NRW will Radspur ausradieren

Matthias Korfmannund Katrin Figge

An Rhein und Ruhr.  Seit 2008 gibt es im beschaulichen Soest eine Radspur mitten auf der Fahrbahn. Nicht auf dem Gehweg, und auch nicht am rechten Fahrbahnrand – sondern genau in der Mitte der engen Einbahnstraße. Autos? Kommen nicht vorbei. Genervt ist davon kaum jemand: Die 400-Meter-Strecke ist abschüssig, es gilt Tempo 30. Auch die zweite Radspur, die es seit 2013 gibt, stört Autofahrer kaum. Soest bekam für die ungewöhnliche Erfindung sogar den Deutschen Fahrradpreis.

Jetzt, acht Jahre nach Einführung des Radstreifens, ist das „Soester Modell“ dem NRW-Verkehrsministerium plötzlich ein Dorn im Auge. Die Spur sei rechtswidrig, heißt es, und soll weg.

Offenbar ist das Ministerium der Stadt nur zufällig auf die Schliche gekommen, mutmaßt Stadtsprecherin Judith Keinemann. Kurz zuvor hatte Castrop-Rauxel in Düsseldorf angefragt, ob so ein Radstreifen auch dort möglich sei. Im Zuge dessen fiel dem Ministerium wohl auf: Die Markierung verstößt gegen die Straßenverkehrsordnung – aber nicht, weil sie in der Mitte der Fahrbahn liegt, sondern weil es sie überhaupt gibt. Solche „Schutzstreifen“ sind in Tempo-30-Zonen nämlich nicht erlaubt.

2008 hatte die Stadt Soest nicht lange gefackelt. Eine Anfrage beim Ministerium habe man damals nicht gestellt, so Keinemann. Die Radstraße hat nämlich eine Vorgeschichte: Ein junger Mann hatte nach einem Unfall wochenlang in Koma gelegen. Er war mit seinem Rad dicht an einem geparkten Auto entlanggefahren, als die Fahrerin plötzlich die Tür öffnete.

Das sei nur deshalb passiert, meint der Soester Stadtentwickler Olaf Steinbicker, weil die Straße selbst zu eng sei. Entweder, Radler fahren dicht am Parkstreifen vorbei – oder sie fahren so weit auf der Straße, dass kein Auto überholen kann. Den Mindestabstand (1,50 Meter) kann ein Auto beim Überholen aber in keinem Fall einhalten. Seit der Einführung der Fahrradstreifen hat es hier keine Unfälle mit Radfahrern mehr gegeben.

Dennoch fordert die Bezirksregierung Soest jetzt auf, die Radstreifen auszuradieren. Die Stadt solle zügig ein Datum dafür nennen. Aber Soest übt sich in Ungehorsam. Bürgermeister Eckhard Ruthemeyer (CDU) sieht sich selbst „an der Spitze des Protests“. Ein Stadt-Sprecher beteuert, die Soester Bürger hätten nichts gegen die Radstreifen. „Es gibt nur positive Resonanz.“

Der örtliche Vorstand des Fahrrad-Clubs ADFC wittert politische Hintergedanken: „Das Land will mit dem Verbot verhindern, dass auch andere NRW-Städte solche Spuren einführen“, sagte Klaus Kabst vom ADFC.

Soest ist Vorbild für andere Städte

Mit dem von Soest inspirierten Antrag auf einen Radstreifen in Castrop-Rauxel soll sich im Mai der Verkehrsausschuss der Stadt beschäftigen. Allen Einwänden des Landes zum Trotz. Bad Säckingen in Baden-Württemberg hatte erst im Herbst nach Soester Beispiel einen Radler-Schutzstreifen anbringen lassen. Die Bezirksregierung Freiburg sprach nun ein Verbot aus, der Streifen wird entfernt.

Noch in dieser Woche will das NRW-Verkehrsministerium mit den Soestern verhandeln. Bis dahin möchte die Behörde den Streit nicht kommentieren. Übrigens: Als Soest 2013 wegen der Radspuren den Deutschen Fahrradpreis bekam, saß in der Jury auch ein Vertreter des Verkehrsministeriums.