Deutsche Atomforscher im Abseits

Melanie Bergs

Jülich. Die Atomforschung in Deutschland kocht seit Jahren nur noch auf Sparflamme. Der einstige Technologieführer hat den internationalen Anschluss verloren. Auch in Jülich ist die einst große Abteilung für Reaktorsicherheit auf ein Minimum geschrumpft. Die Kernforscher hoffen auf einen Neuanfang.

Marie Curie hat ihre Arbeit mit dem Leben bezahlt. Jahrelang experimentierte die Physikerin mit Stoffen, deren geheimnisvolle Strahlung sie „Radioaktivität“ nannte. Die Gefahren waren damals noch unbekannt. 1934 starb sie an Leukämie. Heute muss Reinhard Odoj durch eine Sicherheitsschleuse gehen, um an seinen Arbeitsplatz im Forschungszentrum Jülich zu gelangen. An den Wänden und Türen warnen Schilder in kräftigem Gelb: „Radioaktiv!“ Er zieht einen weißen Kittel über, öffnet die schwere Metalltür und betritt das Labor, das die Atomforscher „Chemiezelle“ nennen.

Hier wird Odoj von meterhohen Bleiwänden geschützt. Die Behälter mit radioaktiven Substanzen stehen in Boxen hinter 80 Zentimeter dicken Glasscheiben. Anfassen kann Odoj seine Forschungs-Instrumente nur über eine Fernbedienung, die im Inneren der Box zwei Greifarme bewegt. Die Wissenschaftler simulieren die Bedingungen im Atommüll-Lager. Sie untersuchen beispielsweise, wie schnell sich radioaktive Abfälle auflösen, wenn Wasser eintritt. Nach der Laborarbeit werden Odojs Hände und Fußsohlen von Monitoren überprüft. „Sie sind nicht kontaminiert“, sagt eine Computerstimme. Etwas anderes hat er auch nicht erwartet.

Sieg der Angst über den Fortschrittsglauben

Für Reinhard Odoj hat die Kernenergie jeden Schrecken verloren. Der Diplom-Chemiker arbeitet seit über 30 Jahren mit radioaktiven Stoffen. Doch in dieser Zeit wuchs die Angst der Menschen außerhalb der Forschungslabore und hat sich spätestens seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl 1986 in den Köpfen vieler Deutscher festgesetzt. „Wir arbeiten mit dem Geld der Steuerzahler und unterliegen dadurch dem politischen Willen“, sagt Harald Bolt vom Vorstand des Forschungszentrums. Im Klartext heißt das: Bund und Land haben den Geldhahn für die Atomforscher immer weiter zugedreht.

Als Reinhard Odoj 1973 in Jülich anfing, waren in der Reaktorforschung 3000 Mitarbeiter beschäftigt. Heute sind es noch 65. Mitte der 80er Jahre stiegen die Jülicher aus der Entwicklung neuer Kraftwerkslinien aus. Die beiden Forschungsreaktoren wurden abgeschaltet. Der erste namens Merlin ist bereits dem Erdboden gleich gemacht. Wo einst seine graue Kuppel emporragte, wächst heute symbolhaft eine Eiche. Die Angst, so scheint es, hat endgültig über den Fortschrittsglauben gesiegt.

Land stärkt Atomforschung

Doch die Atomforscher in Jülich können wieder hoffen. Klimawandel und Strompreis-Schock geben den Kernkraft-Befürwortern derzeit neuen Aufwind. Und auch in der Bevölkerung ist die Stimmung in aktuellen Umfragen zugunsten der Kernenergie gekippt. Vor allem Politiker aus Union und FDP rütteln am Atomausstieg. Auch die schwarz-gelbe Landesregierung in NRW ruft nach längeren Laufzeiten für Kernkraftwerke. Und stärkt gleichzeitig den Atomforschern den Rücken.

Eigentlich sollte die Reaktorforschung in Jülich mit der Erimitierung von Reinhard Odoj als letztem Professor im kommenden Jahr auslaufen. „Doch wir haben bei Forschungsminister Andreas Pinkwart vorgesprochen“, sagt Odoj. Zwei Stunden habe das Gespräch gedauert. Die Wissenschaftler konnten Pinkwart (FDP) und das Land offensichtlich überzeugen: Jülich hat im Verbund mit der RWTH Aachen bald wieder vier Professoren für Reaktorforschung.

