Als Schaustellerin mit dem Autoscooter auf Crange

Ein-, zweimal im Jahr steigt Dagmar Osselmann (Mitte, mit den Töchtern Sarah (l.) und Nina) auch selbst in eins ihrer Kirmes-Autos.
Ein-, zweimal im Jahr steigt Dagmar Osselmann (Mitte, mit den Töchtern Sarah (l.) und Nina) auch selbst in eins ihrer Kirmes-Autos.
Foto: Kai Kitschenberg
Dagmar Osselmann führt den Autoscooter ihres Mannes seit dessen Tod allein. Gerade ist sie mit ihren Töchtern auf der Cranger Kirmes.

Herne.. Kirmes hinter den Kulissen ist für Kerle. Die Boxbude, die Fahrgeschäfte, der Bierstand: eine Männerwelt. Nur der Chef vom „Diamond“ heißt – Daggi. Ausgerechnet im Autoscooter, wo die coolen Typen um die Herzen der hübschen Mädchen fahren, ist eine Frau am Steuer! Dagmar Osselmann führt mit Hilfe ihrer Töchter Sarah und Nina den Laden ihres verstorbenen Mannes, und nicht nur die Schausteller staunen über das Drei-Mäderl-Haus, auf Crange diesmal „hinten links“.

Denn gerade diese Dagmar Osselmann war ja eigentlich keine von ihnen. Sie kam „von privat“, wie man unter Schaustellern sagt: eine Rechtsanwaltstochter, die Architektin werden wollte – sich dann aber in Ernst-Wilhelm (und seinen Autoscooter) verliebte, den Freund ihres Bruders. „Osselmännchen“, fragte damals ihr Chef in der Stadtverwaltung, wo die jungverheiratete Dagmar Bauzeichnerin war, „hast du dir das gut überlegt?“ Hat sie nicht. „Ich habe gar nicht nachgedacht, ich habe einfach gemacht.“

„Ich brauche das, dass wir alle zusammen sind“

Und so ist es geblieben. Nur nicht immer „einfach“: Die Schwiegermutter tat sich schwer mit der „Privaten“, es dauerte, bis sie auch für die Schausteller „unsere Daggi“ war. Trotzdem waren jene Anfangsjahre „die schönsten in meinem Leben“, sagt Dagmar Osselmann. Manchmal hätte sie sie gern zurück, die „heile Welt“: als sie pendelte zwischen dem Haus in Mettmann und der Kirmes in Düsseldorf, Crange, Sterkrade, als die Kinder gewissermaßen im Autoscooter aufwuchsen. Das Leben im Wohnwagen liebte sie: „Schön, immer alle beieinander“ und morgens die kleinen Füßchen, die über eine goldene Leiter aus dem Hochbett kletterten. „Ich brauche das, dass wir alle zusammen sind.“

Aber sie sind nicht mehr alle zusammen. Es war 2008, als Ehemann Ernst-Wilhelm plötzlich starb. Und es hat Zeit gebraucht und den Mut ihrer gerade erwachsenen Töchter, bis Dagmar Osselmann sich aufraffen konnte aus ihrer Trauer. Sie würde das allein schaffen! „Die Historie“, die heute 53-Jährige streicht sich über die Arme, „macht Gänsehaut.“ Seit 1785 gibt es die Familientradition. Einer der frühen Wilhelms aus der Sippe der Osselmanns baute ein Holzriesenrad – ein Bild davon steht in der Kammer, das nach außen das Kassenhäuschen ist. Ein anderer brachte das erste Dampfkarussell nach Düsseldorf, sie waren „Karussellbesitzer“, länger, als jeder denken kann. „Da hörste nicht auf“, sagt Dagmar Osselmann, „da machste weiter, du musst!“

Ein Leben unter Männern

Seither ist sie nicht mehr Schausteller-Frau, sie ist Schaustellerin, was nicht dasselbe ist. Ein Leben unter Männern. Ein Schausteller, auch in seiner seltenen weiblichen Ausprägung, „ist alles: Kaufmann, Elektriker, LKW-Fahrer, Manager, Personalchef“. Die Schausteller-Frau: ist gute Seele, Köchin, Mutter, Putz-, Wasch- und Hausfrau und die unermüdliche Dame an der Kasse. „Harte Arbeit“, weiß Dagmar Osselmann – nur hat sie heute „andere Ängste und Probleme“. Und schlaflose Nächte, bevor es von einem Rummelplatz zum nächsten geht: Wo muss der Autoscooter hin, schafft sie den Aufbau in drei Tagen, ist genug Platz für die Lkws, steht die Wiese nicht unter Wasser, wie kürzlich in Düsseldorf, und geht das mit der Wildwasserbahn, zum ersten Mal Nachbar auf Crange? „Jedesmal, wenn die Lampen alle brennen, fällt mir ein Stern vom Herzen.“

Dagmar Osselmann, eine attraktive, herzliche Frau, ist nicht mehr die Chefin von früher, die nach einem dienstlichen Donnerwetter das Personal schon mal mit Kuchen besänftigte. Sie ist der Chef selbst, der zuweilen selbst durchgreifen muss. Und bleibt für Mitarbeiter wie Kollegen doch eine Frau im Männergeschäft: „Ich kann mich bei den Treffen nicht über die neuesten Zugmaschinen unterhalten, das will ich auch nicht.“ Nicht, dass sie darüber klagen würde. Sie sagt das alles mit einem Lachen, sie lächelt überhaupt viel und muss nur manchmal eine Träne verdrücken, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Natürlich weiß sie, dass die eine besondere ist: Frau allein am Autoscooter. . .

Einst holte sie Max Greger vom Plattenteller der Schwiegermutter

Dabei ist Dagmar Osselmann nicht allein. Sie sind ja „drei Weiber“ mit den Töchtern, die kommen, wann immer es ihre „normalen“ Berufe zulassen – und dann manchmal mahnen: „Mama, mach mal andere Musik!“ Wie sie einst selbst Max Greger vom Plattenteller der Oma holte. Und es gibt einen neuen Mann, einen Schausteller übrigens, dem sie jetzt mal danken will: „Dass er das alles mitmacht mit uns.“ Zumal: Ernst-Wilhelm Osselmann ist immer da bei Dagmar und ihren „Mädels“, kein Tag, an dem nicht sein Name fällt. „Ich weiß, er ist unheimlich stolz auf mich.“

Und sein Name wird bleiben. Sarah (28) hat zwar neulich einen „privaten“ Mann geheiratet. Aber der heißt seither (auch) Osselmann. Was die Schwiegermutter freut: „Wenn Nachwuchs kommt, sind das wieder Osselmännchen. Es wird uns weiter geben.“

INFO:

Am Mittwoch ist auf Crange traditionell Familientag. Alle Fahrgeschäfte und Buden bieten mindestens eine Vergünstigung an. Das Sonderangebot gilt von 13 bis 24 Uhr.
Die Crangetaler der Schlemmer- und Fahrpässe sind am Familientag aber nicht einsetzbar.

 
 

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