NRW: Pizzeria mit Hakenkreuzen beschmiert und verwüstet – doch ausgerechnet SIE stecken dahinter!

NRW: Die 'Ndrangheta machte wohl auch mit Versicherungsbetrug ihr Geld.
NRW: Die 'Ndrangheta machte wohl auch mit Versicherungsbetrug ihr Geld.
Foto: privat/Imago images; Montage: DER WESTEN

„Raus hier“, stand in großen Lettern an der Wand.

Auf der Edelstahlplatte in der Küche prangte ein spiegelverkehrtes Hakenkreuz-Symbol. Die Küche der Pizzeria in Brüggen (NRW) stand unter Wasser. Sitzpolster waren aufgeschlitzt, Schranktüren rausgerissen.

Die Paten von Rhein und Ruhr: die Mafia in NRW - die Tricks und Traditionen der 'Ndrangheta
Die Paten von Rhein und Ruhr: die Mafia in NRW - die Tricks und Traditionen der 'Ndrangheta

NRW: Pizzeria mit Hakenkreuzen beschmiert und verwüstet – dahinter steckt wohl ein Betrug

Alles deutete auf einen fiesen rechtsextremen Angriff auf das Lokal am Niederrhein (NRW) hin. Der Staatsschutz übernahm die Ermittlungen. Geschäftsführer Maurizio R. posierte in der „Rheinischen Post“ für ein Foto vor den Zerstörungen. Er sagte: „Die wussten genau, was sie taten.“

Stimmt. Denn so viel Pech wie Maurizio R. kann man schlicht gar nicht haben. Schon im Vorjahr hatten Einbrecher seine Lokalität heimgesucht, auch am Vortag des letzten Einbruchs versuchten sie vergeblich reinzukommen.

Profi-Einbrecher aus Italien eingeflogen

Inzwischen sind die Ermittler überzeugt: Dahinter steckt ein Versicherungsbetrug der 'Ndrangheta. Der scheinbar ahnungslose Gastwirt war mutmaßlich nur ein Strohmann der Mafia. Seine Hintermänner hatten Kriminelle für ein paar Tausend Euro engagiert, um das Lokal ordentlich auseinanderzunehmen.

Doch ihr erster Versuch scheiterte kläglich, mit etwas Fleisch und Parmesan zogen sie wieder ab. Erst im zweiten Anlauf zerlegten die Einbrecher den Laden. Wenn auch nicht zur vollen Zufriedenheit der Auftraggeber. Die Versicherung zahlte trotzdem. 80.000 Euro. In einem ähnlichen Fall hatten Mafiosi zu diesem Zweck sogar Profis aus Rom einfliegen lassen.

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Die Mafia operiert auch in NRW. Das ist spätestens seit den Duisburger Mafia-Morden 2007 jedem klar. Im Herbst startet in Düsseldorf eine der größten Mafia-Prozesse Deutschlands. Mitglieder der 'Ndrangheta sind wegen Kokainhandel im großen Stil angeklagt. Wie operiert die Mafia in NRW? Mit wem macht sie ihre Geschäfte? Und welche Rolle spielen Pizzerien und Eisdielen? In unserer Serie „Die Paten von Rhein und Ruhr - Die Mafia in NRW“ ist DER WESTEN-Reporter Marcel Storch auf Spurensuche gegangen.

Teil 1: Echter Mafia-Krimi mitten in NRW: Undercover-Ermittler auf den Spuren der ´Ndrangheta – plötzlich bekommt er ein heikles Angebot

Teil 2: Whatsapp der Gangster: Mit diesem Messenger kommunizieren Drogenbanden und die Mafia

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Die Hintermänner dieses Versicherungsbetrugs müssen sich ab dem 12. Oktober vor dem Landgericht Duisburg verantworten. 14 mutmaßlichen 'Ndrangheta-Mitgliedern und Helfern wird dann der Prozess gemacht. In den 649 Seiten der Anklage spielt der Betrug nur eine Rolle. Kokainhandel im großen Stil die weitaus größere.

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2014 waren niederländischen Finanzermittlern verdächtige Restaurant-Eröffnungen in Grenznähe zu Deutschland durch Männer aus Kalabrien aufgefallen. Es war der Start der Ermittlungen, die von einem „Joint Venture“ aus deutschen, niederländischen und italienischen Behörden durchgeführt wurden. Im Dezember 2018 führte sie in der Operation Pollino zu knapp 90 Festnahmen in Europa und Südamerika. Es war der größte Schlag gegen die 'Ndrangheta in Europa.

Gigantische Gewinnmargen im Kokainhandel

Die Ermittlungen zeigen, wie die mächtigste Mafia-Organisation der Welt sich ein weitverzweigtes System aufbaute, um Kokain aus Südamerika nach Europa zu bringen.

2015 packte ein italienischer Kronzeuge aus und arbeitete mit den deutschen Ermittlungsbehörden zusammen. Er dachte, er werde umgebracht und wechselte ins Zeugenschutzprogramm. Erst als ein Mann mit einer Flinte vor ihrem Haus auftauchte, entschied sich auch sein Vater dazu.

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Auch dank der Informationen des Kronzeugen wissen die Ermittler inzwischen von den gigantischen Gewinnspannen der Kokaindeals.

Verließ das Kilo Kokain für 3.000 bis 5.000 Euro Kolumbien, war es in den Niederlanden schon 25.000 bis 30.000 Euro wert, in Italien wurden sogar 40.000 bis 45.000 Euro pro Kilo fällig. Wurde das Kokain nach England geschifft, sollen Summen von 75.000 bis 80.000 Euro für ein Kilo aufgerufen worden sein.

