Duisburg-Rheinhausen: Nicht tot, aber auch nicht richtig lebendig

Foto: Hans Blossey

Duisburg. "Tothausen". So wurde Rheinhausen genannt. Damals, als Krupp geschlossen werden sollte. Heute, 20 Jahre und einen erbitterten Arbeitskampf später, ist der Stadtteil nicht tot. Aber auch nicht richtig lebendig. Jedenfalls nicht überall.

Das, was die Politik Strukturwandel nennt, hat sich auf dem ehemaligen Gelände des Krupp-Stahlwerks Rheinhausen breit gemacht. Hier waren 1987 noch rund 6000 Kruppianer beschäftigt; ihr ebenso erbitterter wie legendärer Arbeitskampf konnte die Schließung des Stahlwerks 1993 nicht verhindern.

Logport: Hier lebt der Stadtteil

Auf einer 265 Hektar großen Fläche stehen daher heute bunte Container in Reih und Glied, ragen blaue Kräne in den grauen Himmel, buddeln gelbe Bagger tiefe Löcher. Im Minutentakt poltern schwere Lastwagen vorbei. Hier lebt der Stadtteil, das ist nicht zu überhören: Über dem gesamten Gebiet liegt ein geschäftiges Brummen. Logport, das ist die "multimodale Logistik-Drehscheibe" Duisburgs. Soll heißen: Auf einer Industriebrache ist "einer der Top-Logistikstandorte Europas" entstanden.

So verkünden es die Logport-Offiziellen auf ihrer Internetseite. Man ist stolz: 50 Unternehmen haben sich mittlerweile in Rheinhausen angesiedelt, darunter 25 national und "international führende Logistikfirmen". Es gibt einen Logport-Rangierbahnhof mit zehn Gleisen, ein Hafenbecken und zwei Container-Terminals.

Wie wichtig Rheinhausen für die Wirtschaft der Stadt ist, fasst Logport-Sprecher Tim-Oliver Frische zusammen: "Logport ist sehr, sehr wichtig für Duisburg und den Hafen. Wir sind der am schnellsten wachsende Logistikplatz Europas, bei uns hat beispielsweise die größte japanische Reederei ihre Deutschlandzentrale eröffnet. Und wir sind als ,Ausgewählter Ort 2007’ Teil der Bundes-Initiative ‚Deutschland – Land der Ideen’." Nicht zuletzt: 2500 neue Arbeitsplätze seien im Duisburger Westen entstanden.

Doch direkt profitieren die meisten Rheinhausener davon nicht. "Erstens sind das nicht alles Vollzeitstellen. Und zweitens haben viele Unternehmen ihre Mitarbeiter aus anderen Städten mitgebracht." Das sagt Karsten Vüllings, Vorsitzender des Werberings.

Der 49-Jährige Mann mit dem Schnauzbart sitzt in seinem kleinen Büro im Herzen von Rheinhausen und bläst den Rauch seiner Zigarette in die Luft. Er weiß, dass die Arbeitslosigkeit in seinem Viertel mit acht Prozent im Vergleich relativ gering ist. Er weiß, dass viele sagen würden, dank Logport und dem Gewerbegebiet in Asterlagen floriere Rheinhausen. Dass der Satz "Wenn die Hütte stirbt, stirbt Rheinhausen" nicht wahr geworden ist. Nein, tot sei der Ort nicht. "Aber die Blütezeit ist vorbei", stellt Vüllings nüchtern fest.

"Wir halten uns gerade so über Wasser"

Er erinnert sich: Durch den wochenlangen Arbeitskampf, den die Kruppianer ausfochten, durch die Demonstrationen, Mahnwachen und die Besetzung der Rhein-Brücke sei ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden. "Es ist damals ein Ruck durch die Bevölkerung gegangen. Man beherzigte das Motto ‚Hier lebe ich, hier kaufe ich ein’", erzählt Vüllings, "wir hatten hier so viele gut laufende Fachgeschäfte, dass andere Stadtteile ganz neidisch zu uns rüberschielten."

Heute schielt keiner mehr rüber, Rheinhausen hat mit denselben Problemen zu kämpfen wie die meisten Städte im Ruhrgebiet: Von den alt eingesessenen Einzelhändlern sind nur ein wenige geblieben. In der kleinen Fußgängerzone des Stadtteils gibt es zwar kaum Leerstände wie in den umliegenden Straßen. Dafür sieht man hier immer mehr Billig-Läden. "Seit 2000 haben wir 30 angestammte Fachgeschäfte verloren. Sehen Sie selbst, wir halten uns gerade so über Wasser", sagt Vüllings.

In der Nähe eines Ein-Euro-Shops in der Friedrich-Alfred-Straße steht eine Gruppe Rentner. "Alles Kruppianer", erklärt einer der Herren lachend, "wir treffen uns regelmäßig hier, um zu quatschen." Darüber zum Beispiel, dass die Jungen keine Arbeit finden: "Früher biste zu Krupp gegangen – und heute?" fragen die Männer. Sie unterhalten sich darüber, dass im Jahr 2006 zum ersten Mal weniger Menschen nach Rheinhausen kamen als weggezogen sind. Oder dass die Fachgeschäfte sterben. "Es gibt ja bald keinen Laden mehr, in dem man anständige Damenoberbekleidung kaufen könnte", sagen sie. Vüllings passt das nicht: "Wir müssen dem Stadtteil wieder eine eigene Identität geben."

Wie das gehen soll – das weiß der 48-Jährige nicht. "Die Politik hat in den letzten 15 Jahren eine Menge versäumt. Die Stadtteilentwicklungspläne, die jetzt vielerorts erstellt wurden, kommen zu spät." Eine professionelle Agentur haben Vüllings und sein Team deswegen angeheuert. Jetzt müssen die Profis ran. Ein "Tothausen" soll es niemals geben.

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