NRW: Unheimlicher Brauch zum Jahreswechsel – DAS solltest du jetzt auf keinen Fall tun

NRW: Rund um den Jahreswechsel gibt es allerhand Bräuche und Rituale, die schon Jahrhunderte alt sind.
NRW: Rund um den Jahreswechsel gibt es allerhand Bräuche und Rituale, die schon Jahrhunderte alt sind.
Foto: imago images / Einsatz-Report24 / Imagebroker/ Montage: DER WESTEN

„Ach du meine Güte! Was hast du getan?“ rief meine Mutter und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie einmal nach Weihnachten unangekündigt bei mir auf der Matte stand. Ich hatte mich gerade über den Wäschekorb gebückt, um ein Bettlaken auf die Leine zu hängen.

Da war wieder der Unterton, der mir dann doch ein schlechtes Gewissen machte. „Das solltest du nicht tun. Dann passiert im nächsten Jahr ein Unglück“, redete sie mir wieder ein. Halb scherzend, halb ernst gemeint. Einem Jahrhunderte alten Brauchtum zufolge wird angeblich jemand in der Familie sehr krank oder kann sogar sterben, wenn Bettlaken im Zeitraum zwischen den Feiertagen auch in NRW aufgehängt werden.

NRW: Furchteinflößender Brauch zum Jahreswechsel - das solltest du besser lassen

Von Kindesbeinen an wurde bei uns zwischen Weihnachten und Neujahr in NRW nicht gewaschen. Nicht nur keine Bettwäsche, sondern gleich gar nichts. Die Waschmaschine drehte nach dem 23. Dezember bis ins Neue Jahr keine Runden. Da konnte schon mal das ein oder andere Kleidungsstück knapp werden.

Doch woher kommt diese unheimliche Tradition? Selbst meine Oma blies schon ins selbe Horn. So richtige Erklärungen für den Ansatz hatte die ältere Generation nicht. Aber es sei nun ja wohl kein Beinbruch darauf zu verzichten, und dann wurde halt verzichtet.

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Im Ruhrgebiet spricht man Tacheles und redet nicht lange um den heißen Brei herum. DER WESTEN-Redakteurin Julia Scholz beschäftigt sich in der Kolumne „Da sachste, wat Sache ist“ mit aktuellen Themen, die die Menschen im Revier bewegen.

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Auch in meinem Freundeskreis hatten einige davon gehört, beherzigen es allerdings recht wenig. In der Redaktion gab eine Kollegin zu, dass sie noch schnell bis Weihnachten den Wäscheberg waschen müsse: „Da bin ich dann doch abergläubisch“.

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Wir haben bei einer Expertin nachgefragt. Volkskundlerin und Kulturanthropologin Dagmar Hänel erklärt im Gespräch mit DER WESTEN, wie dieser Aberglaube zustande kam. Den sogenannten „Rauhnächten“ kommt seit jeher viel Bedeutung zu, so die Leiterin des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn.

Zwischen dem Ersten Weihnachtstag und dem Tag der Heiligen Drei Könige (6. Januar) liegen jene 12 Nächte, um die sich Sagen und unheimliche Geschichten ranken. Bevor es unsere Zeitrechnung nach dem Gregorianischen Kalender gab, haben sich die Menschen am Mondkalender und den Jahreszeiten orientiert. Und die besagten zwölf Nächte passten nicht mehr in diese Zeitrechnung. In dieser Zeit glaubten viele, das Geisterreich sei offen - die „Wilde Jagd“ verweile im Zeitraum um den Jahreswechsel auf der Erde.

Allerhand Spukgeschichten rund um den Jahreswechsel

So könnten die Seelen, die umherirren, sich die Frauen nachts auf der Straße holen, Unheil bringen oder sich in der Weißen Wäsche verfangen, um diese im nächsten Jahr als Leichentuch wieder mitzubringen. Historisch belegt ist dieser Spuk natürlich keinesfalls, betont die Volkskundlerin. Doch bis ins 20. Jahrhundert hielt sich der Aberglaube hartnäckig.

