Chefermittler Ingo Thiel veröffentlicht Buch zu Fall Mirco

Chef-Ermittler Ingo Thiel bei einer Pressekonferenz.
Chef-Ermittler Ingo Thiel bei einer Pressekonferenz.
Foto: dapd
Ingo Thiel, Leiter der Sonderkommission Mirco, hat ein Buch über die Jagd nach dem Mörder des zehnjährigen Mirco geschrieben. Tausende von Spuren wurden verfolgt. Am 26. Januar 2011 konnte die Polizei schließlich Olaf H. festnehmen. Der Familienvater wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Essen.. Es war einer der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre: 145 Tage lang suchte die Polizei den zehnjährigen Mirco aus Grefrath am Niederrhein, verfolgte Tausende von Spuren, spürte den Mörder des Jungen schließlich auf und schnappte ihn. Jetzt hat der Leiter der Soko, Kriminalhauptkommissar Ingo Thiel, ein Buch über Mirco und zwei weitere Fälle veröffentlicht. Und es scheint, als wolle sich der 48-Jährige die Last des Erlebten von der Seele schreiben.

Das Buch „Soko im Einsatz“ (Ullstein extra, 222 S., 14,99 Euro), das am Montag erscheint, liest sich wie ein Thriller. Wie Thiel und sein Team die Schlinge um den Verdächtigen immer enger ziehen, ist packend, selbst wenn viele Fakten ja längst bekannt sind. Denn es ist kein Polizei-Protokoll, das der Kripomann da verfasst hat. Es ist ein Einblick in die Arbeit der Polizei-Maschinerie ebenso wie in das Seelenleben der Beamten.

Ich stehe mit diesem Fall auf und nehme ihn mit ins Bett. Ich lebe mehr mit den Leuten der Soko zusammen als mit der Frau, die nach ihrem eigenen Feierabend wieder unseren Kühlschrank aufgefüllt und zwei Maschinen Wäsche erledigt hat. Die sich nicht beschwert, wenn ich das wenige, das ich für uns tun wollte, über den Tag wieder vergessen habe.

Krimi geschrieben – im besten Sinne

Thiel hat einen Krimi geschrieben – im besten Sinne: Denn auch wenn er schon im Vorwort betont, dass der reale Polizeialltag nicht viel mit Fernseh-Fiktion zu tun hat, schafft er doch genau das, was auch gute TV-Storys machen: Er erzählt eine Geschichte. Von den Kommissaren und ihren Eigenheiten, von ihren Hoffnungen und Ängsten. Von schrulligen Zeugen und seltsamen Verdächtigen. Von dem ersten Treffen mit den Eltern des Opfers, Sandra und Reinhard Schlitter. Und schließlich von der ersten Begegnung mit dem Täter selbst, am Fundort von Mircos Leiche.

Großer Kopf, breites Gesicht, etwas bullige Statur: in etwa wie auf den Fotos, die ich mir vor Tagen besorgt habe. Was immer er gerade gesehen hat, scheint ihn wenig berührt zu haben. (...) Ich verspüre in dem Moment wenig Neigung, mich ernsthaft in ihn hineinzuversetzen. Bevor ich an ihm vorbei bin, hebe ich nur kurz den Zeigefinger, wie zum Gruß, und sage halblaut: „Hab’ dich!“

Polizisten sind in diesem Buch die Guten

Und auch das ist wie im Krimi: Die Polizisten, sie sind in diesem Buch die Guten. Unerschütterliche Idealisten, die monatelang durcharbeiten, in Nächten und an Feiertagen, die auch die schlimmsten Aufgaben nicht scheuen – und deren schlimmster Fehler die Lust auf Kekse ist.

„Wir gehen hier nicht eher weg, bis wir den gefunden haben. Das kann ich Ihnen versprechen. Und wir finden ihn.“ Dieser Satz ist von nun an das Mantra, das für unsere Arbeit sinnstiftend wirkt. (...) Ich habe (Mircos Eltern) ein Versprechen gegeben, das für mich verbindlich ist. Es zählt für mich nicht weniger als der Diensteid oder eine Anweisung vom Kriminaldirektor. Anders gesagt: Wir machen das hier nicht bloß, weil es halt irgendwer machen muss. Wir machen das vor allem für Sandra und Reinhard.

Persönliche Genugtuung

Thiel lässt keinen Zweifel: Er ist stolz auf das, was er und sein Team in seinem „populärsten Fall“, wie er sagt, geleistet haben. Er gibt Pannen zu, ohne groß um Entschuldigung zu bitten. Und ein wenig scheint es, als heische der Mann, der „der Terrier“ genannt wird, auch um Beifall. Als brauche er dieses Ventil, um sich persönliche Genugtuung zu verschaffen. Bei allem Verständnis: Das ist es, was nach der ergreifenden Lektüre einen faden Nachgeschmack hinterlässt.

Als wir den Eltern zum Abschied die Hand geben wollen, nimmt Sandra uns der Reihe nach in den Arm, um einmal fest zu drücken. Alle vier. „Versprechen gehalten“, sagt sie, „danke“.

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