„Dann holen wir den Pott! Amen“ - BVB-Fans stellen sich mit Gottesdienst auf Pokalfinale ein

Wer genau hinschaut, erkennt die christlichen Botschaften auf den Schals der Kirchgänger: ". . . stets begleiten ... wir sind immer für dich da!".
Wer genau hinschaut, erkennt die christlichen Botschaften auf den Schals der Kirchgänger: ". . . stets begleiten ... wir sind immer für dich da!".
Foto: Ralf Rottmann
Vor dem Pokalfinale an diesem Samstag stimmten sich die BVB-Fans am Borsigplatz in der Gründungskirche der Borussia ein. Fußball und Religion, da verschwimmen die Grenzen. Ein Pfarrer sagt: „Wir brauchen nicht für den Pokalsieg zu beten. Unsere Jungs haben gut trainiert.“

Dortmund. Sie haben ihn angerufen, aber kein einziges Mal bei seinem Namen genannt: „Fußballgott“. Sowas tun gute Christen nicht, auch nicht solche in Schwarz-Gelb. Die sind auch nicht „so vermessen, den Herrn um den Pokal zu bitten“, man hat das noch in der Kirchenbank sehr angestrengt betont.

Und dann haben sie es doch gemacht – einige Hundert Borussen-Fans, die heute nicht in Berlin sind, schon gar nicht mitspielen und deshalb wissen: Jetzt hilft nur noch beten.

Kreuz und Fußball sagen sich Grüßgott

Es ist ein bemerkenswerter Gottesdienst, in Dortmund hinterm Borsigplatz links, in der Dreifaltigkeitskirche, wo der BVB seine Wiege hat und seine Siege feiert. Nicht nur, weil die Kirche voll ist, in deren Ecke ein schwarz-gelber Engel steht das ganze Jahr und eine Vitrine, in der sich Kreuz und Fußball Grüßgott sagen.

„Borussia, du verkörperst die Region“, dichtete der Heimat-Kabarettist Bruno Knust, „für manche von uns die Religion.“ So ist das wohl in dieser Stadt, wo sie um 19.09 Uhr zur Orgelmusik aufstehen, die Fanschals zurechtzupfen und singen: „Wir werden immer Borussen sein, es gibt nie, nie, nie einen anderen Verein.“ Und wo der Pastor im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die „besten Fans der Liga“ begrüßt. Halleluja und Pfiffe!

Es sollte eine ökumenische Andacht zum Saisonfinale werden, nun ist es eine zum Pokalfinale. Alte Leute sind gekommen mit ihren Rollatoren, Kinder mit ihren Eltern, Fans in Kutte, Ultras sogar. Alle tragen sie Schwarz-Gelb, und wo zwei oder drei im Namen des BVB versammelt sind, ist mitten unter ihnen auch Ansbert Junk, der Vikar, der vor Jahren in diese Gemeinde geriet – als Schalker. Heute kam er mit dem anderen Schal und lacht dabei.

"Wir brauchen nicht für den Pokalsieg zu beten"

Auch „Gott ist Fußballfan“, sagt Dietmar Kehlbreier, „weil er das Leben liebt. Er hat aber keine Lieblingsmannschaft.“ Kehlbreier schon: Der ist Pfarrer in Altena und Vorsitzender eines Fanclubs. In seiner Predigt wird er über die Vorfreude sprechen, über die vielen, die sich „aufmachen, um an einem Ort zusammen zu sein“, über Jesus, der Anhänger hat und zusammensitzt „mit den Absteigern seiner Zeit“. Über die Gemeinschaft, die wächst auch an Niederlagen. Und über Menschen, die von ihren Erlebnissen beim Fußball erzählen wie einst die Jünger von Jesus.

„Wir brauchen nicht für den Pokalsieg zu beten“, sagt Kehlbreier am Ende, „unsere Jungs haben gut trainiert.“ Dasselbe hat auch Kollege Friedrich Laker gesagt in seinem Gebet: „Wir bitten nicht um den Sieg.“ Um Freude, Gemeinschaft, Fairness, das wohl, um „keine Gewalt“ und „keine Entwürdigung des Gegners“. Aber: „Wir würden uns tierisch freuen, wenn wir den Pokal holen würden.“ Und also lässt auch Kehlbreier sich hinreißen: „Gott weiß: München mag näher an Rom liegen. Dortmund aber näher am Herzen.“

Auf das Vaterunser folgt das Vereinslied

Und so endet diese Predigt: Mit „schön, wieder da zu sein“, was die ganze Stadt in diesen Tagen singt beim Blick auf Berlin. „Und wenn wir schon einmal wieder da sind“, schließt der Pfarrer, „dann holen wir auch den Pott! Amen.“ (Oder, übersetzt: So soll es sein.) Jubel und Applaus! Auf das Vaterunser folgt das Vereinslied („Aber eins, das bleibt besteh’n. Borussia Dortmund wird nie untergeh’n“) und, natürlich, die große Hymne des Fußballs, die recht eigentlich auch von den Propheten kommt: „You’ll Never Walk Alone“. Es tost die Orgel, es grölt die Gemeinde, und über den Köpfen schweben die Schals. Segen und aus.

Aus? In der Ecke, beim schwarz-gelben Engel, zünden die Christen-Fans Kerzen an, gelbe, versteht sich. Und zum Ausmarsch stimmt einer an, was die Orgel aufnimmt: „Zieht den Bayern die Lederhosen aus!“ Aber – ist das jetzt christlich

Es ist jedenfalls Dortmunds „Echte Liebe“, wofür der BVB gerade noch einen Marketingpreis bekommen hat. Und die Liebe, so stand es bereits im ersten Korintherbrief, ist unter Hoffnung und Glauben schließlich die größte.

 
 

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