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Dortmunder kämpfen mit Fotobuch gegen Image der Nordstadt

Dortmunder kämpfen mit Fotobuch gegen Image der Nordstadt

Das Image der Dortmunder Nordstadt ist geprägt von Armutszuwanderung, Prostitution und Kriminalität. Die Bewohner wehren sich gegen das miese Image ihres Quartiers mit einem Fotobuch und beteuern: „Wir wohnen gerne in der Nordstadt“.

Dortmund. 

Wie eine Grenzlinie ziehen sich die Gleise der Bahn quer durch Dortmund. Hier die aufstrebende City, dort die Nordstadt, das Quartier der Elenden. So zugespitzt das klingen mag, das Image dieses Stadtteils, dieses Schmelztiegels von Menschen aus mehr als 130 Nationen, ist derart lädiert, dass sich selbst viele Dortmunder nicht dorthin trauen. Nun begehren die Bewohner der Nordstadt auf. Mit dem Fotobuch „Wir. Echt Nordstadt“ präsentieren sie ihren Stadtteil von seiner schönsten Seite. Szenig, kreativ und – vor allem – liebenswert.

Allein das Schüchtermann-Karree wäre, läge es nur in einem anderen Teil der Stadt, eine der Top-Adressen Dortmunds. So wohnt man gerne. In stuckbewehrten Gründerzeithäusern, mit hohen Decken, Dielenböden und Balkonen zum grünen Innenhof. Hier spielen Kinder, hier trifft sich auch, allmontaglich, ein Haufen Fahrrad-Verrückter. „Velokitchen“ nennen sie ihre Werkstatt, in der jeder, der mag, unter ihrer Anleitung sein Fahrrad reparieren kann. Kostenlos. Einzig eine Spende wird erwartet, und das darf auch gerne eine Kiste Tomaten sein. Denn wer geschraubt hat, hat auch Hunger, der kocht und isst gern miteinander.

An Fahrrädern schrauben und gemeinsam essen in der „Velokitchen“

„Velokitchen“ ist eine der 106 Gruppen, die sich für das Fotobuch haben ablichten lassen. Vor ihrer Garage, mit Fahrrädern natürlich und jeder Menge Lebensfreude in den Gesichtern. Eine charmante Truppe, die nebenbei manchem eine Heimat gibt. Auch den Kindern der Nachbarschaft, die immer mal wieder mit ihren BMX-Rädern vorbeigucken, um zu schrauben.

Drei Monate zogen die Fotografen Dietmar Wäsche und Klaus Hartmann mit ihren schreibenden Kollegen Claudia Behlau, Irmine Skelnik und Alex Völkel kreuz und quer durch die Nordstadt. Sie trafen Kleingärtner, Szene-Kneipen-Gründer, Feuerwehr-Trupps, Männerchöre, Theater-Macher, Klettergruppen, sprachen mit Gläubigen in der Moschee und mit Kulturschaffenden der Paulus-Kirche.

„Ich dachte, ich würde die Nordstadt kennen. Aber nach dieser Arbeit rund um das Buch gefällt sie mir noch besser als vorher“, sagt Fotograf Dietmar Wäsche. Vor zwei Jahren zog er aus dem Sauerland nach Dortmund. „Was, Du ziehst in die Nordstadt? Ist denn nichts im Kreuzviertel frei?“, fragten Freunde verständnislos. Inzwischen sähen auch sie, dass dies ein „tolles Viertel“ sei. Wegen der vielen Szene-Kneipen und Cafés, wegen der bunten Vielfalt.

Die Idee für den Band stammt aus einem ähnlichen Projekt in Rotterdam. Auch dessen südliche Stadtteile sind ein Magnet für Zuwanderer, sind mit Problemen und Vorurteilen konfrontiert wie die Nordstadt. „Wir haben seit Jahren engen Kontakt zu Stadtteil-Arbeitern dort. Die Idee, mit Fotos für ihre Viertel zu werben, hat uns in­spiriert“, sagt Martin Gansau vom Quartiersmanagement Nordstadt.

Neugier wecken auf den Stadtteil

3000 Fotobücher werden in einer ersten Auflage im Oktober erscheinen. Ausliegen wird das Buch nicht nur in der Nordstadt selbst, sondern auch und gerade in anderen Vierteln. Im Rathaus, beim Friseur oder Arzt. Überall dort, wo Menschen Zeit haben, darin zu blättern. Die aus der Nordstadt werden sich selbst darin finden oder jemanden, den sie kennen. Die außerhalb, in den vermeintlich besseren Ecken Dortmunds, sollen neugierig gemacht werden auf einen Stadtteil, den sie sich womöglich noch nie näher angesehen haben.

Und vielleicht werden sie dabei entdecken, dass die Nordstadt einiges mehr ist als eine Behausung für die Armuts-Zuwanderer, die sich gerade sonntags auf der großen Achse des Stadtteils, auf der Mallinckrodt-Straße, tummeln. Rumänen, Bulgaren, die aus prekären Verhältnissen kommen, die all ihre Lebensgewohnheiten mitbrachten. Vielleicht hilft das Fotobuch, die Nordstadt mit etwas anderen Augen zu sehen. Weil es hier trotz der Probleme große Toleranz unter den Nationalitäten gibt, und sich längst Studenten niederlassen. Wie sagt es Axel, einer der Schrauber von Velokitchen: „Es ist klassenloser hier. Es ist pralles Leben!“