Der Rhein-Herne-Kanal lebt

Wandern am Kanal: Uli Auffermann tut’s seit seiner Jugend.
Wandern am Kanal: Uli Auffermann tut’s seit seiner Jugend.
Foto: Tim Schulz / WAZ FotoPool
Er prägt das Revier und seine Menschen, und am Samstag feiern sie ihn zum 100. Geburtstag mit einem „Tag des offenen Wassers“. Der Rhein-Herne-Kanal ist Heimat. Eine Erkundung mit Wander-Autor Uli Auffermann.

Herne.. Das Wasser hinter der Schleuse brodelt wie ein Gebirgsbach. Von seiner Brücke blickt der Alpinist hinab und übers Herner Meer: „Ich kann mich dran erinnern, als der Rhein-Herne-Kanal mit einer richtigen Schmierschicht belegt war. Als Kind habe ich viel in schwarz-weiß geträumt.“ Uli Auffermann hat sein Leben lang die satten Farben der Berge gesucht, aber der Geruch der Kohle hat den Bochumer Autor nie losgelassen, und weil er mittlerweile so viele Bücher über die Region geschrieben hat, darf man ihn wohl auch einen Heimat-Wanderer nennen. Nun ist der Kanal sein Thema.

Hätten Sie’s gewusst? „Tyd is Geld – ,Zeit ist Geld’, so hieß der erste Kahn, der am 17. Juli 1914 zu einer Probefahrt in den neugebauten Rhein-Herne-Kanal geschleppt wurde ...“ So beginnt ein Eintrag in Auffermanns jüngstem Werk, dem Lexikon „Ahoi! Rhein-Herne-Kanal“. Und bis auf die „Herner Schneise“, die wir auf unserem Spaziergang passieren, geschlagen von Ela, der Wütenden, ist zwischen A wie Adenauer und Z wie Zukunftsmusik eigentlich alles gesagt. Nach Altbundeskanzler Adenauer sind übrigens gleich zwei Alleen benannt die den Kanal kreuzen – die B 223 in Oberhausen und eine in Essen. Und Zukunftsmusik ist die Fernsteuerung aller Schleusen im zentralen Leitstand Herne – in drei oder vier Jahren.

Der geteerte Bauch – eine beliebte Mutprobe

Bei seinen Recherchen ist Uli Auffermann irgendwann „auf der A42-Brücke über dem Kanal gelandet, dort stand ich plötzlich in einer dicken Schicht aus Kohle und Asche – was da an Erinnerungen hoch kam.“ – „Geteerter Bauch: Seitdem es den Kanal gibt, ist es eine beliebte Mutprobe, die vorbeifahrenden Schiffe anzusteuern ... mit dem Ziel, wenn möglich an Bord zu kommen. Je nach Gutmütigkeit der Schiffer ließ man sie gewähren oder versuchte sich ihrer zu erwehren, indem man den Süllrand (den oberen Schiffsrand) mit Teer beschmierte ...“

Natürlich weist Uli Auffermann sofort daraufhin, dass das lebensgefährlich und keineswegs nachahmenswert ist. Zumal die Schiffe größer und schneller geworden sind, und viele Schleppverbände durch motorisierte Lastkähne ersetzt wurden. Übrigens tuckern im Schnitt zwei Schiffe pro Stunde den Kanal hoch, und jedes ersetzt hundert Lkws. Rechneten die Erbauer noch mit sechs Millionen Tonnen transportierten Gütern pro Jahr, waren es in den Hochzeiten 20 Millionen. Heute noch werden rund 14 Millionen Tonnen verschifft – mehr Schrott statt Kohle.

Wir laufen auf dem Damm des Herner Meeres, was wie so oft in dieser gestalteten Landschaft ein Gefühl vertrauter Surrealität erzeugt: Das Wasser liegt über dem Land, der Kanal zieht sich wie eine Hochbahn durch dieses Gesamtkunstwerk aus Kleingärten, und Großschleuse, Freizeitidyll und Speditionsgeschäftigkeit.

Man könnte sich auch das Hebewerk Henrichenburg anschauen beim beim „Tag des offenen Wassers“, dem „KanalLeben“ am Samstag, schlägt Auffermann vor. Oder das Schloss Bladenhorst in Castrop-Rauxel. Oder die Halde Hoheward – der Kanal selbst ist ja nur Wasser und Spundwand, das Umland muss man mitdenken. Aber den vielleicht speziellsten Blick hat man vom Gasometer: Wie Kanal und Emscher hier parallel fließen – zwei Leiterbahnen auf einer Platine, bestückt mit Industriebausteinen.

Rheinland? – Kanalland, ha!

„Oder in den Kohlehafen von Duisburg.“, sagt Auffermann – eine Zeitreise. „Und dann zum Luft schnappen hinaus zum Rheinorange“, das streng genommen den Zusammenfluss von Ruhr und Rhein markiert, aber von Herne aus gesehen vereinnahmt werden darf. Rheinland? – Kanalland, ha! Beleg gefällig? „Die Mammutknochen, die in Herne bei Bauarbeiten im Kies des früheren Emscherbetts entdeckt wurden, sind im Archäologischen Museum der Stadt ausgestellt; ebenfalls dort zu sehen ist ein Faustkeil aus derselben Zeit, der schon 1911 bei Baggerarbeiten im Bereich der Schleuse Herne-West gefunden wurde.“ 70 000 Jahre ist er alt. Hätte man den Kanal nur 60 Jahre eher gebaut, wäre heute der Emschertaler weltbekannt!

Wir sind wieder bei der Schleuse. „Der Rhein-Herne-Kanal war für mich immer das Tor zur Welt“, sagt Uli Auffermann. „Das was der Hamburger sieht, wenn er auf seinen Hafen schaut. Die internationalen Flaggen der Schlepper. Und dort hinten war für mich schon Rotterdam.“ Paddeln will er am Tag des „KanalLebens“, den ganzen Weg von Herne bis zum Rhein. „Wenn Schiffe fahren, ist das nicht ganz ungefährlich, die Spundwände reflektieren die Wellen der Schiffe. Das ist manchmal ganz schön Wildwasser.“

Der Monsterwels von Lirichund Kunst, die plötzlich Käse ist

Ob der Angler dort so viel Glück hat wie Ralf Mönnich aus Oberhausen vor knapp drei Wochen? 19 Kilo hatte der Wels! Eineindrittel Meter lang, dieses Mordsvieh, das er da zwischen Lirich und Buschhausen rauszog. Die Angler, die Picknicker, die Sportler ... „Wenn man das Revier nicht kennt und will sich ein Menschenbild holen, muss man nur sonntags herkommen“, sagt Auffermann. Aber eigentlich trifft man sie ja jeden Tag hier.

Hans, Alfred und Gerd zum Beispiel mit ihren Fahrrädern, wie sie gerade fachsimpeln ... über Kunst. „Als das eingeweiht wurde, da kamen se alle, die Nachfahren vom Beuys. Die waren wie im Rausch.“ Die Rede ist von der Skulptur „reemrenreh (kaum Gesang) und Leben“, aber wer eine gelbe löchrige Kurbelwelle so nennt, muss sich nicht wundern, wenn der Volksmund sagt: „Alles ist umgefallen beim Sturm, nur die Käsestange steht noch.“

„War’n guter Künstler dran.“

Der Hans, der Gerd, der Alfred – drei Leben am Kanal. „Ja, hier haben wir schwimmen gelernt“, erklärt Alfred und hat damit fast alles gesagt. Die „Stiro“, beladen mit Schrott, zieht hinter den drei alten Freunden vorbei.

 
 

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