Düsseldorf

Obdachlose aus Düsseldorf wandert in Knast – was dann passiert, verändert ihr ganzes Leben

Veronika Wiegele (47) lebte jahrelang als Obdachlose auf der Straße in Düsseldorf.
Veronika Wiegele (47) lebte jahrelang als Obdachlose auf der Straße in Düsseldorf.
Foto: Matthias Biesel / DER WESTEN

Düsseldorf. Die schiefe Bahn. Veronika Wiegele (47) aus Düsseldorf ist auf ihr gelaufen, gestolpert und gefallen. Immer wieder. Der Knackpunkt? Vielleicht die Trennung ihrer Eltern. Vielleicht auch die Entscheidung gegen ihren Lebenstraum mit 16.

Stattdessen das erste Mal Drogen. Alkohol, Marihuana. Als das nicht mehr reicht, harte Drogen. Amphetamin, LSD. Später Koks. Am Ende Heroin. Wiegele lässt nichts aus, landet schließlich im Knast.

„Die Haft hat mich gerettet“, sagt die 47-Jährige aus Düsseldorf heute. Die Ex-Obdachlose steht mittlerweile vor ihrem zwölften Marathon.

Ex-Junkie aus Düsseldorf: „Ich war völlig hemmungslos“

„Mein schlimmstes Problem ist das Bier“, gibt Veronika Wiegele im Aufenthaltsraum von fiftyfifty in Düsseldorf zu. Schon seit 1999 verkauft sie die Straßenzeitung des gemeinnützigen Vereins, arbeitet außerdem als Stadtführerin für fiftyfifty.

Wiegele weiß, wovon sie redet. Vier Jahre lebte sie auf der Straße und in Notunterkünften. Ihre Drogensucht finanzierte sie auch durch Diebstahl. „Ich war völlig hemmungslos und habe mir genommen, was ich wollte - einfach so.“ Im Rausch sei sie ein anderer Mensch gewesen.

+++ Stadt Düsseldorf legt Steine gegen Obdachlose unter Brücke – unglaublich, was dann passiert +++

Irgendwann war es ein Delikt zu viel. 2005 muss sie hinter Gitter. Für zweieinhalb Jahre. Der harte Entzug von Benzodiazepinen (Wirkstoff in Schlaf- und Beruhigungsmittel wie etwa Valium) im Knast verändert schließlich ihr Leben.

Von der Straße in den Knast und zurück

„Ich hatte starke Angstzustände“, sagt die 47-Jährige. Nur eine Sache half ihr: Joggen im Innenhof der JVA. „Wenn ich eine Stunde gelaufen bin, hat es mir wenigstens für drei, vier Stunden die Angst genommen.“

Seitdem rennt sie. Als Ersatzdroge quasi. Nach ihrer Entlassung ging es für Wiegele direkt wieder auf die Straße. Doch dieses Mal unter anderen Umständen. „Ich wollte wissen, wie sich ein Marathon anfühlt.“

+++ Tochter von „Hartz 4“-Empfängerin klagt: „Wir sind doch keine Mini-Arbeitslosen“ +++

2008 lief sie ihre ersten 42,195 Kilometer in Düsseldorf, kam nach fünf Stunden und gut 17 Minuten ins Ziel. Danach trainierte sie weiter, getrieben davon, die vier Stunden zu knacken.

Marathon als Ersatz für den Lebenstraum

2009 fehlten ihr beim Marathon in Duisburg nur etwa neun Minuten. Wer der zierlichen Frau mit den tiefen Augenringen zuhört, bekommt den Eindruck, als hole sie ihren Lebenstraum aus Jugendzeiten nach.

Damals hatte Veronika Wiegele immer die Uhr im Blick, betrieb Leistungsschwimmen. Mit 16 drängte ihre Mutter sie zu einer Ausbildung. Als Sicherheit. Wer kann sich schon mit Schwimmen über Wasser halten?

+++ Alleinerziehende Mutter aus NRW: „Mama, hast du geweint?“ +++

Für den Leistungssport blieb neben der Ausbildung in einer Apotheke dann keine Zeit mehr. Sie bereut es bis heute. Wer weiß, was gewesen wäre, wenn... Aber sie sagt auch: „Vielleicht wäre ich aber auch so abgestürzt.“

Mit fiftyfifty in die eigene Wohnung

Mit dem Alkohol habe sie noch immer zu kämpfen. Doch die harten Drogen habe sie hinter sich gelassen, sei nur noch in einem Ersatzprogramm für ihre Schlafmittelsucht.

Durch das „Housing first“-Projekt von fiftyfifty hat sie vor zwei Jahren eine eigene Wohnung vermittelt bekommen.

---------------------------------

Das ist fiftyfifty

  • Non-Profit-Organisation aus Düsseldorf
  • Bekannt durch gleichnamige Straßenzeitschrift
  • Hilft Obdachlosen mit zahlreichen Projekten (mehr dazu hier >>>)
  • Vermittelt z.b. Wohnraum und bietet Sozialberatungen
  • finanziert durch Spenden

---------------------------------

Seitdem ist Veronika Wiegele weg von der Straße. Außer sie trainiert mal wieder. „Jetzt bin ich meinen elften Marathon gelaufen.“ Das Rennen gegen die Zeit habe sie allerdings aufgegeben.

+++ Frau (53) aus NRW verliert Job bei Zeitarbeitsfirma – dann deckt sie DIESE fiese Masche auf +++

„Hauptsache, ich komme ins Ziel“, denkt die 47-Jährige mittlerweile und gibt sich kämpferisch: „Was auch immer meine Wege kreuzt, ich laufe auch nächstes Jahr meinen zwölften Marathon.“

 
 

EURE FAVORITEN