Die Giftfirma

Dortmund..  Den höchsten Preis des PCB-Skandals zahlen wohl Mitarbeiter der Giftfirma. Zwei haben sich bereits untersuchen lassen – mit fatalem Ergebnis: bis zu 50-fach erhöhte PCB-Werte im Blut. Samstag gibt es weitere Befunde. Dann erfahren 30 Mitarbeiter der Dortmunder Entsorgungsfirma Envio, wie es um sie steht. PCB gilt als krebserregend.

Belasteter Grünkohl

2008: Der Umwelt-Krimi beginnt beinahe beschaulich – im Gemüsebeet einer Dortmunder Kleingartenanlage. Bei Feinstaubmessungen im Hafenumfeld fallen erhöhte PCB-Werte auf. Das Gift steckt unter anderem in angebautem Grünkohl. Die Bezirksregierung Arnsberg sucht den Verursacher, findet ihn aber nicht – auch weil sie Hinweise auf die Envio AG lange falsch einschätzt. Die Firma reinigt PCB-verseuchte Geräte mittels „eines der sichersten und umweltfreundlichsten Verfahren weltweit“, so die Eigenwerbung. Der giftige Kern unter dieser Öko-Hülle wird erst im Mai 2010 sichtbar. Ein anonymer Hinweis führt zu einem Transformator, der im weißen Bereich der Firma steht – dort, wo Gift gesetzlich tabu ist, weil jedermann ungeschützt Zugang hat. Das „gereinigte“ Gerät wird untersucht. Es steckt noch voller PCB. Arnsberg legt einen Betriebszweig still.

Bald erhebt ein Ex-Produktionsleiter schwere Vorwürfe gegen Envio. PCB-belastete Trafos seien im Freien zerlegt worden, das Gift unkontrolliert in die Umwelt gelangt. Das Unternehmen dementiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Interne Firmenprotokolle belegen: Der Entsorger hat systematisch gegen Auflagen und Sicherheitsrichtlinien verstoßen, technische Mängel vertuscht, Firmen und Behörden getäuscht. Die Protokolle dokumentieren marode Anlagen und Schlampereien. Als die Westfälische Rundschau in Dortmund die Dokumente veröffentlicht, durchsucht der Staatsanwalt die Firma, beschlagnahmt Akten. Einen Tag später ist Envio dicht. Auf dem hochgradig verseuchten Firmengelände werden neben PCB auch Dioxine und Furane gefunden.

„Gegen kriminelle Energie sind wir machtlos“, sagt Bernd Müller, zuständiger Arbeitsschützer in Arnsberg. Envio habe „frevelhaft und menschenverachtend“ gearbeitet. Doch auch die Überwachungsbehörde steht am Pranger. „Ich bezweifle die Qualität der Kontrollen der Bezirksregierung“, sagt Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau. Die Tatsache, dass die Inspekteure ihre Besuche vorher anmeldeten, attackieren auch die Grünen im Stadtrat. Die Bezirksregierung pflege „keinen Behördenschlaf mehr, die liegt schon im Koma“, so Ulrike Märkel.

Die Dortmunder Staatsanwaltschaft ermittelt nicht nur wegen gefährlicher Körperverletzung. Sie geht auch Betrugsvorwürfen nach. In drei Jahren Envio hat ein Schichtleiter „das vermeintlich so sichere und saubere LTR2-Verfahren“, die gerühmte Schlüsseltechnologie des PCB-Entsorgers, „nie kennengelernt“. Allerdings: „Wenn sich Besucher angekündigt hatten“, seien Anlagenteile präpariert worden, um die Technik zu simulieren. „Sobald die Kunden oder Behörden weg waren, kamen wieder die maroden Maschinen zum Einsatz.“ Ein halbes Dutzend Beschäftigte, ehemalige und aktuelle, bestätigen diese Darstellung. Envio weist sie als „Unterstellung“ zurück.

Doch Kunden haben den Glauben an den gefallenen Umweltengel verloren. „Völlig entsetzt und ungläubig“ blickt Dr. Harald Allhorn, Geschäftsführer der Carl Herholz GmbH, auf den Giftskandal. Die Essener Firma bezog Material von Envio. „Die Lieferpapiere sagten: Alles okay. Als dann die Bombe hochging, konnte ich es nicht fassen“, sagt Allhorn. „Eine schlimme Geschichte“, meint auch Wilhelm Bötzel, Chef eines Wittener Entsorgungsfachbetriebs. Der hat seit November 2009 200 Tonnen von Envio bekommen – „gespülte Bleche“, wie es hieß. Wie sauber oder dreckig sie tatsächlich waren, „weiß heute niemand – unvorstellbar.“ Bötzel schüttelt den Kopf. „Das Kapitel Envio ist für uns erledigt.“ Er lasse rechtliche Schritte prüfen.

Klagewelle erwartet

„Eine Klagewelle“ erwartet Oberstaatsanwältin Dr. Ina Holznagel. „Zivilprozesse, verwaltungsrechtliche Verfahren, Schadensersatzklagen von Mitarbeitern und Abnehmerfirmen“ sieht sie auf Envio zukommen. Erste Entschädigungs- und Regressansprüche werden formuliert. Ein Mitarbeiter, der PCB im Blut hat, will auf vorsätzliche Körperverletzung klagen. Auch Ex-Beschäftigte, darunter einige Leiharbeiter, haben sich anwaltliche Hilfe geholt.

Chancen hätten sie, meint Prof.Ellen Fritzsche, Molekulartoxikologin an der Uni Düsseldorf. Sie empfiehlt regelmäßige Untersuchungen. Im Falle einer Erkrankung könnten Betroffene „die Firma zur Rechenschaft ziehen“. Das Gesundheitsrisiko sei aktuell kaum absehbar, das Gift kann eine Vielzahl von Krankheiten hervorrufen. Und: „Es gibt keine Therapie gegen PCB.“

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