Warum schreiben Sie Bücher über den Jakobsweg, Herr Bunse?

Dietmar Bunse aus Wesel schreibt seit vier Jahren Bücher über den Jakobsweg.
Dietmar Bunse aus Wesel schreibt seit vier Jahren Bücher über den Jakobsweg.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Vor vier Jahren kündigte Dietmar Bunse seinen Job und pilgerte über den Jakobsweg. Für den Weseler eine Erfahrung, die sein Leben verändert hat.

Wesel..  Was tun, wenn man an einem Punkt in seinem Leben angekommen ist, an dem man einfach nicht weitermachen kann – oder möchte – wie bisher? Für Dietmar Bunse war dieser Zeitpunkt vor ziemlich genau vier Jahren erreicht. Da kündigte der Bankkaufmann aus Wesel seinen Job und wagte einen Neuanfang...

Der beginnt im spanischen Pamplona und führt ihn fast 650 Kilometer den Jakobsweg entlang über Santiago de Compostela bis zum Kap Finisterre, dem so genannten Ende der Welt. Für Dietmar Bunse ist der Weg eine kleine Weltreise – die ihn und sein Leben verändert hat.

Herr Bunse, Sie haben in diesen Tagen Ihr drittes Pilgerbuch, diesmal über den Portugiesischen Jakobsweg, veröffentlicht. Kann man sagen, das Pilgern hat einen Schriftsteller aus Ihnen gemacht?

Über den Jakobsweg gibt es ja diesen Spruch: Man kommt davon nie so zurück, wie man ihn begonnen hat. Während meiner Wanderung habe ich zwar Tagebuch geschrieben. Aber hätten Sie mich vor vier Jahren, bevor ich losgelaufen bin, gefragt, ob ich mir vorstellen kann, mal ein Buch zu schreiben, hätte ich wohl ,niemals‘ geantwortet. Als ich nach vier Wochen Wanderung wieder im Alltag ankam, musste ich meinen gedankensprudelnden Kopf entlasten. Da war das Schreiben für mich das richtige Ventil.

Sie hatten kurz zuvor Ihren Job gekündigt. Sollte die Pilgerreise auf dem Jakobsweg Ihnen aus einer Sinnkrise helfen?

Ich hatte schon Jahre zuvor „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling gelesen, die Initialzündung kam damit schon viel früher. Nicht nur, weil es gut geschrieben und unterhaltsam ist, mich hat schon darin der Jakobsweg an sich fasziniert, ja inspiriert. Spätestens seit Kerkelings Buch brannte ich dafür. Für mich war klar, dass ich meinen neuen Lebensabschnitt mit dem Jakobsweg beginne. Ende April 2011 bin ich losgelaufen.

Die Suche nach dem Sinn des Lebens, eine Glaubensfrage, oder einfach nur die Lust am Wandern – was ist das Pilgern für Sie?

Heute ist das Pilgern für mich ein Lebenselixier, es bedeutet innere Erfüllung. Vor vier Jahren bin ich ohne Wander- und Pilgererfahrung einfach losgegangen. Dabei habe ich das Wandern für mich entdeckt. Aber allein aus sportlichen Gründen den Jakobsweg zu laufen ist nichts für mich. Wer nur über ihn sprintet, wird nicht die Geheimnisse des Weges erfahren. Meine Motivation ist es, sich damit zu befassen: Wie kann ich Spuren von Jakobus finden, welche sakralen Bauwerke gibt es, wie kann ich mich spirituell selbst erfahren?

Was bedeutet Spiritualität für Sie?

Vor vier Jahren hätte ich gesagt, irgendetwas Geistiges. Heute weiß ich, Spiritualität bedeutet mehr, die Natur anders zu erleben etwa: Mit Vögeln zu singen, mit dem Wind zu sprechen, Bäume zu umarmen. Ich bedauere sehr, dass der Jakobsweg so stark kommerzialisiert wird. Dabei gehen die eigentlichen Werte verloren. Ich habe nicht aus religiösen Gründen mit dem Pilgern angefangen, aber die Gebetsmessen sind Teil meiner Wanderung.

