NRW: Plötzlich konnten die Ermittler keinem mehr trauen – infiltrierte die Mafia sogar die Polizei?

Die Paten von Rhein und Ruhr: Die Mafia in NRW - die Helfer der Ndrangheta

Die Paten von Rhein und Ruhr: Die Mafia in NRW - die Helfer der Ndrangheta

Die Ndrangheta operierte in NRW mit mutmaßlichen Helfern. Die Ermittler hatten letztlich sogar einen heiklen Verdacht. Wurde sogar die Polizei infiltriert?

Beschreibung anzeigen

Plötzlich konnten die Ermittler keinem mehr trauen. Die lokalen Polizeibehörden in NRW wurden bei der „Operation Pollino“ im Dezember 2018 weitgehend außen vorgelassen. Die Sorge der Ermittler des Bundeskriminalamtes und der Staatsanwaltschaft Duisburg: die mächtigste Mafia-Organisation 'Ndrangheta könnte den Polizei- und Behördenapparat infiltriert haben.

NRW: Ermittler fürchteten Infiltration durch die Mafia

Der heikle Verdacht hatte sich aus abgehörten Telefonaten von 'Ndrangheta-Mitgliedern und Helfern ergeben. Doch inzwischen haben die Ermittler ein klareres Bild. Die Sorge einer Infiltration hat sich nicht bestätigt. Vielmehr ging es um Freundschaftsdienste, Familienangelegenheiten und Liebesbeziehungen. „Wir haben keine Anhaltspunkte für Gegenleistungen“, sagte Pressesprecherin Marie-Theres Fahlbusch von der Staatsanwaltschaft Duisburg (NRW).

Gegen zwei Polizisten aus dem Rheinland, eine Regierungsbeschäftigte der Polizei, eine Mitarbeiterin der Stadt Wesseling und eine ehemalige Mitarbeiterin der Stadt Duisburg wird noch ermittelt. Der Vorwurf: Verrat von Dienstgeheimnissen.

In einem Fall soll eine Mitarbeiterin der Bundesagentur für Arbeit sensible Daten an einen flüchtigen Drogenkurier aus Italien gegeben haben. Motiv: Liebe. Der Mann soll mit sieben Kilo Kokain auf dem Weg über die Alpen in Italien erwischt worden sein, anschließend aus dem Hausarrest nach Deutschland geflohen sein und hier die Mitarbeiterin kennengelernt haben.

----------------------------

Die Mafia operiert auch in NRW. Das ist spätestens seit den Duisburger Mafia-Morden 2007 jedem klar. Im Herbst startet in Düsseldorf eine der größten Mafia-Prozesse Deutschlands. Mitglieder der 'Ndrangheta sind wegen Kokainhandel im großen Stil angeklagt. Wie operiert die Mafia in NRW? Mit wem macht sie ihre Geschäfte? Und welche Rolle spielen Pizzerien und Eisdielen? In unserer Serie „Die Paten von Rhein und Ruhr - Die Mafia in NRW“ ist DER WESTEN-Reporter Marcel Storch auf Spurensuche gegangen.

Teil 1: Echter Mafia-Krimi mitten in NRW: Undercover-Ermittler auf den Spuren der ´Ndrangheta – plötzlich bekommt er ein heikles Angebot

Teil 2: Whatsapp der Gangster: Mit diesem Messenger kommunizieren Drogenbanden und die Mafia

Teil 3: NRW: Pizzeria mit Hakenkreuzen beschmiert und verwüstet – doch ausgerechnet SIE stecken dahinter!

----------------------------

„Aber schick nicht die Hells Angels“

Ein zweiter Fall: ein mutmaßlicher 'Ndrangheta-Helfer aus dem Rhein-Erft-Kreis soll eine Geliebte gehabt haben, deren Mutter bei der Polizei arbeitete. Sie war offenbar gegen die Beziehung und als sie erfuhr, dass der Lover ihrer Tochter in kriminelle Geschäfte involviert sein könnte, soll sie im Glauben die Beziehung sei beendet, ihrer Tochter davon berichtet haben. So soll der mutmaßliche 'Ndrangheta-Helfer Wind von den Ermittlungen gegen ihn bekommen haben.

Auch in einem anderen Fall spielte jener Tankstellenbetreiber eine Rolle. Er zeigte immer wieder Tankbetrug an, ohne Erfolg. Also beschloss er die Sache selbst in die Hand zu nehmen und rief eine ihm bekannte Politesse an. Die rückte offenbar die Halterdaten des Tankbetrügers raus. „Aber schick nicht die Hells Angels“, soll sie ihn noch gebeten haben.