Audi und Philipp Plein als Codewörter

Dazu bedurfte es eines ausgeklügeltes Systems aus Scheinfirmen, Bestechung und Kurieren.

War eine große Menge Kokain in Sicht, glühten in der 'Ndrangheta-Hochburg San Luca, einem kleinen Bergdorf in Kalabrien, die Drähte. Denn wie in der freien Wirtschaft gilt auch beim Kokain-Handel: Je mehr man investiert, desto mehr Mengenrabatt gibt es.

Deshalb wurde in Krypto-Chats unter den mächtigen Bossen der 'Ndrangheta herumgefragt, wer investieren wolle. Besonders gefragt: Audi oder Philipp Plein - der Autohersteller und das Luxus-Modelabel dienten als Codewörter für einen besonders hohen Reinhaltsgrad der Drogen.

39 Mafia-Familien ziehen aus Kalabrien die Strippen

Genau 39 Mafia-Familien soll es in San Luca, dem „Mutterhaus“ der 'Ndrangheta, geben. Sie sind größtenteils miteinander verwandt oder verschwägert.

In Südamerika, von wo die Mafia-Clans ihre Drogen bezogen, arbeiteten Ressidenten und Einheimische für die 'Ndrangheta, pflegten den Kontakt zu den Kartellen, stimmten mithilfe von „Brokern“ die Preise ab.

Tarnung zwischen Reis, Bananen und Holz

„Laut Staatsanwaltschaft erfolgte der Kokainhandel stets nach dem selben Muster. Die Drogen seien aus Südamerika nach Europa importiert und anschließend in verschiedene Länder vertrieben worden“, erklärt Sarah Bader, Sprecherin des Landgericht Duisburg.

„Zur Tarnung des Kokainhandels sollen eigens Unternehmen gegründet worden sein, die zum Beispiel Reis oder Holz bestellten, um die legale Ware gemeinsam mit dem Kokain zu transportieren.“

2015 gründete die von Ermittlern „Mafia & Co KG“ genannte Gruppierung über einen Strohmann die Düsseldorfer Firma Rigano Im- & Export. Neben dem Hauptangeklagten soll auch der Kronzeuge der Ermittlungen an der Firmengründung beteiligt gewesen sein.

Ermittler waren der Tarnfirma durch eine Sicherstellung von 82 Kilogramm Kokain durch den niederländischen Zoll im Dezember 2015 in einem Container in Rotterdam auf die Schliche gekommen. Der Stoff mit einem geschätzten Marktwert von 2,5 Millionen Euro war nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft an die Scheinfirma adressiert.

Wie in diesem Fall kamen die Drogen meist über den Seeweg aus Brasilien, Surinam oder Panama in die großen Häfen in den Niederlanden und Belgien.

Dazu mussten das Hafensicherheitspersonal oder Logistiker eingespannt werden. Denn kam ein Schiff an, galt es vorzusorgen, dass die Container mit den Drogen ohne Kontrolle passieren konnten. Mal bekam ein korrupter Zöllner eine neue Rolex, mal fingen „Logistiker“ die Ware vor einer Kontrolle ab und machten den Container mit einer zweiten Plombe wieder dicht.

Nicht immer klappte das: 2015 fingen Ermittler in Rotterdam 95 Kilo Kokain ab. 2018 fielen ihnen 3,5 Tonnen Kokain in die Hände. Versteckt in Holzlatten.

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Blutiger Kampf um die Häfen

Die 'Ndrangheta, das machten die Ermittlungen deutlich, geht dabei „Joint Ventures“ mit anderen kriminellen Gruppen ein. Zum Beispiel Albanern und Marokkanern, die in den Niederlanden und Belgien die Häfen kontrollieren.

Denn der Kampf um die Macht in Seehäfen wird mitunter blutig geführt. Bilder von Folterkammern in einem Hafencontainer in den Niederlanden machten diesen Sommer die Runde. Das war dem Kronzeuge, der bis zu seinem Seitenwechsel als einer der führenden Köpfe im Rauschgiftgeschäft der 'Ndrangehta fungierte, wohl doch zu heikel. Lieber eine geringere Marge, dafür weniger Risiko, lautete daher sein Credo. Knapp ein Drittel der Drogen blieben so in der Hand der kriminellen Hafenlogistiker.

Ermittler fangen Lieferungen über die Alpen ab

Gezahlt wurde übrigens meist mit einer Art „Hawala-Banking“, wie sie auch im arabischen Raum verbreitet ist.

Einmal in Europa wurde die heiße Ware nach Erkenntnissen der Ermittler oft in Restaurants und Eisdielen in NRW zwischengelagert, bevor Kuriere sie in speziell präparierten Autos über die Alpen brachten. 2.000 bis 5.000 Euro kassierten die dafür. Oder aber saftige Haftstrafen. Von März bis Juni 2017 fingen die Ermittler 33 Kilo Kokain in den Alpen ab, nahmen drei Kuriere fest. Die Ermittler hatten vorher mithilfe von Wanzen und Telefonüberwachung die entscheidenden Hinweise bekommen.

Operation Polino

Erschwerten die Ermittlungsbehörden die Kokain-Geschäfte, wich man gerne auf den altbekannten Versicherungsbetrug aus.

Auch in Wesseling musste eine Pizzeria dran glauben. Das Restaurant „Il Petirosso“ wurde komplett zerlegt. Die Versicherung zahlte mehr als 100.000 Euro. Wie in Brüggen führte auch hier die Spur zu einem der Hauptangeklagten des 'Ndrangheta-Prozesses.