Ein zweifelhaftes Jubiläum

Ruhrgebiet. Die Urkunde, an der sich die Feierlichkeiten zum 750-jährigen Jubiläum der Knappschaft orientieren, könnte gefälscht sein. Die Geister streiten sich.

Die Feiern zum 750-jährigen Jubiläum der Knappschaft-Versicherung der Bergleute könnten kaum größer sein. Die Sender ZDF, WDR und NDR strahlen Sondersendungen aus, und am 19. Januar ehrt auch noch Bundeskanzlerin Angela Merkel die Versicherung in der Zeche Zollverein. Viel Aufmerksamkeit für eine im Wettbewerb stehende Krankenkasse.

Aber ist das gefeierte Jubiläum überhaupt eines? Nach Recherchen der WAZ gibt es durchaus Zweifel am Datum der Feierlichkeiten. Um zu verstehen warum, gilt es die Details aufzuschlüsseln.

Das Jubiläum der Knappschaft stützt sich auf eine Urkunde aus dem Mittelalter. Die Bruderschaft der Kirche St. Johannes in der Nähe von Goslar wird darin unter den Schutz der Hildesheimer Bischöfe gestellt, weil sich diese Bruderschaft um gebrechliche Bergleute kümmert. Ein wichtiges Privileg: Die Brüder genossen damit Rechtssicherheit.

Nach Ansicht der Knappschaft ist dies der Beginn der Bergmannsversicherung. Die Urkunde wird Bischof Johann I. von Brakel zugeschrieben. Sie ist datiert „im Jahre des Herrn 1260, am Tag der unschuldigen Kinder.“

Der Bochumer Mittelalterforscher Professor Werner Bergmann glaubt, die Urkunde ist gefälscht. Dies war im Mittelalter durchaus üblich. Oft entstanden die Fälschungen nicht einmal mit schlechtem Gewissen. Geistliche oder Adelige versuchten einfach Rechte zu fixieren, von denen sie glaubten, sie stünden ihnen sowieso zu.

Im Fall der Knappschaft führt Professor Bergmann mehrere Merkwürdigkeiten an. So sei keine unverdächtige Urkunde von Bischof Johann in der heute gebräuchlichen Form der Jahreszählung nach Christi Geburt datiert. Stattdessen hätten Johanns Beamten die Jahre gezählt, die der Bischof geherrscht habe. Sie hätten also in einer Urkunde nicht das Jahr 1260 fixiert, sondern das Jahr drei der Herrschaft von Bischof Johann.

Weitere Fehler sieht Bergmann in der Ortsangabe und in der Art und Weise wie die Urkunde verwahrt wurde.

Schließlich führt der Mittelalterforscher an, am Tag der unschuldigen Kinder im Jahr 1260 war Bischof Johann I von Brakel bereits einige Monate tot, er starb im September des Jahres. Der Tag der unschuldigen Kinder ist aber der 28. Dezember. Johanns Nachfolger Otto I. von Braunschweig-Lüneburg wurde zudem am 9. Oktober gewählt. Ottos Beamten werden im Dezember aber keine Urkunde mehr im Namen von Johann ausgefertigt haben. „Es deutet alles darauf hin, dass die Urkunde eine Fälschung ist“, sagte Professor Bergmann der WAZ.

Selbst wenn man dem Bochumer Forscher hier nicht folgen will und die Urkunde für echt hält, bleibt das Problem mit dem toten Bischof. Dies glaubt allerdings Professor Theo Kölzer von der Uni Bonn erklären zu können. Er gibt zu bedenken, dass im Mittelalter häufig Neujahr nicht am 31. Dezember, sondern zu Weihnachten gefeiert wurde. In diesem Fall wäre die Urkunde am 28. Dezember 1259 ausgestellt worden und nicht im Jahr 1260. Zu einem Zeitpunkt also, an dem Bischof Johann I. noch gelebt hätte. Das bedeutet allerdings auch: wenn die Urkunde echt ist, hätte die Knappschaft ihr Jubiläum ein Jahr zu spät gefeiert.

Kein begründeter Zweifel an der Echtheit

Die Knappschaft bestreitet, aus Hoffnung auf eine werbewirksame Feier, Fehler gemacht zu haben. Herbert Metzger, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Versicherung, sagt, es gehe bei dem Jubiläum auch nicht um die Knappschaft selbst, sondern um die lange Tradition aller Sozialversicherungen.

Der Leiter der Forschungsabteilung im Bochumer Bergbaumuseum, Christoph Bartels, hat die Urkunde im Auftrag der Knappschaft untersucht. Er sagt, es gebe keinen begründeten Zweifel an der Echtheit des Dokumentes. Seit dessen Veröffentlichung vor gut 100 Jahren sei zudem das Datum nie kritisch hinterfragt worden. „Ich nehme die Korrektheit des Jubiläums auf meinen Namen“, sagte Bartels.

 
 

EURE FAVORITEN