Angstraum Nahverkehr

Trotz Sicherheitspersonals, Kameras und Alarmknöpfen: Nachts in der Bahn fürchtet sich der Mensch – sehr subjektiv.

Ruhrgebiet. Der Junge wollte nichts Böses im Bus. Bloß Pommes und Pils. Es war dies der schwerste Fall, den die „Schwarzen Sheriffs“ von Duisburg in ihrer ersten Arbeitswoche lösen mussten. Dabei sind die dortigen Verkehrsbetriebe, die DVG, ganz offensichtlich Schlimmeres gewohnt: „Zunehmende Verrohung“ beobachtet Sprecher Torsten Hiermann in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt, „Busse und Bahnen werden als rechtsfreier Raum betrachtet.“ Deshalb hat die DVG zur Monatsmitte die Zahl ihrer Sicherheitsbegleiter verdoppelt, sie in schwarze Uniformen gesteckt und offen „Sheriffs“ genannt.

Andere Verkehrsunternehmen zeigen es nicht so offen, haben aber oft dasselbe Problem. Man könne es „nicht mehr verhehlen“, sagt Johannes Bachteler vorsichtig, der Sprecher des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR): dass „der Umgang zwischen den Leuten rauer wird“, dass sie Verkehrsmittel als ihr persönliches Eigentum betrachten, „mit dem umgegangen wird, wie man möchte“. Füße auf dem Sitz, Schmierereien, Respektlosigkeit gegenüber dem Personal. . . „Ein gesamtgesellschaftliches Problem.“

Das sagen alle, die mit Sicherheit im Nahverkehr zu tun haben: Der Bus und seine Haltestelle sind der Mikrokosmos der Welt, in der wir leben, augenfälliger noch, wo Menschen Haltegriff an Haltegriff und Schulter und Schulter aneinander stehen und -kleben; im Berufsverkehr geht jede Distanz verloren. Was aber Angst macht, ist weniger die drangvolle Enge als die gähnende Leere in Abendstunden und unterirdischen Bahnhöfen – und die Bilder, die immer mehr Kameras in die Medien spülen: wie jetzt wieder aus Berlin, wo Jugendliche einen Mann brutal zusammentraten.

Dabei betonen Verkehrsbetriebe und Deutsche Bahn eindringlich, dass die Zahlen tatsächlicher Straftaten rückläufig seien. 20 auf 100 000 Passagiere zählt die Bahn. 60, 70 tätliche Übergriffe im ganzen Jahr 2009 bei 120 Millionen Fahrten, rechnet Olaf Frei vor, Sprecher der Essener Evag, seien „kein Sicherheitsproblem“. Doch auch er weiß ja von „abnehmendem Respekt“, von Fahrern, die angepöbelt werden und bespuckt. „Jede Tat ist eine zu viel“, sagt Gerd Becht, bei der Bahn zuständig für die Konzernsicherheit.

Denn die Kunden haben Angst. Oft nicht einmal, weil da eine konkrete Gefahr wäre, sondern ein „diffuses Unbehagen“, wie die Forscher von „SuSi-Plus“ formulieren. Sie haben das „Subjektive Sicherheitsempfinden im Personennahverkehr“ analysiert: Dunkelheit, fremde Menschen, Un­belebtheit und Verwahrlosung machen Menschen, Frauen vor allem, ein „mulmiges Gefühl“. Also die klassische U-Bahn-Station bei Nacht.

Nachts ist es unheimlich

Es gebe eine „große Diskrepanz zwischen Sicherheit und Sicherheitsgefühl“, weiß auch Lothar Ebbers, Sprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn NRW. Lange Gänge seien unheimlich, finster aussehende Typen auch, und zunehmend fehle die soziale Kontrolle einer gut gemischten Reisegesellschaft, wenn abends „nur noch potenzielle Täter und potenzielle Opfer“ ge­meinsam Bahn fahren.

Gerade im Nachtexpress habe man „eine besondere Form des Publikums“, bestätigt Wolfgang Herbrand von Dortmunds DSW 21, und das soll ja auch so sein: Hier steigt ein, wer sein Auto aus gutem Grund nicht mehr bewegt. Und Herbrand weiß ohnehin: „Jede Haltestelle kann nach subjektivem Empfinden ein Angstraum sein.“ Bei der Bahn haben sie das als „Kriminalitätsfurcht-Paradox“ akzeptiert: „Bahnhöfe sind nach Anbruch der Nacht klassische Angsträume, die nur schwer von ihrem Stigma befreit werden können.“

Dabei tun die Verkehrsbetriebe viel, um ihren Kunden mehr Sicherheitsgefühl zu geben. Fast alle Haltepunkte, bald jeder Bus und jede Bahn im Ruhrgebiet sind mit Kameras ausgestattet, seither lässt der Vandalismus nach. Allerdings: „Im Hinblick auf Körperverletzungen scheinen die Täter bei Kameras schmerzlos zu sein“, vermutet VRR-Sprecher Bachteler beim Blick auf Berlin. Und sowieso kann nicht hinter jeder Videolinse und jedem Alarmknopf auch ein Wachmann sitzen, allzeit bereit, um einzugreifen. Das könnten die Servicebegleiter, 70 in Essen, 40 in Duisburg, bald 3700 bei der Deutschen Bahn. Nur sollen die auch Koffer tragen, beim Einsteigen helfen und bei der Suche nach der passenden Verbindung. So könne man vielleicht die Symptome des Problems behandeln, heißt es bei einem Verkehrsbetrieb – „aber die Ursachen an sich“?

Alarm beim Fahrer

Die Vestische Straßenbahn im nördlichen Revier fährt derzeit ein Pilotprojekt: In 15 Bussen wurden Videoeinrichtungen gekoppelt mit einem Alarm beim Fahrer. Der stoppt im Falle eines Falles sofort, informiert die Leitzentrale und bittet die Fahrgäste, sich den Täter zu merken, während der durch die geöffneten Türen stiften gehen kann. Bislang jedoch ist reineweg gar nichts vorgefallen.

 
 

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