Der Pottkoch hilft den Nachbarn

Tom Waschat versucht in Duisburg den Kindern qualitatives Essen näher zu bringen. Fotos:Kai Kitschenberg
Tom Waschat versucht in Duisburg den Kindern qualitatives Essen näher zu bringen. Fotos:Kai Kitschenberg
Foto: WAZ FotoPool
Tom Waschats kleine Kochschule in Duisburg-Bruckhausen ist Kult. Die Nachbarn und vor allem ihre Kinder lernen dort fürs leben. Und der WDR begleitet ihn nun bei seiner Mission.

Duisburg.. Am Straßenrand türmen sich alte Pappkartons. Bröckelnde Gründerzeit-Fassaden und zahlreiche leere Wohnungen lassen das einstige stolze Arbeiterquartier im Duisburger Norden lediglich noch erahnen. Abwarten und türkischen Tee trinken scheint die Devise, denn Kioske, Internetcafés und Teestuben reihen sich nahtlos aneinander an der Reinerstraße. Der Lichtblick im Schatten des Thyssen-Krupp-Hochofens: Im Dreieck zwischen Polizei, Spielhölle Pik 7 und Stadtteilbüro lockt Tom Waschats „Kleine Kochschule“. Eine Oase mit großem Esstisch, kleiner Küche und Kräutergarten.

Über der Tafel hängen aufgereiht Tütensuppen und Fertigsaucen. Unbenutzt, nicht zum Verzehr geeignet. „Fertiggericht-Regale vergleiche ich gerne mit Bibliotheken. Man darf sich Anregungen holen, lesen, mehr nicht“, erklärt Waschat. Bei Waschat, dem gelernten Koch, zählt das Original. „Manchmal kommen Frauen aus der Nachbarschaft, haben einen rohen Rinderbraten im Bräter und fragen: Was soll ich damit anfangen?“ In solchen Momenten holt der 43-Jährige Gewürze und Kräuter raus und schmeißt den Herd an.

„Die Leute wissen, dass ich hier bin“, sagt er. Ehrenamtlich, versteht sich. Drei Tage die Woche von 9 bis 15 Uhr. Nach dreieinhalb Jahren in der Reinerstraße ist Waschat akzeptiert. Das war anfangs nicht so. Als er 2008 die Kochschule eröffnete, standen skeptische „Familienväter vermummt vor den großen Fenstern und schauten, was ich so treibe.“ Wenn sich heute Jugendliche vor seiner Haustür prügeln, geht er raus, schlichtet, droht im Extremfall, die Eltern zu informieren. „Dann werden die sofort friedlich.“

Waschat ist Duisburger aus Überzeugung. Am Dellplatz aufgewachsen, im Novotel ausgebildet, in Baerl heute zuhause, hat er die Stadt nur zu Stippvisiten verlassen. Er arbeitete als Koch, führte sein eigenes Cateringunternehmen. Als die Arbeit zu groß für die kleine Familie wurde, steckte er zurück, unterrichtete an einer Berufsschule „Leute, die keinen Bock auf Ausbildung haben.“ Mit unkonventionellen Lehrmethoden gelang ihm Ungewöhnliches. Jeder seiner Schüler schaffte den Abschluss. „Vorher waren fünfundsechzig Prozent durchgefallen“, sagt er.

Waschat versteht sich als Menschenfreund, als jemand, „der gerne hilft“. Daher hat er sich in Bruckhausen niedergelassen. Sozialromantik ist ihm fremd. Er sieht, dass der Stadtteil verkommt. Weiß, dass der Großteil der türkischstämmigen Bevölkerung wie Deutsche in den 60ern lebt, weiß um die Straßenkriminalität. „In diesem Chaos“, sagt er lachend, „putze ich jeden Dienstag meine Fenster.“

Helfen macht Spaß

In diesem Chaos setzt er sich im Sommer vor die Tür, schaut sich das Treiben an, denkt nach. Auch darüber, wie er seine „Kleine Kochschule“ lebendig halten kann. Er sammelt Spenden ein, hat Verträge mit Schulen geschlossen. Gegen einen kleinen Obolus kocht er mit den Kindern. Morgens kommt die Grundschule, mittags der Kindergarten. „Ich kenne die Nöte der Kinder und Familien. Ich will ihnen helfen, mit wenig Geld gut zu leben. Und Helfen macht einfach Spaß“, sagt er. Eine einfache, bodenständige, jahreszeitlich bedingte Küche. Gut Kochen heißt für Waschat, handwerklich fit zu sein, demütig mit Essen umzugehen.

„Glück“, sagt er, „liegt jenseits des Geldes. Da kann man ziemlich reich werden.“ Und denkt an die Muslimin mit dem Rinderbraten. Erfreut über das gelungene Familienessen, verlässt sie Tom Waschat mit dem Abschiedsgruß: „Coole Nummer. Der da oben hat dich dafür besonders lieb.“

Info: Der WDR hat Waschat mit „Der Pottkoch“ eine dreiteilige Serie gewidmet und begleitet ihn beim Einsatz in sozialen Einrichtungen (24.2, 2. und 9.3., 21 Uhr). In der ersten Folge will er in Wattenscheid junge Eltern davon überzeugen, dass Kochen Spaß macht und dass Essen gesund und lecker ist.

 
 

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