Der seine Schüler die Chemie lieben lehrt

Dienstag ist Labortag. Nach Unterrichtsschluss analysiert Ingo Tausendfreund (l.) dann mit seinen Schülern (hier: Fabio Freitag und  Merlin Birk (r.)  die eingereichten Proben – in der Freizeit.
Dienstag ist Labortag. Nach Unterrichtsschluss analysiert Ingo Tausendfreund (l.) dann mit seinen Schülern (hier: Fabio Freitag und Merlin Birk (r.) die eingereichten Proben – in der Freizeit.
Foto: Foto: Kai Kitschenberg
Ingo Tausendfreund wird in diesem Jahr vom Initiativkreis Ruhr als Talentförderer ausgezeichnet. Weil er es versteht, junge Menschen für ein schwieriges Fach zu begeistern. MIt falschen Verbrechen und einer echter Firma.

Bochum..  Mit dem Mord an Madame Curie fing es an. Der Staatsanwalt hatte den Fall rasch zu den Akten gelegt – mit dem schnöden Vermerk „Sachbeschädigung!“. Doch Madames Frauchen ließ nicht locker: Die berühmte Bochumer Schriftsstellerin musste wissen, wer ihre Pudeldame vergiftet hatte. Und womit! In ihrer Not wandte sie sich an die TBS1, die Technische Berufliche Schule 1 der Stadt Bochum. Im Fachbereich Chemietechnik gingen Schüler auf Spurensuche, recherchierten, probierten, analysierten – und klärten den Fall.
Ingo Tausendfreund, ihr Lehrer und der Mann, der sich die ganze Geschichte ausgedacht hat, fand das spannender, als sie Formeln pauken zu lassen.Doch das ist nicht der einzige Grund, weswegen der Initiativkreis Ruhr den Wittener gestern Abend mit einem der fünf Talent Awards 2015 auszeichnte – als vorbildlichen Talentförderer, als jemanden, der junge Leute für eine komplizierte Naturwissenschaft zu begeistern versteht. Schüler und Lehrer gründeten 2009 ihre eigene Chemiefirma, die im April dieses Jahres als Schülergenossenschaft eingetragen wurde; als erste ihrer Art in ganz Deutschland; mit allem was dazu gehört: Anteilsscheinen, Vorstand und Aufsichtsrat, Business-Plan, Gewinn- und Verlustrechnung. RuhrChemAlytic eSG nennt sich das auf Wasser- und Lebensmittelanalytik spezialisierte Unternehmen etwas sperrig. Doch vor Aufträgen kann es sich kaum retten. „Wir arbeiten an der Kapazitätsgrenze“, seufzt Tausendfreund. Strahlend.

„Ich wollte wissen, was Raketen krachen macht“

Der heute 42-Jährige entdeckte bereits mit zwölf seine Begeisterung „fürs Zündeln und Feuerwerken, für die Chemie halt“. Eine Begeisterung, die seine Mutter, eine gelernte Friseurin, allerdings wenig begeisterte. Was mit der Jeans zu tun hatte, die sie nach dem ersten Experiment ihres Sohns aus der Waschmaschine nahm: völlig zerlöchert. „Schwefelsäure“, erklärte ihr der kleine Ingo und blieb stur: „Ich wollte wissen, was Raketen krachen macht“, erinnert sich der gebürtige Essener. Und weil auch der Vater, ein Zerspanungsmechaniker, seine Fragen bald nicht mehr beantworten konnte, wechselte der Sohn von der Realschule aufs Gymnasium. Fürs Chemie-Studium brauchte er Abi. Nach dem Diplom an der Uni Duisburg/Essen promovierte er im Bereich Polymerisationstechnik; drei Jahre lang arbeitete er danach im Vertrieb einer Bottroper Bauchemikalienfirma, bevor er 2003 an die Bochumer Berufsschule kam.

„Ohne Chemiker hat die Menschheit keine Zukunft“

Dort stellte er überrascht fest, dass bei weitem nicht alle, die sich hier für Chemie oder Chemietechnik angemeldet hatten, auch Spaß daran fanden. „Das Fach ist kompliziert, die Materie erschließt sich nicht jedem“, weiß Tausendfreund. Doch die Welt brauche Naturwissenschaftler. „Ohne Chemiker“, glaubt er, „hat die Menschheit keine Zukunft“. Also gab er sich Mühe, Begeisterung zu wecken – und hoch zu halten; packte viel Praxis in den Schulalltag, machte die Theorie so spannend wie möglich. Madame Curie, der Pudel, hilft ihm bis heute dabei – genau es die vielen Praktika tun, die er für seine Schüler organisiert; unter anderem in der Pathologie der Düsseldorfer Uniklinik . . .