Internationalen Anschluss verloren

Das sei sicherlich ein positives Signal der Landesregierung, sagt Harald Bolt. Aber von einer Renaissance der deutschen Atomforschung könne man deshalb noch lange nicht sprechen. „Selbst wenn die Politik wieder mehr Geld in die Reaktorforschung investieren würde, wären Jahre nötig, um unsere einstigen Kapazitäten wieder aufzubauen“, sagt Bolt. Zudem brauche die Wissenschaft langfristige Perspektiven. Auf die aktuelle Windrichtung im politischen Tagesgeschäft können sich die Atomforscher nicht verlassen.

Vor dem Rückzug war Jülich neben Karlsruhe einst die führende staatliche Institution für Reaktorforschung in Deutschland. Und die Deutschen waren Weltmarkt- und Technologieführer. Doch inzwischen haben die Franzosen überholt. Und auch China und Indien ziehen kräftig nach. „Natürlich bleiben wir mit der internationalen Forschung in Kontakt“, sagt Bolt. „Aber wir spielen schon lange nicht mehr auf allen Feldern mit.“ Die deutschen Reaktorforscher seien wie Autobauer in einem Land, das die Zulassung neuer Fahrzeuge verboten habe. Sie arbeiteten längst nicht mehr an Neuentwicklungen, sondern nur noch an Ersatzteilen und der Verschrottung.

Endlager-Frage ungelöst

In Harald Bolts Worten schwingt Bedauern mit. Und dennoch will er sich nicht klar gegen seinen Hauptauftraggeber, die Bundesregierung, positionieren, deren letzter Wille bislang immer noch der Ausstieg aus der Atomenergie ist. „Wir sind hier keineswegs absolute Kerntechnik-Fans“, sagt er. „Wir versuchen vielmehr, der ganzen Diskussion neutral gegenüberzustehen und nach Lösungen zu suchen.“ Argumente für die Nutzung der Kernenergie gehen ihm dennoch leicht über die Lippen: Klimaschutz, steigende Energiepreise, Versorgungssicherheit. Zudem habe die Reaktortechnik in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Der Atommeiler der dritten Generation, wie er derzeit in Finnland gebaut wird, sei selbst für den schlimmsten Fall einer Kernschmelze durch eine Auffangwanne gerüstet, in der das radioaktive Material abkühlen könne. Und bei den Kernkraftwerken der vierten Generation, die derzeit entwickelt werden, soll der größte anzunehmende Unfall sogar ausgeschlossen sein.

Ungelöst ist bislang die Frage nach einem sicheren Lager für den strahlenden Abfall. Doch auch darauf wollen die Forscher bald eine Antwort geben. Derzeit suchen sie weltweit nach Methoden, lange strahlende Abfälle zu vermeiden. Wenn das gelänge, müsste eine sichere Endlagerung nicht mehr für bis zu 100.000, sondern lediglich für 1000 Jahre gewährleistet werden. „Dann wäre die sichere Lagerung radioaktiver Abfälle kein Problem mehr“, sagt Kernforscher Odoj. „Denn es gibt Edelstähle, die 1000 Jahre halten.“

"Atomausstieg hat fatale Folgen"

Odoj wählt klare Worte gegen den Atomausstieg: „Ideologie alleine bringt uns nicht weiter“, sagt er. „Ich hoffe sehr, dass wir in unserem Land mit und mit wieder zu einer realistischen Einschätzung der Lage kommen.“ Alternative Energien seien als Ergänzung zwar begrüßenswert, aber keine dauerhaft verlässlichen Stromquellen. „Mir sind Wasser- und Sonnenenergie grundsätzlich auch angenehmer. Da braucht man keine Schutzkleidung und keine Bleiwände“, sagt er. Doch in der Kernenergie stecke noch soviel Entwicklungspotenzial. „Wenn wir uns diesen Weg als einziges Land in Europa versperren, wird das fatale Folgen haben, für Unternehmen und private Verbraucher.“