Bottrop

NRW: Alleinerziehende hat 25 Jahre gearbeitet, jetzt lebt sie in Armut – „Fühle mich verarscht“

NRW: Jeden Mittwoch kommt Brigitte Kircher zur Tafel in Bottrop. Sie half Jahre lang selbst mit.
NRW: Jeden Mittwoch kommt Brigitte Kircher zur Tafel in Bottrop. Sie half Jahre lang selbst mit.
Foto: Lorraine Dindas / DER WESTEN

Bottrop. Brigitte Kircher (63) aus Bottrop (NRW) hat es alles andere als leicht. Ihr Leben besteht nur aus Fragen: Komme ich diesen Monat mit meinem Geld aus? Was esse ich morgen? Wie soll es nur weitergehen? Die 63-Jährige hat jahrzehntelang gearbeitet, trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Der Gang zur Tafel in NRW ist bei ihr Plicht.

Denn Brigitte Kircher hat gerade einmal 830 Euro im Monat zur Verfügung. Sie hat die Grundsicherung beantragt, weil die Rente von 540 Euro einfach nicht ausreicht. 400 Euro gehen monatlich für die Miete drauf. Dann kommen noch Strom, das Busticket, Versicherungen, Internet und Telefon dazu. Jeder, der einen eigenen Haushalt hat, weiß: das kann gar nicht klappen.

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Deswegen geht Brigitte seit zehn Jahren einmal pro Woche zur Bottroper Tafel an der Gladbecker Straße. „Ich fühle mich beschissen und verarscht. Ich habe 25 Jahre lang gearbeitet, dann spielte die Gesundheit nicht mehr mit“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

Die 63-Jährige hat einen Bandscheibenvorfall, eine künstliche Hüfte und Arthrose. Sie bekommt seit drei Jahren Rente für Schwerbehinderte. „Wenn ich könnte, würde ich wieder arbeiten. Ich brauche etwas zu tun.“

Ein Anrecht auf die Grundrente, die zum 1. Januar 2021 kommen soll, hat sie wahrscheinlich nicht. Denn die bekommen nur Rentner, die mindestens 35 Jahre lang gearbeitet haben.

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Das ist die Bottroper Tafel

  • Gründung 2002 als Bottroper Tisch
  • Verteilt Lebensmittel an Bedürftige (keine fertigen Speisen)
  • Voraussetzung: Bezug von „Hartz 4“ oder Grundsicherung
  • Versorgt rund 1.200 Kunden pro Woche
  • Dazu Pausenbrot-Aktion an zehn Grundschulen (Weitere Infos hier >>>)
  • Finanziert über Spenden und kleinen Zuschuss der Stadt
  • Lebensmittel stammen von Bottroper Supermärkten

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Die Rentnerin hat das Gefühl, dass sie beim Staat betteln gehen muss. „Ich habe wie viele andere auch, etliche Überstunden gemacht. Dafür bekomme ich vom Vater Staat einen Tritt in den Allerwehrtesten.“

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Bottroperin gesteht: „Ich schäme mich“

Jahre lang hatte die gelernte Verkäuferin in Düsseldorf gearbeitet, bis das Unternehmen dicht machte. Dann wurde sie arbeitslos. Dann schlug sich die alleinerziehende Mutter zweier Kinder mit Jobs, zum Beispiel als Vollzeitkraft bei einer Reinigungsfirma durch. Als der Körper nicht mehr mitspielte, bekam sie „Hartz 4“.

„Ich schäme mich.“ Der Gang zur Tafel ist ihr unangenehm. Jeden Mittwoch kommt sie per Bus mit einem Einkaufs-Trolley und einer Tasche zur Ausgabestelle. „Ich bin froh, dass es die Tafel gibt, habe sogar selbst acht Jahre lang mitgeholfen, aber richtig ist es nicht. Jeder, der gearbeitet hat, wenn er konnte, sollte so viel zum Leben haben, dass es ausreicht“, findet die 63-Jährige.

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„Es gibt Menschen, denen geht es noch viel schlechter“

Frischen Lebensmut bekommt die Bottroperin durch Freunde und Bekannte. Jeden Montag fährt Brigitte zu ihrer demenzkranken Freundin in einem Heim in Herne. Auch geht sie jede Woche zum Senioren-Stammtisch und zum Schwimm-Verein. Fünf Euro pro Monat legt sie sich für den Jahresbeitrag extra zur Seite.

Eine Tatsache hat sie ständig im Kopf. Sie hilft ihr, immer weiter zu machen. Brigitte sagt: „Es gibt immer noch Menschen, denen geht es noch viel schlechter.“

 
 

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