NRW: Trügerische Ruhe in der Rocker-Szene – deshalb könnte sie schon bald vorbei sein!

NRW: Im Rocker-Milieu herrscht eine trügerische Ruhe im Rocker-Milieu.
NRW: Im Rocker-Milieu herrscht eine trügerische Ruhe im Rocker-Milieu.
Foto: dpa

Es ist grausam, was sich in NRW abgespielt hat: Sie sollen „Reiki“ zu viert aufgelauert haben, als der gerade aus dem Gelsenkirchener Vereinsheim von einem Treffen der Rockergruppe „Freeway Riders“ kam.

Dann stachen die vier Bandidos-Rocker ihr Opfer ab und zogen ihm seine Rocker-Kutte aus. Die ultimative Demütigung in der Rocker-Szene, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Der Vizepräsident des Hattinger-Chapters stirbt noch am Tatort im Oktober 2018. Ein Jahr später stehen vier Männer aus NRW deswegen vor Gericht. Ihnen wird gemeinschaftlicher Totschlag vorgeworfen. Der Prozess läuft, Ausgang ungewiss.

Rocker in NRW: Deshalb herrscht derzeit eine trügerische Ruhe

Seit Jahren kämpfen Freeway Rider's und Bandidos um die Vorherrschaft im Ruhrgebiet. Es ist eine Konfliktlinie der Rocker, die die Ermittler in NRW beschäftigt. Die zweite verläuft im Großraum Köln, wo sich Hells Angels und Bandidos im Januar vergangenen Jahres einen regelrechten Krieg auf offener Straße lieferten. Erst fielen Schüsse in der Kölner Innenstadt, wenige Stunden später gab es Schüsse auf eine Spielhalle. Köln Polizeipräsident Uwe Jacob sprach im Anschluss von Zuständen wie im „Wilden Westen“.

Mitten auf Kölner Straßen werde geschossen, schlug er Alarm! Hintergrund der wilden Schießereien: Da die Hells Angels an Reputation eingebüßt hatten, wollten die Bandidos offenbar in ein Machtvakuum stoßen. „Es ist nur ein glücklicher Zufall, dass bisher noch niemand zu Tode gekommen ist“, meinte der Chefermittler Klaus-Stephan Becker anschließend. Es war die vorerst letzte Eskalation der Gewalt im nordrhein-westfälischen Rocker-Milieu.

LKA-Ermittler: „Keine unnötigen Angriffspunkte liefern“

Aktuell beobachten die Ermittler des Landeskriminalamtes Ruhe unter den Rockern. Es ist eine trügerische Ruhe. „Wir haben eine relative oberflächliche Ruhe. Ich betone 'relativ' und 'oberflächlich'“, sagt der Leitende Direktor des Landeskriminalamt NRW, Thomas Jungbluth, gegenüber DER WESTEN. Denn derzeit ist vor dem Bundesverfassungsgericht eine Klage von drei großen Gruppen, den Bandidos, Gremium MC und den Hells Angels, anhängig.

Hintergrund ist eine Gesetzesänderung im Jahr 2017, die das Tragen von typischen Rocker-Zeichen verboten hat, sobald ein Charter (bei Hells Angels) und Chapter (bei Bandidos und anderen) wegen krimineller Machenschaften verboten ist. Die Rocker klagten, ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts steht noch aus.

„Jedes Verfahren im Rockerbereich ist für ein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht eher kontraproduktiv“, so Jungbluth. „Deshalb glauben wir, dass es derzeit einfach oberflächlich ruhig ist. Die Ruhe führen wir darauf zurück, keine unnötigen Angriffspunkte zu liefern.“

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Die Frage ist: Was passiert, wenn eine Entscheidung gefallen ist? Jungbluth ist überzeugt: „Es wird eine Reaktion geben.“ Sollte das Kuttentrageverbot aus rechtlichen Gründen aufgehoben werden, „dann werden sie mit ihren Kutten stolz durch die Gegend fahren“, glaubt der LKA-Ermittler,

Und falls das Verbot bestehen bleibt? „Dann könnte ich mir vorstellen, dass sie sich etwas anderes einfallen lassen.“ Doch eine solche gerichtliche Entscheidung würde die Rocker ins „Mark treffen“, glaubt Jungbluth. „Jeder weiß, wie wichtig dem Rocker seine Kutte ist. Da hat es schon riesige Schlägereien drum gegeben. Die typischen Insignien sind schon etwas ganz Wichtiges und Wertvolles. Wenn sie das nicht mehr zeigen können, dann können sie sich auch nicht mehr so in der Öffentlichkeit inszenieren, wie sie das in der Vergangenheit tun konnten.“

Knapp 10.000 Rocker deutschlandweit

Während die Kutte nach wie vor heilig ist, ist das Motorrad längst nicht mehr Pflichtausstattung bei allen Rockergruppierungen. Bei rockerähnlichen Gruppierungen wie „United Tribuns“ oder „Osmanen Germania BC“ spielt das Bike nur noch eine untergeordnete Rolle.

Deutschlandweit geht das Bundeskriminalamt von rund 700 Chaptern und Chartern mit circa 10.000 Rockern aus. Wie viele rockerähnlichen Gruppen noch hinzukommen, können die Ermittler schwer einschätzen. Es herrscht eine eine „hohe personelle Fluktuaktion“, viele Zusammenschlüsse haben nur eine kurze Haltwertszeit. Alle gemeinsam haben sie: Sie mischen bei Drogen und Prostitution mit, schrecken nicht vor Gewalt zurück.

In NRW geht das LKA von mehr als 2000 Mitgliedern in Outlaw-Motorcycle-Gangs aus. Die Größten sind die Bandidos mit circa 800 Mitgliedern in Chaptern. Die Freeway Rider's haben 400 Mitglieder in 30 Chaptern, Gremium MC kommt auf 350 Mitglieder in acht Chaptern. Die Hells Angels sind in NRW in 19 Charter und etwa 300 Mitglieder organisiert.

Auseinandersetzung zwischen Rockern und Clans

Auch zwischen Rockern und Clans herrschen vereinzelt Schnittmengen. Beim mittlerweile verbotenen Hells-Angels-Charter „MC Concrete City“ aus Mettmann sollen Mitglieder libanesischer Großfamilien Mitglieder sein.

In Dortmund dagegen sind ein Angehöriger der Bandidos und des Miri-Clans aneinandergeraten. Hintergrund soll wohl ein Streit vor einer Disko gewesen sein. Es folgte eine Messerstecherei, bei dem ein Clan-Mitglied schwerverletzt wurde. Im vergangenen Sommer wurde dem inzwischen verurteilten Bandido ins Bein geschossen. Der Schütze ist nach wie vor auf der Flucht. Es ist eine neue Front, die die Ermittler in NRW beschäftigt.

Am Mittwoch vollstreckte die Polizei Köln gegen drei Beschuldigte Durchsuchungsbeschlüsse. Einer von ihnen, ein 32-Jähriger, ist ein hochrangiger Angehörigen der Rocker-Szene, der derzeit in Haft sitzt. Das berichtet der „Express“.

 
 

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