Operation Polino

Nicht weit hergeholt: Denn der türkische Geschäftsmann soll Kontakte in die Kölner Unterwelt gehabt haben. Ein Bekannter arbeitete in einer Steuerberatungskanzlei, in dem Hells Angels und Bandidos-Köpfe ein und ausgingen. Bei einem zufälligen Aufeinandertreffen zweier verfeindeten Größen der beiden Rocker-Vereinigungen kam es in diesem Jahr vor der Kanzlei zu einer Schießerei auf offener Straße.

+++ Rocker-Krieg in Köln eskaliert – Polizei schlägt Alarm: „Hier wird wie im Wilden Westen rumgeballert“ +++

Die beiden türkischen Geschäftsmänner sollen mit einem weiteren Mann die 'Ndrangheta unterstützt haben und selbst im Drogenhandel tätig gewesen sein. Kein Einzelfall, wie der Leitende Kriminaldirektor Thomas Jungbluth vom Landeskriminalamt NRW erklärt: „Der Grundgedanke der Kooperation wird vor allem bei der italienischen Mafia gerne genutzt. Es geht darum Geld zu machen, um Gewinne, um Profit um jeden Preis. Heiligt der Zweck die Mittel, dann tut man sich zusammen mit anderen. Es kommt generell vor, dass OK-Gruppen auch mit Personen aus anderen Ethnien zusammenarbeiten.“

Türkische Geschäftsmänner hoffen auf Super-Zinsen

Die Gruppe der türkischen Geschäftsleute kam 2015 mit den 'Ndrangheta-Mitgliedern aus Wesseling in Kontakt. Auf der Suche nach Kurier-Fahrzeugen war ein Kopf der 'Ndrangheta bei dem Betreiber einer Tankstelle mit Kfz-Handel gelandet.

+++ Clans, Mafia und Betrüger in NRW: So machen Kriminelle in der Corona-Krise ihre Geschäfte – Polizei sieht alarmierende Tendenz +++

Zunächst sollen die türkischen Geschäftsmänner laut Anklage Kurier-Fahrzeuge verliehen haben, mit denen Drogen über die Alpen transportiert wurden. Besonders beliebt waren gebrauchte Mercedes, heißt es aus Ermittlerkreisen. Doch die Duisburger Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Geschäftsmänner auch als Finanziers der Mafia auftraten.

Helfer hofften auf 24 Prozent Zinsen

Im Raum stehen Zinsen von 24 Prozent, die die Türkei-Connection mit Verbindungen in die Kölner Unterwelt einstreichen wollte. Die Anklage geht davon aus, dass sie den Mafia-Mitgliedern mehr als 500.000 Euro als Darlehen gewährten. Doch die Zahlungen mit den versprochenen Zinsen der 'Ndrangheta-Mitglieder sollen ins Stocken geraten sein. Immer wieder fing die Polizei in Italien und der Schweiz Kurier-Fahrzeuge ab, nachdem sie Hinweise von den deutschen Ermittlern erhielten.

-----------------

Das ist die Mafiaorganisation 'Ndrangheta:

  • Sie gilt als die mächtigste Mafia-Organisation der Europas
  • Sie hat ihren Ursprung in den Dörfern San Luca und Plati in Kalabrien
  • Ihre Haupteinnahmequellen ist der weltweite Drogenhandel und illegale Müllentsorgung, aber auch Waffenhandel, Geldwäsche und Erpressung
  • Die Mafia-Morde von 2007 gingen auf eine Fehde zwischen zwei verfeindeten Familien zurück. Sechs Mafiosi starben im Kugelhagel

-----------------

Mafiosi schweigen eisern

Als die erhofften Rückzahlungen ausblieben, sollen die türkischen Geschäftsmänner auf eigene Faust in den Drogenhandel eingestiegen sein. Der Kopf aus dem Rhein-Erft-Kreis nannte sich selbst „Pablo“, besuchte sogar höchstpersönlich die Drogen-Kartelle in Südamerika. Um sein Geld von der 'Ndrangheta zu erhalten, soll er außerdem eigens in die 'Ndrangheta-Hochburg San Luca gereist sein, um mit den obersten Clan-Bossen in Kalabrien über das ausbleibende Geld zu sprechen.

+++ Duisburg: Anklage gegen Mafia-Clan aus NRW – Rätsel um pikantes Detail +++

Die drei türkischen Angeklagten legten vor dem am 12. Oktober startenden Prozess Teilgeständnisse ab, sind gegen Kaution auf freiem Fuß. Anders die Mafiosi. Sie schweigen eisern. Ganz wie es das Schweigegelübde der Omerta gebietet.