Ausstieg, Aufklärung, Prävention

Sylvia Eilhardt spricht am Dienstag, 22. Juni 2010 in ihrem Buero im Wittener Rathaus ueber rituelle Gewalt. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Sylvia Eilhardt spricht am Dienstag, 22. Juni 2010 in ihrem Buero im Wittener Rathaus ueber rituelle Gewalt. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
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Witten. Der bundesweit einmalige „Arbeitskreis Rituelle Gewalt“ in Witten leistet Opfern Hilfe beim Ausstieg, klärt auf und treibt die Prävention voran.. „Das kann nicht sein.” Wenn man Schilderungen wie jene von „Nicki” liest, ist dieser Satz die häufigste Reaktion. Silvia Eilhardt hat diesen Satz allzu oft gehört, immer wieder erlebt sie Ungläubigkeit. Eilhardt leitet seit 2003 in Witten den „Arbeitskreis Rituelle Gewalt”.

Wissenschaftler bezeichnen rituelle Gewalt als schwere physische, sexuelle und psychische Misshandlung, die bei Zeremonien geschieht. Dabei werden Symbole und Rituale eingesetzt, die den Anschein von Religiosität oder Magie haben. Diese rituelle Gewalt wird über einen längeren Zeitraum ausgeübt.

Die Gesellschaft habe das dunkle Thema noch nicht erkannt, doch Eilhardt kann die Ungläubigkeit nachvollziehen: „Die Menschen können sich nicht vorstellen, dass es so etwas gibt.” Lange Zeit war Eilhardt selbst das schreckliche Phänomen fremd. Bis 2001 ein Ritualmord in Witten für Aufsehen in der Republik sorgte und die Gründung des Arbeitskreises auslöste. Längst weiß Eilhardt: Rituelle Gewalt beschränkt sich nicht auf Einzelfälle, 2005 ergab eine Befragung von Therapeuten alleine im Ruhrgebiet Hinweise auf 72 Fälle.

In ihrer Beratungsstelle, die in ihrer Form einmalig in Deutschland ist, bemüht sich Eilhardt um Aufklärung, Prävention und die Sensibilisierung von Experten. „Wir haben mit sieben Teilnehmern begonnen. Jetzt sind es 45. Lehrer, Polizisten Psychotherapeuten, Richter, oder Gerichtsmediziner.” Sie alle stehen vor einer komplizierten Herausforderung:

Die Täter, so Eilhardt, handelten mit hoher krimineller Energie und seien intelligent genug, um ihren Kreis oder ihr Netzwerk geheim zu halten. Sie lebten extreme Macht- und Gewaltphantasien aus. Die Opfer, in aller Regel Kinder, würden im Pawlowschen Sinne so konditioniert, dass sie nichts verraten, ihre Persönlichkeit werde zerstört.

Eine Offenbarung, etwa einem Therapeuten gegenüber, bedeute noch keine Rettung. „Die Schilderungen der Opfer werden selbst von Experten häufig als krankhafte Fantasie abgetan, so kommt es immer wieder zu Fehldiagnosen”, weiß Eilhardt. Folge: Die Täter bemächtigen sich wieder ihrer Opfer, verhindern in der Folge weitere Therapien. Die Therapeuten wiederum zweifelten an ihrer eigenen Wahrnehmung.

Die Hilfe der Polizei ist eingeschränkt. Dort konzentriere man sich auf die Straftat an sich, nicht auf die Motivation, die dahinter steckt. „Uns fehlen die harten Fakten. Das heißt aber nicht, dass wir die Existenz ritueller Gewalt abstreiten. Doch bei den Ermittlungen stehen wir vor hohen rechtlichen Hürden”, so Frank Scheulen, Sprecher des Landeskriminalamtes. Eilhardt wünscht sich die Einrichtung einer zentralen Stelle, bei der alle Taten, die einen satanischen Hintergrund haben, gesammelt werden.

„Wir müssen das Wissen über dieses Phänomen verbreitern”, betont Silvia Eilhardt. Nur so sei es möglich, dass die Gesellschaft hinschauen kann. Nach sieben Jahren Arbeit zieht Eilhardt ein nüchternes Fazit: „Wir stehen immer noch am Anfang.”

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