Die erste Runde mit dem Rollator

Hubert Wolf
Rollatorkurs für Senioren vor dem AWO-Altenheim in Gladbeck. Die Kursteilnehmer drehen zwei lässige Runden durch den kleinen Park hinter dem Altenheim.
Rollatorkurs für Senioren vor dem AWO-Altenheim in Gladbeck. Die Kursteilnehmer drehen zwei lässige Runden durch den kleinen Park hinter dem Altenheim.
Foto: Jakob Studnar
In Gladbeck absolvieren betagte Frauen und Männer einen Grundkurs mit der Gehhilfe. Denn der Umgang mit dem rollenden Gefährt will geübt sein.

Gladbeck. Rentfort-Nord ist die Stadtteil gewordene Sozialdemokratie. Wohntürme der 60er-Jahre, gruppiert um Begegnungsstätte und Arbeiterwohlfahrts-Kita, Stadtteilcafé, Altenzentrum, die Gesamtschule natürlich – und die Haltestelle des Bücherbusses ist das rote I-Tüpfelchen. Ein wenig lebt dieser Geist des unausgesetzten Umsorgens offenbar weiter, denn im Park hinter dem Altenzentrum wird gerade ein Kurs gegeben, den es so in Deutschland noch nicht gab. Grundkurs Rollator.

Am Schild „Kein Winterdienst. Benutzung auf eigene Gefahr“ sind sie vorbei, nun bewegt sich eine kleine Karawane grauhaariger Menschen mühsam in den Quälingspark (!), elf Frauen, drei Männer, viele sind weit über 80 und schlecht auf den Beinen; dann die Übungsleiterin, einige Helfer. „Und ihr wisst, die Beine immer schön heben“, ruft Doris Knappmann, die Geschäftsführerin des Vereins „Sport für betagte Bürger (SfbB)“; und als Frau S. am Rand einer Kurve ihren Rollator in eine Art Maulwurfshügel fährt und schwankt, greifen sofort Hände zu. Einige der Teilnehmer wohnen hier im Altenzentrum, andere in der Nähe. Ein Mann kam mit dem Auto gefahren. Gehen? Ganz schlecht!

Das hier ist mehr als die recht verbreitete Hacke-Spitze-Gymnastik mit Rollator. „Viele Menschen sehen ihren Rollator als Feind, als Teil in ihrem Leben, mit dem sie sich nicht anfreunden können“, sagt Übungsleiterin Heidi Danzer. Rollator steht für: alt, krank, unselbstständig. Und die Angst fährt mit: Viele Menschen sind unsicher mit dem Gerät. Das will Danzer ihnen nehmen. Mit praktischen Übungen, zehnmal eine Stunde morgens. Wie bewältige ich Stufen, vermeide ich Stürze? „Laden Sie nicht fünf Kilo Kartoffeln in den Rollator, dann ist er nicht mehr stabil.“

Rollatoren kommen in Fahrt

Links geht es an einem Teich vorbei, rechts liegt ein großer und schöner, aber symbolhaft verwaister Spielplatz. Dazwischen ein leichtes Gefälle, und die Rollatoren reagieren wie alles rollende Gerät: Sie kommen etwas in Fahrt. „Und morgen machen wie die Rallye Monte Carlo“, sagt eine der alten Damen wackeligen Schrittes.

Doch geht niemand zu Boden, nur langsam sind sie, und die ersten brauchen nach 200 Metern eine Pause. „Erst stellen Sie das Gerät fest, dann können Sie sich draufsetzen!“

„Wenn meiner Frau der Rollator abhaut, dann liegt sie da“, sagt Emil Roth (86), der keinen braucht. In der Regel gehen die beiden nur zusammen aus dem Haus, um sie, um Hannelore Roth (84) abzusichern. „Wenn sie ruckelige Wege geht, und das schüttelt so, dann geht sie fast lieber auf der Straße“, sagt er, weiß aber auch, das Rollatoren an sich sehr hilfreich sind: „Wer heute einen Rollator benutzt, saß früher auf dem Sofa. Die kamen nicht mehr raus.“

Arbeiterwohlfahrt und SfbB bieten diesen Kurs gemeinsam an, in Duisburg hatten sie mal etwas Ähnliches gesehen; noch ist er gratis, gesponsert von einer Apotheke. Nach dem Aufruf „hatten wir so viele Anrufe, wir könnten eigentlich in allen Stadtteilen das anbieten“, sagt die Geschäftsführerin Doris Knappmann. Der Bedarf wäre sicher da, und man darf mal voraussagen: Solche Angebote werden üblich, und man wird sie überall belegen können, aber dann als Kurs mit Gebühr.

Nach der Stunde bilden sie wieder einen Rollatorenkreis vor dem Heim. Werden animiert, eines dieser furchtbaren Liedchen zu singen, die man alten Leuten oft aufdrängt. Am Rande sagt Maria K., eine jüngere Frau, die geschwächt ist von einem langen Aufenthalt im Krankenhaus: „Das Fahren ist nicht schwer. Schwer ist, damit fertigzuwerden, dass man so ein Ding braucht.“ Sie weint fast.

Im Hintergrund schiebt eine Pflegerin eine Frau im Rollstuhl vorbei.