Der Tod des Linienrichters - Was tun gegen Gewalt?

Annika Fischer
Ein Vorstandsmitglied des SC Buitenboys spricht mit Jugendspielern über den Tod des Linienrichters.
Ein Vorstandsmitglied des SC Buitenboys spricht mit Jugendspielern über den Tod des Linienrichters.
Foto: rtr
Nach den tödlichen Schlägen gegen „Fußballpapa“ Richard Nieuwenhuizen im niederländischen Almere diskutieren auch die deutschen Nachbarn über Sicherheit im Stadion und die Gewaltexzesse auf dem Platz und am Spielfeld-Rand. Vor allem Eltern und Fans machen hier Sorgen.

Almere/Ruhrgebiet. Sie sagen, Richard Nieuwenhuizen war ein „typischer Fußballpapa“. Einer, der jeden Sonntag mit seinem Sohn auf den Sportplatz geht, einer, der sogar an der Linie die Fahne hebt, wenn die „Buitenboys“ spielen, zu Hause in Almere. Am Sonntag aber lag der 41-Jährige falsch, fanden die Gegner von „Nieuw Sloten“ aus Amsterdam. Sie hätten gar nicht im Abseits gestanden! Nun werden sie es wohl lange tun: Denn Richard Nieuwenhuizen, nach diesem 2:2, ist tot – gestorben an den wütenden Schlägen und Tritten von drei, vielleicht fünf Halbstarken aus der B1-Jugend. Jungs, gerade einmal 15 und 16 Jahre alt. So wie sein Sohn: Der sah alles mit an.

Der kalte Schauer, der den niederländischen Fußball ergreift, lässt auch den deutschen frösteln. Ein toter Schiedsrichter! „Das ist zum Glück noch nicht passiert“, sagt Roland Leroi, Sprecher des Westdeutschen Fußball- und Leichtathletikverbandes in Duisburg (WFLV). Aber hier kennt, diskutiert, bekämpft man sie ja auch: Gewalt am Spielfeldrand, Übergriffe auf Schiedsrichter, rasende Väter – sind die nicht auch, auf andere Weise, „typische Fußballpapas“?

Schlag mit dem Schirm

Im Jugendbereich, sagt Gundolf Walascheski, „wirken die Eltern in unerträglichem Maß auf den Schiedsrichter ein“. Als der Obmann aller Unparteiischen beim Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) einst selbst einen Schlag auf den Kopf bekam, war es ein Vater – mit einem Schirm. Und auch Roland Leroi sieht in der C-Jugend „Eltern, die an der Seitenlinie rumspinnen“.

Das Fanverhalten mache ihm in der Tat mehr Sorgen, bestätigt Georg Schierholz, Vorsitzender der Verbandsspruchkammer Westfalen: Seit einem halben Jahr habe das Sportgericht kein Verfahren mehr gegen einen Spieler gehabt. Obwohl Schierholz Beispiele kennt: den Fall, in dem die unterlegene Mannschaft Bierflaschen auf den Köpfen der Gegner zerschlug.

Die Sache mit dem Team, das häufig auffiel mit Tätlichkeiten gegen den Schiri – derzeit prüft man seinen Ausschluss aus der Liga. Und stammt nicht der aktuellste Fall aus dem Profibereich: die fast achtmonatige Sperre gegen Berlins Kobiashwili – wegen eines Faustschlags gegen den Schiedsrichter?

105 Mannschaften nach Gewaltexzessen ausgeschlossen

„Das Problem ist“, sagt Obmann Walascheski, „wie hinterher mit den Tätern umgegangen wird.“ Das Sportgericht verhänge meist Mindeststrafen, Vereine würden kaum in Mithaftung genommen. Die Niederländer sind da strenger: 105 Mannschaften schlossen sie allein in der vergangenen Saison nach Tätlichkeiten vom Spielbetrieb aus, 200 Spieler wurden länger als zwei Jahre gesperrt. Manche lebenslang.

Das hat man in Deutschland selten gehört, ist bei den Nachbarn aber auch schwieriger geworden. Kürzlich hat der Königlich Niederländische Voetbalbond eine Kampagne „Für ein sichereres Sportklima“ gestartet – aber die Maximalsperre für Junioren auf drei Jahre gesenkt. Man wolle den Jungs „eine zweite Chance geben“. Die Schläger von Almere werden sie kaum bekommen. Die Jugendlichen sind in Haft. Dort sitzt auch Sylvester M., der allerdings nicht mehr für die Junioren spielt: Am 3. Dezember 2011 trat der 33-Jährige nach einer Roten Karte einen gegnerischen Fan tot.

Es geschah auf den Tag genau ein Jahr, bevor Richard Nieuwenhuizen starb. Der soll vor seinem Tod im Krankenhaus noch mit seinem Vereinsvorsitzenden gesprochen haben: „Scheiß-Fußball“, sagte er. „Nicht wahr?“