Bei der Urbanatix-Show steht Bochum wieder kopf

Vivien-Jana Gaida könnte die Wände hoch gehen. Das klappt, weil sie mit dem Rücken in ein Trampolin springt.
Vivien-Jana Gaida könnte die Wände hoch gehen. Das klappt, weil sie mit dem Rücken in ein Trampolin springt.
Foto: Ingo Otto
  • Urbanatix: So heißt das nach wie vor einzigartige Streetart-Festival in Bochum
  • Die Proben für die neue Produktion im November in der Jahrhunderthalle laufen auf Hochtouren
  • „Drop the beat!“, lautet das Motto für die Revier-Straßenkünstler und Profis aus aller Welt

Bochum.. Es gibt mehr Fortbewegungsarten zwischen Himmel und Erde, als man sich träumt. Hier wären in einer einzigen, naja, Turnhalle zu sehen: die Wände hochgehen, Bocksprünge mit Fahrrad, Salto aus dem Stand, auf einem Arm hüpfen, auf einem Absperrband balancieren, Kopfstand/Rolle, Kopfstand/Rolle: Willkommen bei Urbanatix.

Wenn man das alles sieht und gewillt ist, das konzentrierte Training der Tänzer da hinten zu ignorieren („Alle zuhören! Zuhören! Zuhören!“, ruft Choreograph Takao Baba in diesem Moment stark konzentrationsfördernd), wenn man es also nicht zu genau nimmt: Macht hier gerade jeder, was er will.

Aber in vier Wochen muss es eine Show sein.

Muss alles aus einem Guss sein. Premiere für „Drop the beat“ ist am 11. November in der Jahrhunderthalle. Den Termin schiebt niemand mehr.

„Die Show, die rauskommt, ist Weltklasse“, sagt Christian Eggert, der Regisseur. Wenn nicht der Vater, so ist er doch wenigstens ein Elternteil von „Urbanatix“: jener Show aus Bewegungskunst und Artistik, Musik und Licht, die sich jetzt im siebten Jahr zum achten Mal erfindet.

Kurse für Bewegungskunst

Das Format: Junge Straßenkünstler aus dem Ruhrgebiet arbeiten mit internationalen Artisten zusammen, und heraus kommt etwas unbeschreiblich Drittes. An diesem Wochenende ist in die Halle Warren Richardson gekommen, der jahrelang mit „Stomp“ durch Europa tourte. Richardson ist „Bodypercussionist“, das heißt, er macht jedes Geräusch mit dem Körper – aber keine Musik.

Er stampft, er klatscht, weniger in die Hände, mehr ins Gesicht, auf die Schenkel, und dazu malt er Laute mit der Stimme. Und seine Tänzer ziehen mit: Beifall für Mr. Richardson, als für heute Schluss ist. Es gibt Nüsse, Wasser, Obst für sie, während in einer anderen Ecke der Halle jetzt schon wieder tollkühne Biker mit ihren fliegenden Kisten üben. Wenn’s noch nicht so ganz klappt, landen sie in einer Art Bällchenbad für Erwachsene.

Früher war diese Halle an der Besemerstraße, in der Urbanatix 2016 entsteht, die „Spielfabrik“: ein überdachter Ort zum verschärften Austoben kleiner Kinder, und man kann sagen: So viel hat sich gar nicht geändert. Name und Anspruch gehen allerdings heute deutlich weiter: „Open Space“ heißt die Halle, was man wahrscheinlich am besten mit „Freiraum“ übersetzt.

Denn jeden Tag kommen Jugendliche her, um Kurse für Bewegungskunst zu besuchen. Die wichtigste Regel, die im Eingang hängt, ist wohl Punkt 3: „Sag kurz Hallo zur Aufsicht“ – schon allein wegen der Versicherung. Seit Sommer 2015, sagt Eggert, hätten sich schon 1500 Jugendliche neu eingefunden.

Einer von ihnen ist Jan Muttke. Er wird zum zweiten Mal hintereinander auch bei Urbanatix dabei sein, er gilt da als der Allrounder: Vieles kann er, alles testet er. „Hier sind viele unterwegs, die etwas für sich ausprobieren“, sagt der 20-Jährige: „Ich komme vom Schwimm-Leistungssport, da steckte man schon in einem gewissen Rahmen.“ Hier kann er mal tanzen. Oder auch über Hindernisse springen. Oder lieber auf einem Band balancieren. Oder doch biken. Lieber Himmel, der Junge studiert Ingenieurwesen. „Da habe ich Strömungsmechanik und Regelungstechnik“, sagt er: „Hier habe ich . . . Freiheit.“

Sie ist so groß, dass er inzwischen auch wieder schwimmt.

 
 

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