Sprechen wir über Gott...

Der Jakobsweg hat meinen Glauben gefestigt. Meine Nähe zu Gott ist unterwegs größer geworden. Es ist, als hätte ich den Schöpfer im Rucksack mitgetragen.

Das kann man ja auch bildlich verstehen…

Natürlich. Gerade auf dem Camino Francés, dem klassischen Jakobsweg, überquert man drei Pässe und muss bei der ersten Etappe in den Pyrenäen 1400 Höhenmeter bewältigen. Anschließend geht’s wieder 900 Meter bergab. Das ist eine Tortur für Knie und Gelenke. Man fordert den Körper zu 100 Prozent, es ist aber auch eine psychische Strapaze. Der Wille ist entscheidend, man muss bereit sein, sich zu quälen. Bei mir ist das aber so: Mein Kopf entscheidet, wie weit ich laufe, nicht meine Füße.

Den Jakobsweg zu Laufen bedeutet für viele Pilger unweigerlich auch Entbehrungen. Was hat Ihnen am meisten gefehlt?

Wie viele Pilger übernachte ich nur in einfachen Herbergen. Ich habe einen empfindlichen Schlaf und scheine Schnarcher anzuziehen! Es gab Nächte, da habe ich gar nicht geschlafen. Das sind eben die Geißeln, die der Jakobsweg einem einfachen Pilger auferlegt. Am Ende wissen Sie Luxus, ein Hotel mit einer vernünftigen Dusche, in dem Ruhe herrscht, neu zu schätzen.

Den Portugiesischen Jakobsweg von Porto bis Santiago de Compostela sind Sie mit Ihrer Frau gepilgert. Das fordert Kompromissbereitschaft…

Ich bin gerne mit meiner Frau gewandert, laufe aber lieber allein. In Gesellschaft unterhalte ich mich und habe wenig Gelegenheit, innerlich einzukehren. Wenn man gemeinsam pilgert, dann sollte man vorher Spielregeln ausmachen. Dazu gehört auch das Tempo, oder sich für einzelne Etappen zu trennen. Man sagt ja: Auf dem Jakobsweg sind schon Ehen geschlossen und geschieden worden.

Auch wenn man sich allein auf den Weg macht: Einsam ist man als Pilger trotzdem nicht.

Man trifft während des Pilgerns unheimlich viele Menschen aus allen Teilen der Welt: Hausfrauen, Studenten, Rentner, Manager. Das Schöne: Auf dem Jakobsweg sind alle gleich.

Sie sind ja schon mehrere Pilgerwege gelaufen. Gab’s für Sie eine besondere Begegnung?

Auf dem Camino Francés habe ich einen 81-jährigen Mann namens Josef getroffen, der mich sehr beeindruckt hat. Er ist von Porto bis nach Hause in die Pfalz gelaufen – mehr als 3000 Kilometer! Dieser Mann ist mein Vorbild, ihm habe ich auch ein Kapitel in meinem Buch gewidmet.

Worum geht’s denn in Ihrem aktuellen Buch?

Ohne zu viel zu verraten: Das Buch lüftet einige Geheimnisse über den am zweithäufigsten bewanderten, Portugiesischen Jakobsweg und ist für alle etwas, die eine Alternative zum klassischen Jakobsweg suchen.

Am Niederrhein lässt es sich ja auch gut Pilgern – haben Sie da eine Empfehlung?

Den Pilgerweg von Nimwegen über Kranenburg, Kleve, Xanten, Wesel, Moers und Neuss bis nach Köln finde ich sehr gut. Wer weiter laufen will, kann über Trier und Frankreich auf den Camino Francés stoßen. In Spanien sagt man ja: ,Der Jakobsweg beginnt vor deiner Tür.‘ Und das ist auch so.

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