Ein Geschichtensammler an der Emscher

Norbert Schaldach resit rund zwei Monate mit seinem Fahrrad entlang der Emscher reist und sammelt dort Geschichten.
Norbert Schaldach resit rund zwei Monate mit seinem Fahrrad entlang der Emscher reist und sammelt dort Geschichten.
Foto: Kai Kitschenberg
Zwei Monate nimmt sich Norbert Schaldach, um „die Schwatte“ zu bereisen. Er schenkt der Region seine Zeit, sie revanchiert sich mit Geschichten.

Dortmund. Es ist eine dieser Stellen, wo das Ruhrgebiet glaubhaft so tut, als sei es ein Dorf im Sauerland. Links wiegt sich ein Getreidefeld, rechts rauschen die Bäume, dazwischen plätschert ein Bächlein allerliebst durch wilde Wiese; nur das Hintergrundbrummen der unsichtbaren A 40 stört ein bisschen unsere Weichzeichnung. Eine junge Frau geht gerade vorbei, sie hat ein Baby vor den Bauch gebunden. „Fast hätte ich sie angesprochen“, sagt Norbert Schaldach drei Sekunden später: „Sie hat so freundlich geguckt.“

Offenheit ist seine Währung

Ansprechen ist sein Handwerk, Offenheit seine Währung, Kontaktfreude sein Talent. Der Mann erkundet auf liebevolle Weise die Art der Menschen an der Emscher. Und findet: seinesgleichen.

Das Bächlein ist nämlich die renaturierte Emscher, das Sauerlanddorf ist Dortmund, bei Dorstfeld. Und wer ist dieser Schaldach? Geboren vor 63 Jahren in Dinslaken, „aber das Wohnzimmer guckte schon auf Duisburg“; und die Emscher war in Riechweite, war „Heimatgeruch“. Sozialpädagoge ist er geworden und fortgegangen, ein Bielefelder geworden. Freundlicher Mensch war er vorher schon und ist er auch geblieben.

Seit zehn Tagen ist Norbert Schaldach also wieder da, auf seinem Fahrrad, er will die Emscher erkunden und die Menschen, die da leben, und seine Erinnerungen abgleichen mit der Gegenwart. „Ich hatte drei, vier Wochen eingeplant“, sagt der frischgebackene Rentner, sieht aber bereits voraus, es könne auch Oktober werden – tatsächlich ist er nach zehn Tagen nicht nennenswert über Dortmund hinausgekommen. „Die Leute sind so offen“, sagt er: „Wenn man nach dem Weg fragt, fahren sie vor oder laufen mit oder holen das Handy raus und gucken, wo das ist.“

Schaldach schreibt darüber im Internet, und die bisherigen Einträge beweisen: Er kann das. Über den Rathausplatz von Holzwickede: „Dann eilt die nette Dame ins Rathaus und bringt mir für die Weiterfahrt ein offizielles Geschenk der Stadt. Lecker Schokolade.“ Über die Trinkhalle „Titanic“: „Öffnungszeiten, die auf mich wirken wie 25 Stunden.“ Oder über ein Fest im Park: „Alle sind erstaunlich nett – zu sich, zu mir, zum Leben . . . Mimi erklärt mir, dass der Fredenbaumpark an den Dortmund-Ems-Kanal grenze und der wiederum so eine Art Schwippschwager der Emscher sei.“

Man ahnt es schon, er lässt sich treiben. Nichts gebucht, keine Termine. „Die Emscher bestimmt meinen Weg.“ Nachts zieht Norbert Schaldach am liebsten in ein Fremdenzimmer, „da hat man schnell Kontakt zu den Betreibern“, private Unterkunft hat er aber auch schon gefunden. Und erkannt: „Die Emscher ist wie die Menschen. Zuverlässig und geduldig.“ Später wird er die Emscher mit Bielefeld vergleichen, wo er wohnt: „Beide werden stark unterschätzt.“ Was er noch nicht gefunden hat, ist der alte Heimatgeruch. Lieber Herr Schaldach, weiter im Westen des Reviers werden Sie ihn noch finden.

Freude über eine Einladung

So. Er könnte jetzt endlich mit der Emscher weiterradeln nach Castrop-Rauxel hinüber. Oder soll er noch den Mann anrufen, von dem ein neuer Bekannter ihm erzählte, der habe über die Emscher geforscht? Dann hat er noch „die Telefonnummer des Dorfsheriffs vom Borsigplatz, das wäre auch eine Möglichkeit.“ Oder DJ Ante Perry, den er kennen gelernt hat im Fredenbaumpark? „Ich bin ja ein Flaneur, kein Sportler.“ Am nächsten Tag sieht man in seinem Blog: Er ist wieder mehr nach Dortmund hinein gefahren. Zur Mallinck­rodtstraße. Sie überquert die Emscher.

Ein einziges Mal in all den Tagen ist Schaldach aufgelaufen. Als er zwei Frauen ansprach, die sich ein Ausstellungsstück der „Emscherkunst“ anschauten. „Die haben geguckt, als wollte ich sie anmachen“, sagt er: „Die waren bestimmt von auswärts.“

 
 

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