Wieso kann man Tango auch zu den Toten Hosen tanzen, Herr Göttges?

Mönchengladbach..  Heiße Rhythmen und schmerzende Zähne, eng umschlungener Paartanz und der typische Praxisgeruch, und irgendwie ein Stück Südamerika am Niederrhein – mitten in Rheydt. Für Zahnarzt Dr. Hans-Wolfgang Göttges sind das keine Widersprüche.

Im Gegenteil, denn der 66-Jährige Familienvater von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern, der sich hauptberuflich seit 1986 um die Zahngesundheit seiner Patienten kümmert, widmet sich in seiner Freizeit am liebsten dem Tango Argentino – dem leidenschaftlichen, temperamentvollen, ausdrucksstarken und lange verruchten, teilweise sogar verbotenen Tanz, der sich Ende des 19. Jahrhunderts von seinem Entstehungsort aus, also den Einwanderervierteln und Bordellen am Rio de la Plata im argentinischen Buenos Aires und in Montevideo in Uruguay, in der ganzen Welt verbreitete.

Ein Gespräch von Kopf bis Fuß, über moderne Klänge und viel Gefühl:

Guten Tag, Herr Dr. Göttges. Und, heute schon gebohrt?

Ja.

Wie oft?

Das habe ich nicht gezählt. Es war heute aber eher ein Operationstag, so dass ich mehr operiert als gebohrt habe.

Haben Sie heute auch schon getanzt?

Nein, heute noch nicht.

Aber Sie haben heute schon Musik gehört...

Ja, aber nicht nur Tango-Musik, sondern auch moderne Musik.

Auch in der Praxis?

Ja, auch. Bei uns läuft immer Musik in der Praxis, Aber Tango ist da manchmal ein bisschen grenzwertig, denn die Musik mag nicht jeder. Und dann muss man eben auch mal andere Musik laufen lassen.

Gab es denn schon Patienten, bei denen sich Tango-Klänge positiv auf die Angst vor der Zahnbehandlung ausgewirkt haben?

Die Musik bei uns in der Praxis wirkt sich sicherlich positiv auf die Ängste der Patienten aus. Aber, ob es nun ausgerechnet die Tango-Musik ist, das weiß ich wirklich nicht.

Niederrhein – Zahnarzt – Tango. Können Sie diese Begriffe kurz in ihre Biografie einordnen?

Niederrhein: Ich bin hier in Rheydt am Niederrhein zuhause und stamme auch gebürtig hierher. Zahnarzt ist mein Beruf – und der kam vor dem Tango, also dem aktiven Tango. Die Musik hat mich aber immer schon begeistert. Ich habe mit dem Tango Nuevo von Astor Piazzolla (interpretierte den klassischen Tango seit Mitte der 1950er Jahre in Argentinien neu, Anm. d. Red.) angefangen. Das war meine Musik. Zum Tango Tanz kam ich dann aber durch das Bandoneon-Festival in Krefeld, wo ich zum ersten Mal nach einem Konzert in der Fabrik Heeder einen Tango-Salon gesehen habe. Dort wird der klassische Tango Argentino gespielt und getanzt, also mit der Musik der alten Orchester der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Und so begann ich, mich auch für den Tanz zu interessieren, habe auch Kurse besucht, bin aber immer wieder an der Musik hängen geblieben und mir immer mehr und ganz unterschiedliche Tango-Musik angehört. Und so wächst man da langsam rein...

Tagsüber kennt man Sie als Zahnarzt in Rheydt. Abends verwandeln Sie sich bei diversen Veranstaltungen in der Region (siehe Infokasten) in den Tango-DJ El lobo gris, was aus dem Spanischen übersetzt „Der graue Wolf“ heißt. Wie kam es dazu?

Es gab in Viersen einen Tango-Salon, zu dem ich sehr lange ging. Und dort hat man mich irgendwann gefragt, ob ich nicht auch einmal auflegen will. Und weil es ein sehr klassisches Tango-Stück gab, das mir sehr gut gefiel, das „El zoro gris“, „Der graue Fuchs“, hieß, und ich eben Wolfgang mit Namen heiße, entstand daraus bald der DJ-Name.

Und aus den Tango-Abenden an denen ich auflegte, entwickelten sich nach und nach weitere, wie beispielsweise in der Fabrik Heeder in Krefeld, einmal im Jahr beim Tango im Elisenbrunnen in Aachen oder eben kürzlich auch bei einer Milonga des Kulturkreises in Wachtendonk.

Was macht für Sie persönlich die Faszination des Tangos aus?

Die Musik, die Bewegung und das freie Umsetzen und Improvisieren, auch im Spiel als Paar, das ja – ebenso, wie die Tanzpartner – immer wieder anders ist.

Was lieben Sie denn mehr: den Tanz oder die Musik?

Ich kann das nicht trennen. Für mich gehört beides zusammen: die Musik zu fühlen und sie in Bewegungen umzusetzen.

Der Tango Argentino, der sich ja komplett unterscheidet vom Standard-Tango, den man aus der Tanzschule kennt, besteht ja bei den Bewegungen hauptsächlich aus Improvisation und einem kontinuierlichen Tanzfluss.

Ja, man kann dreimal das gleiche Stück tanzen und es ist trotzdem immer anders. Das hängt immer von der Stimmung ab und von mir und von der Partnerin, mit der ich tanze. Und das finde ich so spannend am Tango.

Welche Art von Tango-Musik mögen Sie besonders?

Ich mag eigentlich jede Musik, zu der man Tango tanzen kann. Das wird zwar von den Liebhabern des klassischen Tangos weniger gern gehört – für die gelten nur die Tango-Orchester bis maximal 1940 – aber ich finde es total schön, auch zu moderner Musik Tango zu tanzen. Das ist auch ein bisschen meine Stärke als DJ, dass ich die Musik heraus fühle, zu der man Tango tanzen kann.

Und welche wäre das beispielsweise?

Es gibt beim Tango ja bestimmte Rhythmen und Taktfolgen, wie beispielsweise eine langsame Walzermusik, zu der man tanzen kann. Und das geht eben auch zu Jazz- oder auch Rock-Stücken, letzteres beispielsweise auch zu den Toten Hosen.

Zu welchem Song der Toten Hosen lässt sich denn besonders gut Tango tanzen?

„Auflösen“ heißt das Stück. Es ist eine wunderschöne Ballade, bei der Campino mit einer Frau zusammen singt. Man kann im Prinzip alles spielen. Man muss nur fühlen, ob man dazu tanzen kann.

Der Niederrheiner an sich ist nicht unbedingt für sein heißblütiges Temperament bekannt. Würde mehr Tango den Menschen in der Region denn gut tun?

Das schöne am Tango ist: egal, wo man ihn tanzt, die Menschen, die ihn tanzen, haben alle die gleichen Ansätze.

Das hat nichts mit einer Region zu tun. Aber Tango-Veranstaltungen, die darf es sicher gerne noch mehr geben am Niederrhein.

 
 

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