Marl

NRW: Hausarztpraxen völlig überlastet – „Frage der Zeit, bis wir zusammenbrechen“

Viele Hausarztpraxen kommen an ihre Grenzen. (Symbolbild)
Viele Hausarztpraxen kommen an ihre Grenzen. (Symbolbild)
Foto: dpa

Marl. Immer wieder neue Maßnahmen, mehr Patienten, mehr positiv getestete Menschen: Das Coronavirus lässt NRW und das restliche Deutschland weiterhin nicht zur Ruhe kommen. Und während die Politiker darüber nachdenken, wie sie einen erneuten Lockdown durchdrücken, fällt eine Gruppe systemrelevanter Menschen anscheinend immer wieder durch das Raster: die Hausarztpraxen.

Eine medizinische Fachangestellte aus NRW hat einen Wutbrief veröffentlicht, der es in sich hat. Darin beschreibt Saskia Stachel die Zustände in den Praxen. Um es vorweg zu nehmen: Diese seien katastrophal.

Medizinische Fachangestellte aus NRW schreibt emotionalen Wutbrief

Der Brief beginnt mit emotionalen Worten:

„Sehr geehrte Damen und Herren,ich wende mich verzweifelt an Sie weil wir, Medizinische Fachangestellten, am Ende unserer Kräfte sind. Mein Name ist Saskia Stachel, ich bin 30 Jahre alt und arbeite nun mehr seit über 14 Jahren in einer allgemeinmedizinischen/ internistischen Hausarztpraxis in Marl. Wir sind uns natürlich darüber im klaren, daß wir aufgrund der Corona Pandemie unseren Praxisablauf umstrukturieren und neu organisieren müssen, dennoch ist der Praxisalltag für die meisten MFA's einfach nicht zu schaffen, es gibt etliche Kolleginnen, die kurz vor einem Burn-Out stehen und/oder sich beruflich umorientieren, weil der Beruf nichts mehr mit dem zu tun hat, welchen man erlernt hat.“

Sie möchte auf verheerende Situation in Praxen aufmerksam machen

Den Brief hat die 30-Jährige an mehrere öffentliche Stellen geschickt, sie möchte unbedingt auf die verheerende Situation in den Praxen aufmerksam machen. Vor allem mache es ihr zu schaffen, dass die Angestellten durch den direkten Umgang mit möglicherweise Infizierten stets einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt seien.

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„Ganz davon abgesehen, dass wir am Telefon von den Patienten teilweise beschimpft und/oder beleidigt werden, sind wir jeden Tag einem großen Infektionsrisiko ausgesetzt, da nicht genügend Schutzkleidung zur Verfügung steht (auch da werden Seitens der Regierung öffentlich andere Aussagen getätigt).“ In ihrem Brief schreibt sie ebenso von zu wenigen Impfdosen gegen Grippe und Pneumokokken, die Impfstoffe seien Wochen nicht lieferbar.

Gegenüber DER WESTEN sagt Saskia Stachel, als es um die Erfolgsaussichten und die Aufmerksamkeit für die Hausarztpraxen geht: „Dann haben wir es zumindest versucht.“

Viele Menschen dankbar für den Brief

Ihr Brief vom 22. Oktober wurde bereits mehr als 4000 mal geteilt, viele Menschen sind dankbar, dass die junge Frau die Situation so klar anspricht.

  • „Dem habe ich nichts hinzuzufügen, traurig, aber wahr.“
  • „Durchhalten!!“
  • „Es darf nicht zu einem Kollaps kommen, dann hätten wir ganz große Probleme“

Insgesamt wurden über 800 Kommentare unter ihren Wutbrief geschrieben. (Stand Dienstagabend)

Sie findet wahre Worte zu guter Letzt

Zu guter Letzt schreibt Saskia Stachel deutliche Worte: „Es gibt noch viele diverse weitere Punkte, aber mein Anliegen ist es gerade, es irgendwie zu schaffen, dass auch die Öffentlichkeit erfährt, wie es wirklich in den Arztpraxen zugeht und es nur eine Frage der Zeit ist, bis eine nach der anderen zusammen bricht und nicht mehr kann.“

Ein Satz, der vermutlich vielen Angestellten in Hausarztpraxen aus der Seele spricht.

 
 

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