Hagen

NRW: Prozess-Auftakt nach Rocker-Krieg – schwere Vorwürfe gegen „Bandidos“-Gründer

NRW: Am Donnerstag begann in Hagen der Prozessauftakt gegen mehrere „Bandidos“-Mitglieder.
NRW: Am Donnerstag begann in Hagen der Prozessauftakt gegen mehrere „Bandidos“-Mitglieder.
Foto: Aaron Tanzmann

Hagen. Das Sicherheitsaufgebot am Donnerstagmittag am Landgericht Hagen (NRW) ist groß. Bereits mehr als 30 Minuten vor Beginn der Verhandlung positionieren sich mehrere Polizisten vor Saal 201.

Der Grund ist der Auftakt eines „Rocker-Prozesses“. Fünf Mitglieder des „Bandidos MC“ - darunter die Gründer der „Bandidos“ Deutschland - müssen sich vor dem Landgericht Hagen (NRW) unter anderem wegen versuchten Mordes, illegalen Waffenhandels oder auch wegen der Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung verantworten.

NRW: Fünf „Bandidos“ vor dem Landgericht Hagen

Die fünf Angeklagten Leslav Thadeus H. (58), Peter M. (56), Björn B. (51), Selahattin E. (38) und Felat G. (23) stammen aus Hagen, Dortmund, Herne und Schermbeck. H., E. und G. befinden sich zurzeit in verschiedenen JVAs in Untersuchungshaft.

Der mehrseitige Anklageschrift führt zurück bis ins Frühjahr 2018. Damals sollen H., M., B. und E. beschlossen haben, ihren Herrschaftsanspruch in westdeutschen „Bandidos“-Territorien, allen voran Hagen und Köln, gewaltsam durchzusetzen. Leslav Thadeus H. soll damals in der Rolle des „National Vice-Presidente“ der „Federation West Central“ agiert haben, des größten „Bandidos“-Regionalverbandes in Europa.

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Anschließend soll Selahattin E. im September 2018 eine Bestellung von 50 Walther-P22-Pistolen in Auftrag gegeben haben, die an die einzelnen Regional-Gruppen („Chapter“) verteilt werden sollten.

Anklageschrift spricht von zwei brutalen Racheaktionen

Am 24. November 2018 eskalierte die Lage. Gegen 1.24 Uhr wurden Schüsse auf das Kölner Cafe „Türkisch Delux“ abgefeuert, in dem sich einige „Bandidos“ aufgehalten haben sollen. Die Rocker-Kollegen haben schnell einen Sündenbock gefunden: „Hells Angels“-Mitglied Ersin I., der nun für seine Tat büßen soll.

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Deshalb sollen zwei gesondert verfolgte Verdächtige am 8. Dezember auf der B55a in Köln mehrfach auf das Auto von Ersin I. geschossen haben. Dieser befand sich jedoch nicht im Wagen. Einer der Insassen wurde im Kugelhagel lebensgefährlich verletzt. Den Auftrag für das Attentat soll der Angeklagte Selahattin E. gegeben haben.

Nur wenige Wochen später folgte die nächste mutmaßliche Vergeltungsaktion. Nach einer Schießerei zwischen dem Kölner „Bandidos“-Präsidenten und dem „Hells Angels“–Mitglied Orhan A. am 4. Januar 2019 soll E. erneut einen Gegenschlag angeordnet haben. Der Angeklagte Felat G. soll mit einer weiteren Person 14 Schüsse in Kopf- und Hüfthöhe auf die Eingangstür des Kölner Lokals „Joker's“ abgefeuert haben. Dessen Inhaber: Der Vater von Orhan A.. Glücklicherweise wurde bei dem Angriff niemand verletzt.

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Am 16. November soll Felat G. für den Angriff auf das „Jokers“ das Patch „Except No Mercy“ verliehen worden sein, wodurch er zum vollwertigen „Bandidos“-Mitglied aufstieg. Auch der Angeklagte Björn B. soll einem Mitglied dieses Patch für die Schussabgabe auf ein Mitglied der „Freeway Riders“ verliehen haben.

Verteidiger kritisieren schwache Beweislage

Trotz der filmreifen Anklageschrift bleibt der erste Verhandlungstag unter dem Vorsitz von Richter Bernhard Kuchler erstaunlich ruhig. Keiner der Angeklagten will sich zur irgendeinem Thema äußern, Zeugenaussagen sind keine geplant. Doch als Rechtsanwalt Lars Brögeler das Wort egreift, wird es noch einmal kurz hitzig im Saal.

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Das ist der Bandidos MC:

  • Der Bandidos Motorcycle Club (BMC) ist ein Motorrad- und Rockerclub mit einer weltweiten Mitgliedschaft.
  • Der Club wurde im März 1966 in Houston (Texas) gegründet.
  • Nach den Hells Angels ist er der zweitgrößte Motorradclub der Welt.
  • Schätzungen gehen von rund 5.000 Mitgliedern mit 210 Ortsgruppen in 22 Ländern aus
  • Mit diesen gibt es häufig Aseinandersetzungen. Man spricht auch von einem Rockerkrieg.
  • Wegen nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur organisierten Kriminalität wird der Bandidos MC in den Verfassungsschutzberichten derjenigen Bundesländer aufgeführt, in denen die Verfassungsschutzbehörde die organisierte Kriminalität beobachtet.

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Denn der Verteidiger schießt scharf gegen die Staatsanwaltschaft, wirft ihr „erhebliche Schwachstellen in der Beweisführung“ vor. Viele der Anklagepunkte würden auf unbewiesenen Indizien beruhen, entlastende Hinweise dagegen seien ignoriert worden. Die vorgeworfenen Taten seien keinesfalls aus einem territorialen Herrschaftsanspruch heraus entstanden, sondern jeweils aus einzelnen, ganz persönlichen Konflikten der Beteiligten heraus. Die Angeklagten, die größtenteils zur Führungseben der „Bandidos“ gehören sollen, hätten diese nicht angeordnet.

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Dass die Staatsanwälte sogar Details aus dem gemeinsamen Rocker-Roman „Ziemlich böse Freunde“ der Angeklagten H. und B. als Beweise nutzt, kann Brögeler nicht fassen. Das Buch sei überspitzt und dramatisiert, um die Verkaufszahlen zu steigern, und spiegele nicht die ermittlungstechnische Realität wider.

Verfahren könnte bis Ostern 2021 andauern

Für das Verfahren sind satte 36 Verhandlungstermine angesetzt. Bis Ostern 2021 soll ein Urteil gefällt worden sein. Für versuchten Mord als schwerstes angeklagtes Delikt sieht das Gesetz im Regelfall eine Freiheitsstrafe von drei Jahren bis zu 15 Jahren vor. (at)

 
 

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