Aus der „Schrauberwerkstatt“ wurde nach und nach eine feines Labor

Zudem richtete der Lehrer seinen Schülern ein Labor ein. „Das alte stammte aus der Steinzeit“, erinnert sich Tausendfreund. Auch das neue war zunächst kaum mehr als eine „Schrauberwerkstatt“, bestand es doch hauptsächlich aus ausrangiertem Gerät hilfsbereiter Firmen. Mehr war bei 300 Schülern und einem Budget von 3000 Euro nicht drin. Aber es machte sich, nach und nach. Und schon bald hatten viele Schüler so viel Spaß an der Arbeit im Labor, dass sie sogar ihre Freizeit darin verbringen wollten.120 Jugendliche hat die Schülerfirma, die aus dem Projekt erwuchs, inzwischen „beschäftigt“.

Größte Kunden der RuhrChemAlytic (RCA) sind heute die Bochumer Privatbrauerei Moritz Fiege und der Herner Eisportverein in der Gysenberghalle. Erstere lassen bei der RCA ihr Bier auf Butteraroma-Spuren testen, letzerer ihr im eigenen Brunnen gewonnenes Wasser auf Härte und Qualität. Zahlen müssen sie dafür nicht, Spenden aber werden gern akzeptiert.

„Bis zur elften Klasse fuhr ich die künstlerische Schiene“

Doch an diesem Dienstag ist es eine besorgte Mutter, die wissen will, ob das Wasser aus dem Kran, mit dem sie dem Baby Brei koche, Schädliches enthalte. Auf 16 Giftstoffe – von Antimon bis Zink – möchte sie ihre Probe prüfen lassen. Für Steffen Fiorenza (19, RCA-Vorstand) und seine Mitstreiter heißt das: Reinhauen! Schließlich ist es bereits 13 Uhr. „Und um 21 Uhr kommt schon die Putzfrau...“!

Julian Rang hat die Excel-Tabelle für die Analyse-Ergebnisse schon in Arbeit, „sonst kriegen wir das nie unter einen Hut“; eher zufällig kam der 18 Jahre alte Waldorfschüler zur Chemie. „Bis zu elften Klasse fuhr ich die künstlerische Schiene“, grinst er. Heute ist er Leiter des Labors und weiß: diese Naturwissenschaft ist seine. Nach der Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten will er studieren: Chemie oder Biochemie.

Wie viele seiner Mitschüler: Rund die Hälfte der jährlich 30 bis 50 Absolventen wechsele anschließend an eine Hochschule, sagt Tausendfreund stolz. Die anderen, und das ist ihm nicht weniger wichtig, fänden gute Jobs. Die Mitarbeit in der Schülerfirma sei auf dem Zeugnis bloß eine Nebenbemerkung, aber beim Vorstellungsgespräch käme sie „immer gut“. Einer seiner früheren Schüler war es auch, der den Lehrer für den Talent Award vorschlug. Er arbeitet inzwischen bei BP, macht gerade seinen Doktor – und erinnnert sich wohl gern an den, der ihn die Chemie lieben lehrte.

Und der Mörder? War nicht der Gärtner!

Madame Curie übrigens hatte Bernd Butterfly auf dem Gewissen, ein Schmetterlingssammler. Er hatte dem armen Tier Zyankali unters Futter gemischt.
Was zu beweisen war.

DIE WEITEREN PREISTRÄGER

Sabiha Cetinkaya

„Isteyen Yapar! Wer will, der kann!“, sagt Sabiha Cetinkaya (43) – und sie weiß, wovon sie spricht. Als erste ihrer Familie wollte sie studieren, scheiterte, schaffte schließlich den Hochschulabschluss. Heute ermutigt die Diplom-Kauffrau und Arbeitsvermittlerin im Dortmunder Jobcenter als Projektleiterin der „TD-Plattform“ junge Menschen aus hochschulfernen Familien (mit und ohne Migrationshintergrund) zu studieren.

Felix Hagedorn

Felix Hagedorn (21), Designstudent aus Schwerte, betreut Gruppen für das Hamburger Sozialunternehmen „climb“. Es bietet u.a. in Dortmund Lernferien für Kinder aus sozial benachteiligten Familien an. Morgens wird Mathe oder Deutsch gepaukt, nachmittags gekocht, gebastelt oder ein Ausflug in den Kletterpark gemacht. Aus dem Spaß am Lernen, sagt Hagedorn, erwachse Selbstbewusstsein. Das stärke die Bildungschancen der Kinder.

Mira Stepec

2013 gründete die gebürtige Dattelnerin Mira Stepec (31) in Bochum den Verein „Durchstarten e.V.“. Er bietet zusammen mit Betrieben vor Ort an Haupt- und Gesamtschulen in Bochum, Duisburg und Dinslaken Workshops zur Berufsorientierung an, vor allem in den Bereichen Gastronomie und Friseurhandwerk. „Jugendliche brauchen Hilfe bei der Berufswahl, die Schule allein kann das nicht leisten“, glaubt Stepec.

Die Logopädinnen Foto: Foto: Initiativkreis Ruhr/IR

Ein Sonderpreis ging an elf angehende Logopädinnen aus Dortmund, den „Kurs Logo 15“ der „maxQ-Schule“. Die Gruppe wollte Zuwanderer-Kindern ohne Deutschkenntnisse den Schulstart erleichtern. Sie gründeten das Projekt „Wir werden Deutschsprecher“ und förderten sechs Monate lang 25 Grundschüler.

 

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