Arzt kritisiert Kliniken für ihr "Geschäft mit dem Sterben"

Was tun, wenn keine Hoffnung auf Besserung mehr besteht? Die Geräte abschalten?
Was tun, wenn keine Hoffnung auf Besserung mehr besteht? Die Geräte abschalten?
Foto: IMAGO
Todkranke werden oft ohne Sinn und gegen ihren Willen behandelt, glaubt der Mediziner Matthias Thöns. Ein Gespräch über das Geschäft mit dem Sterben.

Witten.. „Hauptsache, die Maschinen laufen.“ Der Wittener Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns sprach mit Britta Bingmann darüber, wie das lukrative Geschäft mit dem Sterben funktioniert. Seine These: Viele Ärzte würden Sterbenskranke qualvoll gegen ihren Willen behandeln, selbst wenn es keinerlei Hoffnung auf Besserung mehr gebe. Es werde „bestrahlt, geröntgt, operiert, katheterisiert und chemotherapiert, was die Gebührenordnung hergibt“. Der Arzt, zugleich stellvertretender Landes-Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, klagt an: „Ich habe mehrfach erlebt, dass bis zur Leichenstarre beatmet wird.“

Kranke, die längst ins Hospiz wollten, würden in mancher Klinik mit fadenscheinigen Begründungen festgehalten bis zum letzten Tag, kritisiert der Arzt und Buchautor. Noch auf dem Sterbebett werde – trotz anders lautender Verfügung – die Dialyse angestellt. Das Lebensende sei für die Kliniken ein großes Geschäft: „Es geht nicht um den Menschen, sondern nur noch um Gewinne.“ Der Patientenwille werde dabei häufig nicht beachtet. Mit diesen Thesen geht der 49-Jährige jetzt an die Öffentlichkeit: Am Donnerstag erscheint sein Buch „Patient ohne Verfügung – Das Geschäft mit dem Lebensende“ (Piper Verlag, 320 S., 22 Euro) . Thöns Fazit: Übertherapie und Fehlversorgung spülen den Krankenhäusern Millionen in die Kassen.

Ihre Kritiker könnten Ihnen vorwerfen, sie wollten mit dem Buch selbst nur Kasse machen.

Dr. Matthias Thöns: Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe tatsächlich große Angst, dass mir die Kliniken nach der Veröffentlichung keine Patienten mehr zuweisen. Aber ich hoffe, dass ich im Gegenzug viele Hausärzte mit ins Boot holen kann.

Das Buch ist also ein Risiko für Sie. Warum wagen Sie es?

Thöns: Weil ich mich über das System ärgere, seit ich Palliativmediziner geworden bin. Die Versorgung in mancher Klinik ist nicht so, wie man sie sich für seine eigenen Eltern oder Großeltern wünschen würde. Und tatsächlich lehnen auch 90 Prozent aller Ärzte eine aggressive Therapie am Lebensende ab – aber leider nur für sich selbst. Wenn ich Veränderungen will, dann brauche ich Öffentlichkeit. Ich habe einsehen müssen, dass man mit freundlich formulierten Bittbriefen an die Chefärzte nicht weiterkommt. Es geht schließlich um deren Pfründe. Natürlich habe ich mit meinem Team vor der Veröffentlichung gesprochen. Alle haben gesagt: „Mach es bitte, die Zustände sind einfach entsetzlich.“

Ihre Vorwürfe wiegen schwer. Sie sprechen nicht von schwarzen Schafen im weißen Kittel, sondern von einer ganzen Herde …

Thöns: Ja, da läuft etwas in unserer Gesellschaft schief. Fatale Gewinn-Anreize für die Kliniken führen zu einer qualvollen Fehlversorgung. Alle wissen es, und viele machen mit: Rund 40 Prozent der Chef-Chirurgen geben sogar zu, Operationen durchzuführen, die eigentlich nicht nötig sind. Um das ganz klar zu sagen: Das sind Straftaten! Und wir reden hier nicht über Parken im Halteverbot, sondern über Körperverletzung – wenn’s schlecht läuft, sogar mit Todesfolge.

Sie sagen, der Wille der Patienten werde dabei wissentlich missachtet, um Kasse zu machen?

Thöns: Ja, um das zu belegen, habe ich eine einfache Aktion gestartet. Ich habe einen fingierten Brief an 254 Pflegedienste geschrieben, in dem ich sie bitte, einen „wohlhabenden Onkel, der im Koma liegt“, gegen seine ausdrückliche Patientenverfügung weiter zu behandeln. 90 Prozent der Angeschriebenen unterstützten das Anliegen ohne Wenn und Aber – auch sie wären dann streng genommen Straftäter.

Viele Ärzte würden sagen, die Patienten wollten aber die Maximalversorgung.

Thöns: Ein Todkranker greift natürlich nach jedem Strohhalm, aber es ist verwerflich, das auszunutzen. Die Kliniken müssen ehrlicher aufklären. Denn niemand wird sich für eine qualvolle Chemotherapie mit schlimmen Nebenwirkungen entscheiden, wenn wir offen dazu sagen, dass sie das Leben bestenfalls um vielleicht zwölf Tage verlängert. Wir brauchen eine bessere Palliativversorgung. Nur sie bringt nachweislich bessere Lebensqualität, weniger Depressionen und ein längeres Leben.

Ihr Fazit ist bedrückend. Was kann ich als Patient tun, um nicht in die Mühlen des Gesundheitssystems zu geraten?

Thöns: Mein erster Tipp: Bestehen Sie auf eine Zweitmeinung in einer anderen Klinik oder bei Ihrem Hausarzt. Das ist ihr gutes Recht. Leider wird so ein Zweitgutachten von den Kassen sehr schlecht honoriert, sonst würde man schneller einen Termin dafür bekommen – und 60 Prozent der Operationen könnten verhindert werden. Und zweitens: Kümmern Sie sich rechtzeitig nicht nur um eine Patientenverfügung, sondern auch um einen hartnäckigen Vorsorge-Bevollmächtigten, der Ihren Willen auch durchsetzen kann und sich nicht von den Halbgöttern in Weiß beschwatzen lässt.

 
 

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