Warum ist nach 20 Jahren Hilfe für Afrika immer noch nicht Schluss, Frau Doktor?

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Am Niederrhein.  Seit 20 Jahren engagiert sich die Kevelaerer Ärztin Dr . Elke Kleuren-Schryvers (54) in Afrika. Mit Cap Anamur-Gründer Dr. Rupert Neudeck war sie als junge Medizinerin in Somalia, hat dann eine eigene Hilfsorganisation gegründet, die Aktion pro Humanität (APH). In Benin unterhält APH neben Sozialprojekten eine Krankenstation, die im Jahr etwa 20 000 Patienten betreut. Im Niger wurden Brunnen gebaut, Schulen und ein altes Krankenhaus wieder in Betrieb genommen.

Welche Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie jetzt wieder nach Afrika aufbrechen?

Die Bilder, die mich vor dieser 57. Reise nach Benin umtreiben, haben mit Menschen zu tun, die mir begegnen. Eine schwangere Frau, die in den Wehen hinten auf dem Fahrrad sitzend von ihrem Mann über einen rumpeligen Feldweg in unser Buschkrankenhaus gebracht wird, und die ohne Klagen und völlig stumm vom Rad steigt und fast ohnmächtig auf die Liege des Kreißsaals sinkt. Jean, der kleine aidskranke Waisenjunge, den seine Mutter uns flehend anvertraut. Und erst als sie sicher ist, dass er in unserem Waisenhaus in Gohomey versorgt wird, stirbt sie. Es sind vor allem starke Emotionen, mit denen man immer wieder konfrontiert ist.

Das muss man aushalten können.

Da sind ja auch Gefühle großer Freude, wenn man in der Kinderkrippe ein verhungerndes Kind doch am Leben erhalten kann, das Leben wieder zurückkehrt in so ein kraftloses Menschlein. Es sind auch Gefühle von Ohnmacht und Wut, wenn man genau weiß, dass man ausgenutzt wird oder die Lethargie der Administration einen blockiert. Es macht aber auch stolz, wenn jetzt die ersten Waisenkinder ihre Ausbildung machen oder die Universität besuchen. Da haben Ihre Leser mitgeholfen dank des Schulprojektes „Sechs Jahre Afrika“. Man wird, demütig, wenn man sieht, wie Familien um das Nötigste ringen, wenn ein Familienmitglied schwer erkrankt, die Mahlzeiten für alle deswegen gekürzt werden, damit das Geld für eine Behandlung zusammengebracht werden kann.

Was treibt Sie immer noch an?

Wir wollen für die Menschen in den ländlichen Regionen medizinische Basisversorgung realisieren. Wir wollen eine gute Aidstherapie machen. Wir arbeiten daran, dass es uns gelingt, immer mehr Schwangere zu einer Geburt in der Krankenstation zu bewegen, um die zu hohe Mütter- und Kindersterblichkeit zu senken. Wir ringen weiter um eine deutliche Unterstützung des beninischen Gesundheitsministeriums, damit wir endlich an die Installation eines OP-Containers denken können. Und natürlich treibt mich an, dass wir es schaffen, für unser Krankenhaus ein funktionierendes Autofinancement zu sichern. Um es dann in die Hände und Verantwortung beninischer Ordensschwestern zu geben.

Hat man nach so langer Zeit das Gefühl, dass man auf der Stelle tritt?

An eine Sisyphos-Arbeit erinnert unser gemeinsames Tun immer dann, wenn wir bemerken, wie stark wir immer noch an unsere Grenzen stoßen in unseren so unterschiedlichen kulturellen Lebensphilosophien. Wie beinhart auch in Afrika der Drang nach materiellen Errungenschaften das ehemals so beeindruckende soziale Miteinander in den Großfamilien verändert. Wie wenig Interesse die Mehrheit der Politiker eigentlich daran hat, das Maximum für die Menschen im Land zu erwirken.

Was ist anders als vor 20 Jahren?

Verändert hat sich Vieles. Die beninische Regierung tut enorm viel für die Bildung der Kinder. Die Grundschulen können von Mädchen und Jungen ohne Schulgeld besucht werden. Es gibt in jedem Departement ein System staatlicher Krankenversorgung, wenn auch die Funktion dieser Institutionen ebenso wie die Qualität der Bildung in keinster Weise mit unseren Realitäten vergleichbar sind.

Welche Perspektiven sehen Sie?

Ein wesentliche Domäne ist und bleibt in unserem Centre Medical Gohomey die „caritas“, die Nächstenliebe, die eine notwendige medizinische Behandlung oder eine soziale Leistung immer möglich machen muss, auch wenn Menschen völlig mittellos sind. Im Niger wollen wir weiter die Basisgesundheitsversorgung verbessern, Brunnen realisieren und präventiv gegen den Hunger arbeiten, etwa mit einem landwirtschaftlichen Bewässerungsprojekt.

Worauf freuen sie sich?

In der Sache in erster Linie auf den Kooperationsvertrag mit den Ordensschwestern, weil wir für unser Krankenhaus in Afrika damit etwas schaffen können, was uns in Europa verloren gegangen ist: die Linderung von Krankheit und Leiden durch empathische Zuwendung und die ganzheitliche Betreuung von Körper und Seele. Für das Herz und die eigene Motivation weiß ich, dass mich das Mitwirken in der pädiatrischen Sprechstunde im Behindertenzentrum in Lokossa bewegen wird, mit dem wir zusammenarbeiten. Die Kinder dort, die oftmals bis zum Bauch eingegipst sind, um ihre Gliedmaßen wieder zu richten, haben so eine positive Strahlkraft. Und natürlich freue ich mich auf jedes Neugeborene in unserem Krankenhaus: Wenn man ein Baby, noch ganz weiß in der Hautfarbe in den ersten Stunden, im Arm hält und die Mama sieht, die sich für einige Stunden bei uns im Hospital erholen darf, bevor sie wieder an die Arbeit geht, wünscht man sich, dieses kleine Stückchen mehr an Sicherheit viel, viel mehr Frauen bieten zu können, um das Überleben von Mutter und Kind bei der Geburt immer wahrscheinlicher zu machen.

 
 

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