Düsseldorf

Islamismus: Warum salafistische Frauen den Behörden Sorgen bereiten

Foto: dpa

Düsseldorf. Wenn alles falsch läuft, könnten sie in Zukunft eine Gefahr darstellen: Hunderte Kinder leben in Deutschland laut Verfassungsschutz in islamistischen Familien.

Von ihnen gehe „ein nicht unerhebliches Gefährdungspotenzial“ aus, hieß es zuletzt vonseiten der Behörde. Gemeint sind vor allem Kinder, die selbst in Kriegsgebieten waren oder aus sogenannten Rückkehrer-Familien stammen. Aber auch von Kindern aus salafistischen Familien, die nicht als Rückkehrer gelten, gehe eine Gefahr aus.

Islamismus-Gefahr: NRW-Regierung will Kinder unter 14 Jahren beobachten lassen

In NRW ist die Sorge inzwischen so groß, dass die Regierung erwägt, auch Kinder unter 14 Jahren durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen. „Die Jungen und Mädchen, die aus den Kriegsgebieten zurückkehren, haben oft Gewalt und Not erlebt, sind traumatisiert und im schlimmsten Fall auch radikalisiert“, so NRW-Innenminister Herbert Reul gegenüber DER WESTEN.

„Wir müssen leider davon ausgehen, dass sie ein anderes Verhältnis zur Gewalt haben und die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, geringer ist.“ Die Behörden bräuchten daher Instrumente, um auch traumatisierte und gewaltbereite Rückkehrer unter 14 Jahren in den Blick nehmen zu können, so Reul weiter.

Frauen in radikalisierten Familien bereiten den Behörden Sorge

Vor allem auch die Frauen in radikalisierten Familien bereiten den Behörden in dem Zusammenhang Sorge.

„Die Familiengründung und die Erziehung der Kinder nach der salafistischen Ideologie sind vor allem unter den Frauen in der salafistischen Szene ein erklärtes Ziel“, heißt es aus dem Ministerium. Es sei davon auszugehen, dass in Familien mit islamistisch-salafistischen Strukturen die extremistische Ideologie bereits im frühen Kindesalter immer stärker weitergegeben wird.

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„Zudem haben der repressive Druck und mehrere Vereinsverbote zu einer Verunsicherung der extremistischen salafistischen Szene geführt, die derzeit mit einem Rückzug in Kleingruppen und geschlossene Räume einer Familie einhergeht“, heißt es weiter.

Erkenntnisse zu 45 bis 50 Frauen in salafistischer Szene

„Den Sicherheitsbehörden liegen Erkenntnisse zu 45 bis 50 Frauen in der salafistischen Szene vor, die überwiegend in Familienstrukturen leben und Netzwerke auf- und ausbauen. Diese Frauen übernehmen immer stärker die Rolle von Ideologieproduzentinnen“, so eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums gegenüber DER WESTEN.

Dass es womöglich noch mehr Frauen gibt, die ähnliche Funktionen in extremistischen Familienstrukturen erfüllten, sei sicher nicht auszuschließen.

Salafismus: Prävention ist der Schlüssel

Kritik am Plan, Kinder unter 14 Jahren vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen, gibt es vonseiten der Grünen. „Aus unserer Sicht ist das nicht der richtige Ansatz“, so Grünen-Landtagsabgeordnete Josefine Paul.

„Wir müssen die Strukturen der Jugendhilfe unterstützen, damit sie adäquate Angebote, Unterstützung und Hilfe in solchen Fällen leisten können. Anstatt über die Beobachtung von Kindern durch den Verfassungsschutz zu diskutieren, sollten wir ernsthaft darüber sprechen, wo die Strukturen der Jugendhilfe verbessert werden müssen, um hier nachhaltig ansetzen zu können.“

Auch das Innenministerium sagt: Neben der Beobachtung durch Sicherheitsbehörden sei vor allem Prävention der Schlüssel, um der Gefahr adäquat zu begegnen. Besonders wichtig sei die Sensibilisierung des sozialen Umfelds von Kindern und Jugendlichen. So könnten mögliche Auffälligkeiten schnell erkannt und Maßnahmen ergriffen werden.

Zum Präventionsprogramm gehöre zum Beispiel das Projekt „Wegweiser - Gemeinsam gegen gewaltbereiten Salafismus“. Seitdem das Projekt im März 2014 gestartet ist, habe es rund 16.000 Kontakte gegeben, bei denen es um präventive Gespräche in Schulen und Jugendeinrichtungen ging.

730 Beratungen von gefährdeten Jugendlichen

Bislang habe es 730 intensive Beratungen gegeben, die darauf abzielten, Radikalisierung von Jugendlichen zu verhindern.

„Im Falle stark radikalisierter Familien mit Kindern kann das Aussteigerprogramm Islamismus der nordrhein-westfälischen Landesregierung Familien helfen, sich von extremistischer Ideologie und Szene zu distanzieren und wieder in die Gesellschaft zu integrieren“, so die Ministeriumssprecherin.

Dafür bedürfe es jedoch einer Distanzierung von der Ideologie bei den Elternteilen. Dann könne eine mitunter mehrjährige Begleitung durch das Aussteigerprogramm erfolgen.

 
 

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