„Man muss sich das so vorstellen, dass es früher viel dunkler war. Es gab keine Elektrizität und wenn die Menschen in dieser dunklen, eisigen Jahreszeit von der Arbeit auf dem Feld nach Hause gingen, wurden solche unheimlichen Geschichten erzählt“, so Hänel. „Angst reizt die Menschen und die dunkle Jahreszeit hat die Fantasie angeregt.“

Darüber hinaus betont die Expertin aber auch, dass die Menschen zwischen den Jahren zur Ruhe, zur Besinnung kommen sollten. Spinnen, Dreschen, Reparieren - und eben auch das Waschen - sollte in der Frühen Neuzeit ruhen. Mit der Sage, dass „die Frauen geholt werden, wenn sie die Wäsche aufhängen“, konnte diese Tätigkeit unterbunden werden, Normen wurden gefestigt.

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Der Begriff der „Rauchnächte“:

  • Der Ursprung des Begriffes ist in der Wissenschaft nicht eindeutig geklärt
  • Er könnte einerseits vom Althochdeutschen stammen und „pelzig“ oder „haarig“ bedeuten. Die Menschen haben früher noch viele Tierfelle getragen und sich mit Pelzwaren gewärmt
  • Es könnte aber auch mit Weihrauch zusammenhängen. Die Häuser wurden mit dem Räucherwerk gesegnet. Auch übertünchte dieser unliebsame Gerüche und sollte Schutz bieten
  • Die „Rauhnächte“ begannen meist kurz nach der Wintersonnenwende (21. Dezember)
  • Es ist ein Brauch heidnischen Ursprungs, der im Christentum übernommen wurde

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Der Jahreswechsel war eine stille, rituelle Zeit. Man sollte sich anständig benehmen, das Jahr ausklingen lassen. Über Strafen oder sonstige Auswirkungen, wenn sich nicht daran gehalten wurde, sei aber nichts bekannt.

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Auch sind spezielle Jahreswechsel-Bräuche für die Regionen im heutigen Nordrhein-Westfalen nachgewiesen. Im Rheinland, am Niederrhein oder auch in Teilen Westfalens zogen die Menschen beim Jahreswechsel zum „Rummelpottgehen“ aus, wie Händel erklärt. Die Gruppe hatte ein altertümliches Musikinstrument aus einem Tonkrug, auf dem eine dünne Schicht Schweinehaut gespannt war. Damit bat man lautstark um Gaben. Im Anschluss wurden Schnaps, Eier und Speck beim großen Fest zuhause verköstigt.

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Auch im Sauerland gibt es den Brauch, „den Streit des alten Jahres wegzutrinken“, so die Kulturanthropologin aus Bonn. Jeder brachte seine angefangenen Schnäpse mit und an Neujahr wurden sie dann gemeinsam vernichtet. Stell' ich mir mit einem Kater nach der Silvesternacht nur bedingt witzig vor.

Der uns bevorstehende Jahreswechsel wird allerdings ein ganz besonderer in der Coronakrise. So still und leise - ohne Feuerwerk und Partys - kam er sicher noch nie daher. „Doch die Krise kann in dem Sinne vielleicht auch als Chance begriffen werden“, sagt Hänel. Die Menschen können sich darauf besinnen, was wirklich wichtig im Leben ist und dann alle Hoffnung in das Neue Jahr setzen.

Guten Rutsch ins Neue Jahr 2021!

Wir wünschen jedenfalls einen guten Rutsch ins Jahr 2021! Vielleicht auch mit Wachsgießen - wieder ein Aberglaube, dem sich die Menschen hingeben.

Noch mehr historische Bräuche oder regionale Besonderheiten rund um das Weihnachtsfest findest du beim „Landeskundlichen Adventskalender“ des LVR >>>