Auf dem Weg zu Gott

Unterwegs auf dem Jakobsweg mit dem Herner Pilger Bernd Koldewey  in Herdecke. Foto : Jakob Studnar
Unterwegs auf dem Jakobsweg mit dem Herner Pilger Bernd Koldewey in Herdecke. Foto : Jakob Studnar
Bernd Koldewey pilgerte von Herne nach Santiago de Compostela. Jakobswege im Ruhrgebiet – eine Spurensuche.

Essen..  Der Weg von Herne bis nach Santiago de Compostela ist weit, heiß und mühselig. Schon wenn man mit dem Auto fährt. Zu Fuß dauert die Reise über fünf Monate, und nur wenige Menschen tun sich die gesamte Strecke an. Bernd Koldewey ist einer von ihnen, ein wahrer Bezwinger des Jakobsweges, kein einfacher Wanderer, ein echter Pilger vielmehr – auf der Suche nach historischen Spuren, auf der Suche nach Gott und sich selbst.

Bernd Koldewey keucht und schnieft, die Schweißperlen kullern ihm von der Stirn am steilen Aufstieg zum Freiherr-vom-Stein-Turm in Herdecke. Wir gehen ein Stückchen mit ihm, an einem einzigartigen Frühlingstag auf Jakobs Spuren im Ruhrgebiet. Der 54-Jährige kommt nach dem langen Winter schnell aus der Puste. Zuviel am Schreibtisch gesessen und Bücher geschrieben, zu wenig Bewegung, zu viele Zigaretten und das ein oder andere Bierchen: Das bekommt er jetzt beim Anstieg hoch über der Ruhr Schritt für Schritt heimgezahlt. Doch der Frührentner weiß: Bald geht’s wieder los, wieder quer durch Spanien, auf Pfaden der seelischen wie auch der körperlichen Erleichterung.

27 Kilo abgenommen

„Auf der langen Etappe des Jakobsweges habe ich 27 Kilo abgenommen“, sagt der gebürtige Bochumer. Wenn der Sommer naht, dann zieht es ihn von dannen, dann schnappt er sich seinen selbst geschnitzten Wanderstab, sein Zelt und seinen Rucksack mit der großen Jakobsmuschel daran, um endlich wieder Unabhängigkeit und Freiheit einzuatmen, gierig aufzusaugen. „Ein bisschen bin ich schon ein Vagabund, ein Außenseiter. Manchmal fühle ich mich wie ein einsamer Don Quichotte, der gegen Windmühlen kämpft und für Gerechtigkeit“, sagt Koldewey. Er propagiert das einfache Leben, hasst das Hetzen nach immer mehr, die Ellbogengesellschaft. Eine Nacht unterm Sternenhimmel, ein Abend bei einer gastfreundlichen spanischen Familie, ein Sonnenuntergang in Galizien, das inspiriert Bernd Koldewey mehr als alle Media-Markt-Angebote dieser Welt.

Ganz allein machte er sich am 21. März 2007 auf den Weg, die erste Etappe bis nach Zentralfrankreich, um seine Reise ein Jahr später von dort bis nach Santiago de Compostela zu Ende zu führen. „Mit dem Pilgerstab durch die Herner Fußgängerzone“, erinnert er sich, „da kommt man sich ganz schon komisch vor“.

Erste Station legte er im Zisterzienser-Kloster in Bochum-Stiepel ein, bekam dort seine Zelle, etwas zu essen und Wein zu trinken. Und nach der Mitternachtsmesse in der Klosterkapelle und den guten Wünschen der Mönche am nächsten Morgen wusste er: „Jetzt kann mir auf meiner langen Reise nichts passieren.“ Man scheint es nur glauben zu müssen wie Bernd Koldewey: „Jakob hat immer die Hand über mich gehalten. Ich bin nicht einmal ausgeraubt worden, nicht ein einziges Mal umgeknickt auf den tausenden von Kilometern.“

Weiter ging es am zweiten Tag nach Schwelm, wo ihm der Pfarrer der Mariengemeinde Unterkunft auf einem Matratzenlager gewährte, extra für Pilger. In Wermelskirchen hat ihn die Kneipenwirtin kostenlos bekocht, ihr Herz schlug für Pilger. Man sieht: Pilgern muss nicht teuer sein, darf es auch gar nicht, wenn es nach Koldewey geht. „Ich versuche, mit 15 Euro pro Tag auszukommen. Wenn ich allerdings mal in einer gemütlichen Kneipe versacke, dann darf’s auch etwas mehr werden.“ Am nächsten Tag werde wieder gespart, „dann gibt es halt nur Wein“, sagt Koldewey und lacht.

Muschel am Rucksack

Die Jakobsmuschel ist sein Aushängeschild, aber auch seine Orientierung. Von alters her sind die Pilgerpfade nach Santiago de Compostela mit der Muschel gekennzeichnet, und neuerdings im Zeichen des Jakobswege-Booms finden sie sich verstärkt auch auf Wegen im Ruhrgebiet wieder, gelb auf Blau, manchmal auch erhaben in Bronze gegossen. Da mutiert ein Rundwanderweg wie der zum Freiherr-vom-Stein-Turm in Herdecke schon mal zum Jakobsweg. Und so scheint es, als ob alle Wege nach Santiago de Compostela führen.

Der Jakobswege sind viele in Europa, ein ganzes Netz spannt sich über den Kontinent. Im Rheinland und in Westfalen führt eine Hauptroute von Osnabrück über Münster nach Dortmund und dann weiter nach Hagen, die andere über den alten Hellweg von Paderborn über Dortmund, Bochum und Essen nach Duisburg und dann weiter nach Aachen. Teil- und Nebenstrecken eignen sich für landschaftlich schöne Spaziergänge, alte Zeitzeugen finden sich aber nur spärlich. Nicht einmal die katholische Pfarrkirche Philippus und Jakobus, erbaut 1861 in Herdecke, weist auf den Schutzpatron aller Pilger hin, sondern auf Jakobus den Jüngeren.

Koldewey freut sich, wenn Spaziergänger in Jakobs Fußstapfen wandeln. Richtiges Pilgern bedeute aber mehr, vor allem aber weiter und noch wichtiger: innere Einkehr. „Ich habe auf meinen Pilgerreisen nicht nur viel Schweiß, sondern auch viele Tränen gelassen“, gesteht der Herner. Und sagt diesen schönen Satz: „Wer auf dem Jakobsweg geht, sucht sich selbst und findet Gott. Oder er sucht Gott und findet sich selbst.“

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