscheidenden Startjahren, in den Klassen fünf bis sieben, das Textniveau im Fach Deutsch zu reduzieren oder in Englisch weniger zu schreiben, ist der absolute Gau.

Zweitens: Nur Wissen verschafft Kindern und Jugendlichen einen guten Start ins Leben. Das alte Juristenprinzip: „Ich muss nicht alles wissen, ich muss nur wissen, wo es steht“ ist in der Schule, in der eine profunde Allgemeinbildung vermittelt werden soll, völlig fehl am Platz. Und auch falsch.

Denn nur, wer über eine gute Portion an Wissen verfügt, kann neue Informationen sinnvoll einordnen. Kann erkennen, ob es sich um eine seriöse Informationsquelle handelt und ist viel weniger manipulierbar. Gerade bei historischen oder politischen Themen muss in der Schule auch Faktenwissen vermittelt werden. Denn nur dann ist die Gefahr klein, dass der Schüler irgendwelchen hirnrissigen Theorien aufsitzt, die durch die Welt und besonders durch das Internet kursieren.

Ein Nutzer von DerWesten hat blitzschnell erkannt, wem die Verschlankung des Lehrplans, in dem Wissen weniger wichtig wird, etwas bringt: „Die Wirtschaft freut sich, da immer mehr schulisch erzeugte Gehirnleichen alles machen, was Wirtschaft & Politik sich einfallen lassen.“

Daher nun einige Methoden, wie man ein solches Desaster, wie beim Turbo-Abi, vermeiden kann:

Erstens: Man prüfe seine Vision.

Das Turbo-Abitur sorgt für Unmut und wenig Profit. Ohne wirkliche Not ist die Schulzeit verkürzt worden. In neun Jahren hatten Schüler einfach mehr Zeit, nicht nur fachliches Wissen aufzunehmen, sondern sich über die verschiedenen Arbeitsgemeinschaften und Hobbys auch persönlich aus- und fortzubilden. Wenn einem das aber nicht so wichtig ist, beachte man trotzdem und gerade deswegen Punkt zwei.

Zweitens: Auch die Umsetzung fragwürdiger Visionen braucht die richtigen Methoden.

Ein bisschen ranklotzen müssen die Ministerin und ihre Mitarbeiter schon, bevor sie ihre großen Visionen in die Tat umsetzen. Das heißt, bevor man die Schulzeit verkürzt, müssen der Lehrinhalt und der Schulalltag geregelt sein. Ein Blick nach Ostdeutschland wäre gut gewesen.

Angeblich gibt es nach Aussage des Düsseldorfer Ministeriums bereits seit dem 1.8.2007 einen verschlankten Lehrplan. Blöd nur, wenn das die meisten Eltern und Schüler nicht wissen. Die Lehrpläne für Französisch, Kunst, Musik und Sport werden gerade noch überarbeitet oder bleiben erst einmal erhalten. Scheinbar hallen die Klagen von Eltern und Schülern über einen viel zu vollgepackten Schultag nicht nach Düsseldorf – oder diese Klagen werden dort nicht ernst genommen.

Inhaltlich lässt der verschlankte Lehrplan – mangels Wissensvermittlung – ebenfalls zu wünschen übrig (siehe oben).

Und der Schulalltag ist nicht nur für die Schüler eine Zumutung. Kinder und Jugendliche bis zum Nachmittag ohne Mittagessen in der Schule sitzen zu lassen, grenzt schon an Körperverletzung. Eine Vision braucht ein Gesamtkonzept: Nur mit einer Ganztagsschule ist ein Turbo-Abitur möglich. Erst dann ist eine sinnvolle Verknüpfung von Lernen, Gemeinschaft und Hobbys möglich. Und es gibt einfach mehr Zeit, um den umfangreichen Lehrstoff in acht Jahren zu vermitteln.

Drittens: Jede Vision ist nur so gut, wie die Menschen, die an ihrer Umsetzung beteiligt sind.

Über die Lehrer hat bislang keiner gesprochen. Ob die Vermittlung von „differenziertem Verstehen und ergebnisorientiertem Handeln“ auf den Uni-Lehrplänen stand? Wohl eher nicht. Deshalb hätte die Schulministerin mit dem Turbo-Abi warten müssen, bis die Lehrer für die neuen Herausforderungen fit gemacht worden wären.

Deshalb, Frau Sommer, bleibt für Sie nur eines: Nachsitzen und nacharbeiten. Schon in der Schule lernt man, sich weit reichende Entscheidungen Schritt für Schritt zu erarbeiten und realitätsnah umzusetzen. Systematik ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort.

 
 

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