Den technischen Berufen fehlt Nachwuchs

Jutta Bublies
Anschauungsunterricht im Heinz-Nixdorf Berufskolleg: Direktor Wolfgang Meyer zeigt (v.l.)  Saskia Willwacher, Marcel Zaloga, Nadine Smode, Svenja Hooge und Fabian Dehl wie’s geht. Foto: Walter Buchholz/WAZ FotoPool
Anschauungsunterricht im Heinz-Nixdorf Berufskolleg: Direktor Wolfgang Meyer zeigt (v.l.) Saskia Willwacher, Marcel Zaloga, Nadine Smode, Svenja Hooge und Fabian Dehl wie’s geht. Foto: Walter Buchholz/WAZ FotoPool
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Laut Bundesagentur für Arbeit haben über 50.000 Schulabgänger in NRW bisher keinen Lehrbetrieb gefunden. Wir stellen fünf junge Menschen vor, die auf Technik setzen und das Heinz-Nixdorf-Berufskolleg in Essen besuchen.

Essen. Im August beginnt das Ausbildungsjahr. 50 574 Schulabgänger haben nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit in NRW bisher keinen Lehrbetrieb gefunden. Gute Aussichten, noch unterzukommen, haben die, die sich für einen technischen Beruf entscheiden.

Das Essener Heinz-Nixdorf-Berufskolleg bildet den begehrten Nachwuchs aus. Eine städtische Einrichtung, die sich auf Elek­trotechnik, Informations- und Telekommunikationstechnik spezialisiert hat. Eine Techniker-Schmiede, die regelmäßig Landes- und Bundesbeste ihres Faches ins Arbeitsleben entlässt. Eine Adresse, bei der Unternehmen anklingeln, die gute Mitarbeiter suchen. Fünf junge Frauen und Männer berichten, warum sie hier sind.

Nadine Smode hatte auf der Realschule fünf Jahre Informatik. Was sie nicht abschreckte, sondern begeisterte. Ein Lehrer, dem das nicht entging, gab ihr den Tipp, zum Heinz-Nixdorf-Berufskolleg zu wechseln. Nadine folgte seinem Rat. „Schließlich ist heute doch alles von der Technik abhängig“, sagt die 17-Jährige. Ihr erster Gang in die neue Schule sei ihr aber nicht leicht gefallen. „Die ganzen Jungs, das schreckt erst mal ab.“ In ihrer Klasse ist sie jetzt auch allein unter Männern. „Aber die sind eigentlich alle nett. Und ich boxe mich da halt durch.“ In zwei Jahren möchte Nadine ihr technisches Fachabi in der Tasche haben, eine Ausbildung zur informationstechnischen Assistentin inklusive. Vielleicht wird sie dann Programmiererin. „Mal sehen.“

Nadines Vater ist Lagerarbeiter, die Mutter Hausfrau. „Sie wollen, dass was aus mir wird.“ Das will Nadine auch. Ihr Freund, erzählt sie, sei leider ein wenig faul. „Nach seinem Hauptschulabschluss macht der im Moment ein Berufsvorbereitungsjahr.“

Nur vier Prozent Mädchen

Wolfgang Meyer, Leiter des Kollegs, freut sich über Schülerinnen wie Nadine. „Wir bedauern sehr, dass so wenige Frauen zu uns kommen. Von 2100 Schülern stellen sie gerade einmal vier Prozent. Wir bilden in den Zukunftsjobs aus. Da sollten Frauen dabei sein“, findet der Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik.

Fabian Dehl ist einer, der sich die Zukunft nicht entgehen lassen will. Der Essener ist 24 und hat eine beeindruckende „Ausbildungs-Biografie“: Realschulabschluss, Fachabi im Bereich Informations- und Telekommunikationstechnik, vier Semester Medieninformatik an der Fachhochschule Gelsenkirchen. „Das war nicht das Richtige.“ Auf einer Jobbörse bekam Fabian Kontakt zu einem Telekommunikationskonzern. „Da habe ich mich spontan um eine Lehrstelle beworben.“ Ab 1. Juli darf sich Dehl Fachinformatiker für Systeminte­gration nennen. Abends und an seinen freien Samstagen studiert er an der Essener Fachhochschule für Ökonomie und Management. Sein Ziel: „Ich werde Wirtschaftsinformatiker.“ 70-bis 80-stündige Arbeitswochen können ihn nicht schrecken. „Die Studiengebühren von 360 Euro im Monat bezahle ich vom Auszubildendengehalt.“ Weil dann nicht mehr viel übrig bleibt, lebt der Essener bei den Eltern. Fabians Vater ist Tischlermeister und stolz auf ihn. Bleibt die Liebe bei so viel Ehrgeiz nicht auf der Strecke? „Meine Freundin lebt in Bayern.“ Die beiden sehen sich selten. Später hätte Fabian gern ein Kind. „Aber erst, wenn ich ihm etwas bieten kann, vor allem eine gute Schulbildung.“

Auch Svenja Hooge möchte sich mit der Familienplanung Zeit lassen. „Mindestens bis ich 30 bin.“ Bis dahin sind es noch neun Jahre, in denen sie Karriere machen will. Woher das Interesse an Technik? „Mein Vater ist Industriemeister Chemie. Mit ihm habe ich schon als Kind Computer auseinandergeschraubt.“ Die 21-Jährige hat ein Fachabi und ist kaufmännische Assistentin für Informationsverarbeitung. Das war ihr nicht genug. Deshalb bewarb sie sich um eine Lehrstelle als Informatikkauffrau bei einer mittelständischen Firma in Bochum. „Die entwickeln Software für Kliniken und Arztpraxen.“ Obwohl sie auf ihrem Zeugnis eine Fünf in der Buchführung hatte, wurde sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen. „Ich habe da aber auch keine Standardbewerbung hingeschickt, sondern bin auf meinen Berufswunsch eingegangen. Es hat geklappt.“

Auf Umwegen ist Marcel Zaloga zum Berufskolleg gekommen. Eigentlich wollte er Lehrer für Mathematik und Geografie werden. „Das habe ich auch studiert.“ Berufsmüde Pädagogen brachten ihn davon ab. Die sagten ihm während eines Praktikums: „Machen Sie lieber was anderes, wenn Sie können.“ Zaloga bewarb sich bei RWE in Essen um eine Lehrstelle zum IT-Systemkaufmann. „Mein Studium abgebrochen zu haben, habe ich nicht bereut“, versichert der 26-Jährige.

Auf die Idee, etwas Technisches zu machen, kam Saskia Willwacher „durch Zufall“. Nach dem Abi in Duisburg stieß sie im Internet auf eine Ausbildungsstelle zur Systeminformatikerin bei der Bochumer Niederlassung der Firma Bosch Sicherheitssysteme. Jetzt ist die 22-Jährige im dritten Lehrjahr und immer noch begeistert. „Ich werde Sachen wie etwa Brandmelder oder Videoüberwachungen bei Banken installieren und warten. Das ist doch spannend.“ Was ihr wichtig ist: „Ich komme in der Arbeit sehr gut mit den Männern klar. Wir haben ein familiäres Betriebsklima.“