NRW: Konflikt zwischen Türkei und Kurden spitzt sich zu – „Situation ist brandgefährlich“

In Herne entlud sich der Konflikt zwischen Türken und Kurden am Montag.
In Herne entlud sich der Konflikt zwischen Türken und Kurden am Montag.
Foto: dpa

„Die Situation ist aktuell brandgefährlich!“

Das sagt Politikwissenschaftler und Türkei-Experte Burak Copur im Gespräch mit DER WESTEN. „Wir sitzen hier in Deutschland auf einem Pulverfass“, hatte er schon am Sonntag gewarnt. Nur einen Tag später eskalierte in Herne (NRW) die Situation zwischen Kurden und Türken.

Konflikt zwischen Türken und Kurden: So heikel ist die Lage in NRW

Der Konflikt in Nordsyrien ist längst nach Deutschland geschwappt. In Berlin brannte ein türkisches Botschaftsauto, auch in Stuttgart kam es zu Auseinandersetzungen. Und ein Ende ist nicht in Sicht: „Je länger der Krieg dauert und je schlimmer die Kriegsbilder werden, desto stärker spitzt sich die Situation zu“, schätzt Copur.

Mehr als eine Millionen Kurdischstämmige leben in Deutschland, viele in NRW. Die meisten von ihnen sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Sie lebten bislang mit den 2,5 Millionen Türken weitgehend friedlich in Deutschland.

Spätestens seit der Militäroffensive auf Afrin im Januar 2018 hat sich die Lage jedoch zugespitzt.

„Das Verhältnis zwischen Deutsch-Türken und Deutsch-Kurden ist durch vergangene Militär-Interventionen der Türkei schon länger stark belastet. Der völkerrechtliche Angriff der Türkei auf Nordsyrien hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Stündlich laufen neue schreckliche Kriegsbilder in Deutschland ein. Die Deutsch-Türken sind durch Erdogans Propaganda aufgestachelt“, so Copur.

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Das zeigt sich auch in den sozialen Netzwerken. In der Clan-Szene findet Erdogans Angriff weitgehend Zustimmung. Der kurdischen Rapper Kurdo setzt sich dagegen deutlich für ein Ende des Krieges ein: „Solche Sachen gehen nicht. Ich kann nicht mehr weggucken“, so der Rapper auf Instagram.

Ging Wolfsgruß voraus?

Am Montagabend schwappte der Konflikt in Herne dann auf die Straße. Vorausgegangen seien Provokationen von Türken, eine Flasche flog, bei einer „Provokation durch Handzeichen“ soll es sich nach DER WESTEN-Informationen womöglich um den Gruß der Grauen Wölfe gehandelt haben. Daraufhin stürmten junge Kurden ein türkisches Café und einen Kiosk.

Das schwer getroffene Café „Bizim Konak“ („Unsere Hütte“) blieb am Dienstag geschlossen. Die Spuren der Randale - zwei eingeschlagene Scheiben, zerfetzte Rollladen - sind deutlich sichtbar. Der Bruder des Eigentümers zeigte sich entsetzt. „Das ist schlimm, so was ist doch nicht normal. Wir sind sehr wütend“, sagt Kazim Sevim der Deutschen Presse-Agentur.

„Es waren etwa zehn Gäste da gestern Abend. Alle hatten natürlich Angst. Die Bedienung hat sehr gut reagiert.“ Man habe schnell alles dicht gemacht und die Rollladen runtergelassen. Laut Polizei waren mehrere Personen ins Café gestürmt, zerstörten Mobiliar. Insgesamt fünf Personen seien laut Polizei in Herne am Montag verletzt worden. >>> hier alle Infos

Innenministerium rechnet mit weiteren Demos

Die NRW-Polizei rechnet weiteren zahlreichen, möglicherweise auch spontanen oder unangemeldeten, Versammlungen im Kontext der türkischen Militäroffensive aus. „Analog zu den Ereignissen aus 2018 können mögliche Straftaten zum Nachteil von türkischen Kulturvereinen und Einrichtungen nicht ausgeschlossen werden“, so eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums auf DER WESTEN-Anfrage. „Der polizeiliche Staatsschutz und der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz führen daher verstärkte Aufklärungsmaßnahmen durch.“

Das Innenministerium hat nach Bekanntwerden einer bevorstehenden türkischen Militäroffensive in Nordsyrien die Kreispolizeibehörden in einem Erlass sensibilisiert. Die Lage werde durch die Polizei fortlaufend beurteilt.

„Sicherheitsbehörden in Alarmbereitschaft“

In Herne war die Polizei offenbar von der Intensität der Auseinandersetzungen überrascht worden. Das dürfte in Zukunft nicht mehr vorkommen. „Ich denke, die Sicherheitsbehörden sind in Alarmbereitschaft. Jede Demo wird gut bewacht und beschützt werden. Denn weitere Konflikte sind nicht auszuschließen. Auch türkische Institutionen müssen stärker bewacht werden“, so Türkei-Experte Burak Copur. (ms)

 
 

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