Casting fürs Geiseldrama: Langes Warten auf eine kurze Rolle

Klick, klick – schon ist das Casting fertig. In zwei Monaten hören die Bewerber, ob sie im Film über das Geiseldrama eine Rolle spielen werden
Klick, klick – schon ist das Casting fertig. In zwei Monaten hören die Bewerber, ob sie im Film über das Geiseldrama eine Rolle spielen werden
Foto: Volker Hartmann
Die Resonanz war groß. Viele Menschen bewarben sich als Komparsen für einen ARD-Zweiteiler, der das Gladbecker Geiseldrama zum Thema hat.

Gladbeck. Die Ersten stehen gegen 9 Uhr vor der Tür. Das ist gut eine Stunde, bevor die Stadtbücherei Gladbeck öffnet. „Aber sicher ist sicher“, sagt Kevin Kremer aus Recklinghausen. Der 23-jährige ist nämlich nicht gekommen, um ein Buch auszuleihen, er will sich vorstellen beim Casting, das eine Agentur an diesem Samstag ab 11 Uhr hier veranstaltet, um Komparsen zu finden. Für die ARD soll das Geiseldrama von Gladbeck verfilmt werden. Nicht jeder in der Stadt findet das gut.

Kurz nach zehn Uhr ist die Schlange der Wartenden bereits über 50 Meter lang. Viele junge Leute sind erschienen, aber auch Rentner, ja ganze Familien haben sich eingereiht. „Über 1000 Leute werden gesucht“, weiß einer aus „sicherer Quelle“, und eine Mutter weist eine Mitarbeiterin der Casting-Agentur noch darauf hin, dass ihre Tochter doch eine verblüffende Ähnlichkeit mit Silke Bischoff habe, der damals 18-Jährigen, die während der finalen Befreiungsaktion der Polizei ums Leben kam. Ja, gut, ein paar Jahre jünger sei ihr Kind und eine andere Haarfarbe habe es auch: „Aber sonst...“

Ulli Florrack, die extra aus dem Rheinland angereist ist, ist schon so etwas wie ein Casting-Profi. Vor ein paar Tagen erst war sie im Dritten Programm, 23.15 Uhr. Ein paar Sekunden sichtbar, einen Satz gesprochen. „Vielleicht haben Sie’s ja gesehen.“ Nun also Gladbeck, Geiseldrama. Kein alltäglicher Film, schon weil er ja auf Tatsachen beruht. „Natürlich habe ich überlegt, ob ich mich bewerben soll.“ Ja auch, ob man so ein Ereignis überhaupt verfilmen sollte, habe sie sich gefragt. „Aber letztendlich ist das ja auch ein Stück Zeitgeschichte.“ Die Umstehenden nicken. „Genau, Zeitgeschichte.“

Für viele Gladbecker ist das Drama noch ein Stück ihrer eigenen Geschichte

Für ältere Menschen in der Stadt ist es allerdings auch ein Stück ihrer eigenen Geschichte. Kaum einer, der auch 28 Jahre nach den Ereignissen nicht genau weiß, wo er war und was er machte, als am Morgen des 16. August 1988 ein Überfall auf eine Deutsche Bank-Filiale im Geschäftszentrum Rentfort-Nord an der Schwechater Straße 38 zu einer Geiselnahme wurde, die sich den Deutschen ins Gedächtnis brannte.

Drei Tage, in denen die Polizei immer wieder versagte, sensationsgierige Journalisten jeden Anstand verloren und am Ende zwei junge Menschen tot waren. Drei Tage, die immer noch mit der Stadt in Verbindung gebracht werden, auch wenn sie nur etwas mehr als zwölf Stunden Schauplatz der Ereignisse war. „Sie können hinkommen, wo Sie wollen in Deutschland“, haben Mike und Michaela Zylstra festgestellt. „Überall denken die Menschen nur an eines, wenn sie erfahren, dass wir aus Gladbeck kommen: Geiseldrama.“ Beworben haben sie sich dennoch für eine der Statistenrollen. „Vielleicht wird ja noch mal aufgearbeitet, wie viel damals schief gelaufen ist.“

Selbst wenn, wäre das für Susan Mellinghaus kein Grund mitzumachen bei diesem Film. „Nicht mal eine Litfaßsäule würde ich darin spielen“, stellt die 51-Jährige bei ihrem zufälligen Besuch in der Bücherei klar. Schon wegen der Angehörigen der Opfer und der überlebenden Geiseln. „An die denkt anscheinend wieder einmal niemand.“

Produktionsfirma versichert, "sehr sensibel" bei der Umsetzung vorzugehen

Die Produktionsfirma hat solche Reaktion einkalkuliert, will derzeit noch keine Statements abgeben, versichert aber immer wieder, sie sei sich ihrer „Verantwortung bewusst“ und werde bei der Umsetzung des Themas „sehr sensibel“ vorgehen. „Aber an diesem Samstag geht es nur um Komparsensuche.“ Nicht ums Drehbuch, nicht um Drehorte, nicht um Sprech-, erst recht nicht um Hauptrollen.

Dementsprechend kurz ist das eigentliche Casting. Zettel mit persönlichen Daten ausfüllen, Portrait- und Ganzkörperfoto – klick, klick. „Dankeschön, wir melden uns in zwei Monaten.“ Bei manchen geht es dann doch schneller. Kevin wird beim Rausgehen vom Fleck weg als Statist für eine Party-Szene im neuen Film von Söhnke Wortmann engagiert. „So Typen wie dich suchen wir“, sagt ein Caster. Knapp 100 Euro gibt es dafür, eine Nacht ist einzuplanen. Mehr Zeitvertreib als Zeitgeschichte, aber das ist Kevin egal: „Da hat es sich doch gelohnt, dass ich so früh gekommen bin.“

 
 

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