Duisburg, acht Tage vor dem Termin der OB-Abwahl

Duisburgs OB Adolf Sauerland steht seit 18 Monaten im Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Am 12. Februar- kommende Woche Sonntag - können die Duisburger darüber abstimmen, ob er im Amt bleiben soll oder nicht.
Duisburgs OB Adolf Sauerland steht seit 18 Monaten im Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Am 12. Februar- kommende Woche Sonntag - können die Duisburger darüber abstimmen, ob er im Amt bleiben soll oder nicht.
Foto: WAZ FotoPool
18 Monate nach der Loveparade-Katastrophe stehen die Bürger der Stadt Duisburg vor der Entscheidung ihren Oberbürgermeister Adolf Sauerland: Das Rathaus ist gelähmt, die Stadt tief gespalten. Es ist ein zähes Ringen - bis zum Abwahltermin am kommenden Sonntag.

Duisburg. Dieser Ort ist parteiisch. Diese Kerzen, diese Blumen, die Steine, die zusammengelegt sind wie zu einem Grab; die Fotos der Toten natürlich, die verblasst sind. An der Rampe stehen weiter Abschiedsworte, „Ruht in Frieden“, auch stehen da Sätze aus Liebe: „Du bist nicht mehr da, wo du warst, aber du bist überall, wo wir sind.“ Und da stehen Anklagen, Anklagen wie: „Verantwortung übernehmen!“ Nein, dieser Unglücksort ist parteiisch.

Wer die Abwahl hat,hat die Qual

18 Monate danach entscheidet Duisburg über ein Stück politische Verantwortung für die Loveparade, so wie sie ins Unglück lief: Am 12. Februar steht Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) zur Abwahl. Der Quell war Empörung: Empörung über eine Paradenplanung, die einfach zuließ, dass 21 Menschen getötet wurden, Hunderte verletzt und Tausende verstört; und Empörung über jenen Auftritt der Organisatoren am Tag danach, als Sauerland, wenn man es ein wenig zuspitzen wollte, den Eindruck hinterließ, er sei von einer Art Loveparade in seiner Stadt selbst am meisten überrascht worden.

Freilich kann sich kein Mensch 18 Monate empören. Genau das ist das Problem der Abwahlkampagne.

Werner Hüsken ist ein großer, schwerer, freundlicher Mann, Intensiv-Krankenpfleger und einer der Vorsitzenden der Initiative „Neuanfang für Duisburg“. Im Gegensatz zu Parteipolitikern gilt Hüsken in dieser Sache als „herzgeleitet“ denn er hatte am Abend des 24. Juli 2010 selbst Angst um sein jüngstes Kind auf der Loveparade. Und man kann sagen, dass er seitdem nicht mehr locker ließ.

„Wenn ich mein Kind dahin gehen lasse, habe ich den Anspruch, dass es sicher zurückkehrt. Dazu ist staatliche Gewalt da“, sagt der 59-Jährige. Er vergleicht die Loveparade-Planung mit einem Autofahrer, der über eine Kuppe rast, ohne auf Gegenverkehr zu achten: „Kann ja auch gut gehen.“ Wenige Tage nach dem Unglück stellte Werner Hüsken in der Fußgängerzone einen einsamen Klapptisch auf und begann, Unterschriften gegen den Oberbürgermeister zu sammeln. Jetzt, acht Tage vor dem Wahltag, legt er sich deutlich fest: „Ich bin sehr sicher, dass er abgewählt wird.“

Zuversichtlich geben sich beide Seiten, aber wetten möchte doch lieber niemand. Hüsken ist einer der wenigen, die eine Voraussage wagen – und dann diese! Denn die Hürde, die sie nehmen müssen, ist fast 92.000 Stimmen hoch, ein Viertel der Wahlberechtigten, und das in einer politikmüden Stadt. Freilich geht auch das tägliche Gerücht um, wie hoch die Beteiligung ist bei der Briefwahl; man ist angeblich jenseits von 35.000, und das wäre eine große, eine sprechende Zahl.

Sicherheitsleute bei der Ratssitzung

OB Sauerland macht derweil seine Oberbürgermeistertermine, hier eine Rede, dort eine Einweihung, dann eine Ratssitzung – am Montag dieser Woche, und eventuell ist es seine letzte. Da sitzt er, wo er auch saß bei der komplett verunglückten Pressekonferenz; aber jetzt leitet er eine Ratssitzung, und diesen Job hat er im Griff. Etwas hemdsärmelig, effizient und freundlich entschlossen („Schiet-egal“) führt er die Versammlung und lässt sich nichts anmerken. Dezernentenwahl, Bebauungsplan, Haushalt: eine Ratssitzung wie Hunderte – wären da nicht anfangs zwei Uniformierte aus dem Sonderaußendienst des Ordnungsamtes auf den Zuschaueremporen.

Sie kommen immer, wenn Störungen nicht auszuschließen sind. Zuletzt waren sie öfter da. Fragt man Beobachter von innen und außen nach der Stimmung im Rathaus, dann fallen Worte wie „angespannt“ oder „sehr nervös“, „Wagenburg“, „wie gelähmt“. Und Bürger, denen irgendein städtisches Verhalten nicht passt, sind in den Amtsstuben schnell mit der Loveparade bei der Hand. Zum Beispiel so: „Bei der Loveparade habt ihr doch auch alles genehmigt.“

Draußen, in den Duisburger Straßen, darf man sich dabei keinen Wahlkampf vorstellen. Da hängen zwar Abwahlplakate, Infostände irrlichtern über Marktplätze und Handzettel landen in Briefkästen. Die Parteien mischen mit, treten aber nicht als die Parteien auf. Vor dem Hintergrund der Katastrophe „verbieten sich Tamtam und bunte Luftballons sowieso“, so der SPD-Parteimanager Jörg Lorenz.

Einzig das weiße Zelt der Abwahlinitiative wird jeden Donnerstag-, Freitag- und Samstagmorgen in der Fußgängerzone aufgebaut und abends wieder abgebaut, ganz in der Nähe dieses bunten Niki-de-Saint-Phalle-Brunnens. Vor dem Zelt bleiben Menschen stehen, sie diskutieren, denn hierher kommen durchaus nicht nur die Überzeugten, und ein ziemlich typischer Satzfetzen ist: „Ich brauche mir nur die Pressekonferenz anzusehen und sein Verhalten danach!“ – „Warum machen Sie einen unbescholtenen Mann schlecht?“

Wenn Hüsken diese Diskussionen sieht, dann denkt er über den 12. Februar hinaus: „Es zeigt sich, mit Engagement und Zivilcourage kann man was bewegen. Das wird nicht nur dieser Wahl zugute kommen.“

 
 

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