Agenten des Wandels im Ruhrgebiet

Essen.  Vielleicht ist es im wahren Wortsinn eine „Graswurzelbewegung“, die sich im Ruhrgebiet ausbreitet und den grauen Ballungsraum nach und nach in eine grüne Stadtregion verwandelt. Da gibt es zum Beispiel die Dortmunder „Urbanisten“. Der 2011 gegründete Verein will verlassene Industrieflächen für die Lebensmittelproduktion nutzen. Auf revolutionär nachhaltige Weise: Es gibt ein Becken mit Fischen darin und gleich daneben ein Gewächshaus mit Gemüse. Mit dem Fischwasser werden die Pflanzen versorgt, die wachsen prima, denn die Ausscheidungen der Fische wirken als Dünger. Dann wird das Wasser wieder in den Fischtank geleitet – ein perfekter Kreislauf, der Bio-Fische und Bio-Gemüse hervorbringt. „Aquaponik“ nennt sich das.

„Solche geschlossenen Systeme kann man praktisch überall aufbauen“, sagt Ralf Morgenstern von den „Urbanisten“. In jeder Stadt, in jedem Quartier, auf jeder Freifläche. Fernziel wäre es, mit größeren Stadtteilfarmen die Bürger vor Ort mit frischen Lebensmitteln zu versorgen.

20 solcher Öko-Projekte versammelt das schwergewichtige Buch (siehe unten), das die Stiftung Mercator und das Kulturwissenschaftliche Institut (KWI) in Essen jetzt vorstellten. Alle seien „Agenten des Wandels“, die von unten die grüne Wende der Region vorantreiben.

Freiräume für IdeenDas Kleine groß denken

Die Idee dahinter: Das Kleine soll groß gedacht werden. Die Energiewende entscheide sich auch vor Ort, in den Quartieren, Städten und Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet. Von Kohle, Stahl und Industrie geprägt, stehe die Region nun vor der nächsten großen Herausforderung, nämlich den Sprung ins „postfossile“ Zeitalter zu meistern, wie es Klaus Kordowski von der Stiftung Mercator formuliert. Was nicht weniger sei als ein „kollektives Experiment“ – mit ungewissem Ausgang.

Aber reicht das? Genügen all die kleinen und schlauen Projekte, um aus dem Ruhrgebiet eine grüne Vorzeigeregion zu machen? Darüber diskutieren die Experten auf dem Podium anlässlich der Veröffentlichung des Buches. „Es gibt Hunderte Initiativen im Ruhrgebiet, die etwas verändern wollen“, sagt Christa Reicher, Professorin für Stadtplanung an der Uni Dortmund. Nur würden sie bislang kaum wahrgenommen, arbeiteten nicht vernetzt. „Wir brauchen eine große Vision für die Region, einen Plan, wohin die Reise geht. Zugleich helfen die kleinteilige Struktur des Reviers und die zahlreichen Projekte, den Wandel vor Ort begreifbar zu machen“, sagt Reicher.

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie, Leiter des KWI, assistiert: „Das Ziel, die Klimaziele zu erreichen, ist ein großes, sehr abstraktes Vorhaben, das auf die Ebene der Region heruntergebrochen werden muss.“ Er ist überzeugt, dass es im Ruhrgebiet genügend „Agenten des Wandels“ gibt, um etwas zu erreichen. Sie seien „die Hefe im Teig“. Die Politik sei gefordert, solche Projekte aufzugreifen, zu fördern und in die Größe zu bringen. Die Frage sei doch: Wie kann man zum Beispiel mit Aquaponik statt einigen Dutzend 50 000 Menschen versorgen? Die lokale Politik müsse für solche Ideen Freiräume schaffen, meint Babette Nieder von der Stadt Herten. Nicht einfach: „Versuchen Sie mal, eine Stadtverwaltung dazu zu bewegen, eine freie Fläche nicht sofort wieder zu verplanen!“

Und da wären noch die vielen anderen „Agenten“: Die Initiative „Energiewende Hagen“ oder der Verein Dingden in Hamminkeln, der ein Freibad rettete und mit Solaranlagen ausstattete. Mit den Einnahmen aus der Stromeinspeisung finanziert der Verein nun den Betrieb des Bades. Oder der Bürgerbus in Sonsbeck, die Ruhrschäfer in Oberhausen oder, oder, oder.

Ob aus all den kleinen Anstößen einmal etwas Großes wird? Ob sie tatsächlich den Wandel zum nachhaltigen Ruhrgebiet anschieben? Das kümmert die Macher offenbar nicht groß. Sie sagen: „Wir fangen schon mal an. Es läuft.“

 
 

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