Bottrop-Ebel, das günstigste Viertel

Bottrop..  Hat sich schon wieder einer von diesen Sattelschleppern festgefahren. Vor, zurück. 16,50 Meter lang, vorn ein holländisches Kennzeichen und hinten ein polnisches, so fuhrwerkt der Laster durch zwei Wohnsträßchen in Bottrop-Ebel. Vor, zurück. Denn die beliebte Lkw-Abkürzung von der Autobahn zum Gewerbegebiet ist dicht. Baustelle. „Da hamse schon das Schild umgefahren und die Mauer angefahren“, sagt Wilfried Kraaß. Er wohnt da.

Kraaß ist so etwas wie der inoffizielle Bürgermeister von Ebel: „Wenn man hier vor 80 Jahren geboren ist und immer noch rumläuft...“ Bezirksvertreter, SPD-Vorsitzender, aktiv in allen Vereinen, und er liebt sein Ebel, wie man einen hässlichen Hund liebt: um so mehr. Und doch: Herr Kraaß, wenn jetzt jemand käme, der nach Ebel ziehen wollte – was sagen Sie dem? „Muss er selbst wissen. Soll bloß hinterher nicht schimpfen.“

Ebel, ein Quadratkilometer Bottrop, im Süden zwischen Emscher und Kanal gelegen, ist das günstigste Wohnviertel im Revier: „Immobilienscout 24“ verzeichnet einen Durchschnittspreis von 4,77 Euro pro Quadratmeter bei Neuvermietungen – einNegativrekord.

Im Kern ist Ebel eine alte Zechensiedlung, die nach der Schließung von Prosper 1 keinen rechten Halt mehr fand. Backsteinhäuser, Riesengärten. Vor Jahren, erzählen die Leute, habe ein Unternehmer mitten in Ebel groß bauen wollen. Eine Straße entstand mit Musterhäusern. Sie sind längst weg, also, verschwunden – nur die Straße liegt weiter da rum. Führt zu nichts.

Ebel ist nicht hässlich, aber von Problemen umstellt. Wer hier lebt, der hört das Hintergrundrauschen der A 42 natürlich nicht mehr. Gemeinerweise aber riechen die Emscher und die zufließende Berne nur manchmal. Dann die vielen Laster, mit großem Tempo in kleinen Straßen oft. Oder vor, zurück.

„Gabi’s Büdchen“ rollt vorbei

Ebel altert zu schnell: Vier Lebensmittelläden, vier Kneipen, drei Metzger – alles vergangen. Das Geschäftszentrum am Hauptbahnhof ist nicht sehr weit weg, aber eben nicht in Ebel. Hier besteht die komplette Geschäftswelt aus einem Kiosk namens „Verkaufshalle“, aus „Gabi’s Büdchen“, einem rollenden Tante-Emma-Laden aus Kirchhellen, der laut klingelnd durch die Straßen fährt, und aus einem Friseur. „Haare gut, alles gut“, steht an seiner Fassade. Friseurs Sicht.

Gepflegte Häuser stehen neben Leerstand. Die ganze Misere, auf einem Vivawest-Verkaufsschild an der Bergbaustraße: Zweifamilienhaus von 1901, 106 qm Wohnfläche, 693 qm Garten – 94 000 Euro. Super! Dann kommen nur noch Haken: Zustand „altersgerecht“, Denkmalschutz „Ja“. Eine Wohnung vermietet, „das Mietverhältnis ist zu übernehmen“. Die Leute zahlen 206 Euro kalt für 59 qm.

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