Bottrop

Bottroper Tafel-Chef spricht Klartext: „Jetzt spüren wir die Konsequenzen der Flüchtlingskrise“

NRW: Dieter Kruse arbeitet ehrenamtlich als Chef der Bottroper Tafel.
NRW: Dieter Kruse arbeitet ehrenamtlich als Chef der Bottroper Tafel.
Foto: Alexander Keßel

Bottrop. Die Flüchtlingskrise ist ein Wendepunkt bei der Tafel in Bottrop (NRW) gewesen. Im Jahr 2015 stieg die Zahl der Bedürftigen sprunghaft an, erklärt Tafel-Chef Dieter Kruse (78).

Hatte die Bottroper Tafel vorher 600 Kunden, versorgt sie mittlerweile 1.200 Menschen mit Lebensmitteln - ein gewaltiger Kraftaufwand für die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Die Tafel in NRW musste sich neu erfinden.

In der Zwischenzeit ist die Zahl der Neuanmeldungen wieder zurückgegangen. Dieter Kruse kämpft jetzt mit den Auswirkungen der Flüchtlingskrise.

NRW: Ausländer-Stop? Bottroper Tafel geht eigenen Weg

Den erhöhten Bedarf nach 2015 begegnete die Bottroper Tafel zunächst mit Improvisation. Während die Kollegen aus Essen zeitweise keine Ausländer mehr aufnahmen (hier mehr Infos >>>), ging der Vorstand um Dieter Kruse einen anderen Weg. Wie der aussieht, liest du hier >>>

Tafel Essen: So läuft es nach dem Ende des Ausländerstopps
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Die Tafel machte zudem aus der Not eine Tugend. So finden sich unter den etwa 60 Beschäftigten auch einige Flüchtlinge, die meisten von ihnen angestellt als 1,5-Euro-Jobber. Einer von ihnen ist Ryiead Abdy. Die Geschichte des syrischen Bauingenieurs kannst du hier nachlesen >>>

Tafel-Chef alarmiert: „Jetzt spüren wir die Konsequenzen“

Genau wie die meisten anderen Flüchtlinge ist Ryiead Abdy nicht mehr in einer Massenunterkunft untergebracht. Mit dem Umzug in eine eigene Wohnung stehen die meisten aber vor unlösbaren Aufgaben.

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„Jeder Asylbewerber geht zum Amt und kommt mit einem Packen an Formularen zurück. Wenn ich mir das anschaue, frage ich mich selbst als Muttersprachler ganz oft: ‚Was schreibe ich denn jetzt dahin?‘ Und die sollen das dann ausfüllen? Das ist oft überhaupt nicht möglich!“, sagt Dieter Kruse.

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Das ist die Bottroper Tafel

  • Gründung 2002 als Bottroper Tisch
  • Verteilt Lebensmittel an Bedürftige (keine fertigen Speisen)
  • Voraussetzung: Bezug von „Hartz 4“ oder Grundsicherung
  • Versorgt rund 1.200 Kunden pro Woche
  • Dazu Pausenbrot-Aktion an zehn Grundschulen (Weitere Infos hier >>>)
  • Finanziert über Spenden und kleinen Zuschuss der Stadt
  • Lebensmittel stammen von Bottroper Supermärkten

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Die Vermittlung in Behördenfragen sei mittlerweile eine seiner Hauptaufgaben. „Die Flüchtlinge werden damit völlig alleingelassen“, so der Bottroper Tafel-Chef. „Daran spüren wir jetzt deutlich die Konsequenzen der Flüchtlingskrise.“

Ehrenamt in der Krise

Vier bis fünf Stunden arbeitet der seit 2001 pensionierte Polizeibeamte unter der Woche täglich. „Das ist mir eigentlich zu viel in meinem Alter“, so der 78-Jährige.

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Eine Alternative dazu sieht er nicht. Es fehlt der Nachwuchs im Ehrenamt. Sportvereine könnten davon ein Liedchen singen. „Es will keiner sich irgendwo mehr fest binden“, sagt Dieter Kruse. Doch noch hat er die Hoffnung nicht aufgegen, einen Nachfolger für seinen Job zu finden.

Die ehrenamtliche Arbeit der Bottroper Tafel finanziert sich fast ausschließlich durch Spenden. Du willst etwas beitragen? Hier alle Infos >>>

 
 

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