Viel Spaß mit Hatice Akyün und ihrem Hans

Markus Peters
Hatice Akyün
Hatice Akyün
Foto: Kai Kitschenberg
Hatice Akyün stellt am Samstag in Duisburg die Verfilmung ihres Bestsellers „Einmal Hans mit scharfer Soße“ vor. Eine heitere Beziehungskomödie mit doppelter Emanzipationsgeschichte

Duisburg.  Hatice Akyün ist immer noch genau die Frau vom Klappentext ihres ersten Buches: Deutsche und Türkin, Muslima, ohne Kopftuch und auch immer noch nicht zwangsverheiratet. Sie ist eine unabhängige Frau. Nicht sorglos, aber angstfrei. „Hätte ich auf Sicherheit gesetzt, wäre ich nach meiner Ausbildung am Amtsgericht Duisburg-Hamborn geblieben“, sagt die Autorin, die am Sonntag 45 Jahre alt wird. Ist sie aber nicht, sondern stattdessen für ein Jahr nach New York gegangen, hat danach tagsüber studiert, nachts in der Duisburger Diskothek Old Daddy gekellnert und dazwischen in der Lokalredaktion einer Tageszeitung Journalismus gelernt.

Der Hang, ihre deutschtürkischen Grenzen auszuloten, hat viel mit ihrer Kindheit zu tun. Geboren ist die Bergmannstochter in einem anatolischen Dorf 100 Kilometer südöstlich von Ankara, aufgewachsen in einer Zechensiedlung in Duisburg-Marxloh. Und ausgerechnet sie hat es geschafft, als Gesellschaftsreporterin einen handfesten Skandal auszulösen: Ihr Interview mit der Schweizer Botschafterfrau Shawne Fielding Borer hoch zu Ross sorgte international für Schlagzeilen.

„Ich habe mich schon als Dreijährige mit dem Umzug in ein fremdes Land einer komplett neuen Situation stellen müssen, warum soll ich das nicht auch heute schaffen“, lächelt sie. Deshalb ist sie nach der Pleite der Illustrierten „Max“ auch in Berlin geblieben, um sich dort als freie Autorin durchzuschlagen. Eines ihrer ersten Projekte: das Buch „Einmal Hans mit scharfer Soße“, ein autobiografisch gefärbter, humorvoller Rückblick auf die gesammelten Beziehungsgeschichtchen ihres Erwachsenwerdens. Die dramatische Verwicklung: Ihre jüngere Schwester ist schwanger, will heiraten, darf aber nicht, weil die ältere Tochter Hatice nicht unter der Haube ist. Das geht nach türkischer Tradition gar nicht. Also braucht sie einen Mann, aber schnell. Einen deutschen Mann mit türkischem Temperament. Einen Hans mit scharfer Soße, eben.

Salzgitter statt Duisburg

300 000mal hat sich das Buch inzwischen verkauft. Ein echter Bestseller. Neun Jahre nach dem Erscheinen wurde der Stoff jetzt verfilmt. Wer aber bei der Premiere heute Abend im Duisburger UCI-Kino regionale Bezüge oder gar Blicke auf das Duisburg der neunziger Jahre erwartet, wird enttäuscht sein: Die Handlung wurde nach Hamburg und Salzgitter verlegt. „Das wollte die Filmförderung“, verrät die Autorin. Ein Umstand, mit dem sie sich nur schwer abfinden konnte. „Berlin oder Hamburg, das ist egal. Aber Salzgitter statt Duisburg, das ist schwer zu ertragen.“ Nicht zuletzt, weil sie die Stadt an Rhein und Ruhr immer noch als ihre emotionale Heimat empfindet, gegen ungerechtfertigte Angriffe verteidigt wie eine Löwin ihr Junges und sie neulich im „Zeit Magazin“ sogar mit einer rührend-emotionalen Liebeserklärung würdigte.

die Geschichte von Hatice und ihren Hansemännern könnte in allen deutschen Städten spielen, in denen Migration stattgefunden hat. Warum es so lange gedauert hat, bis der Stoff fürs Kino entdeckt wurde, ist für Akyün Kino-Entwicklungsgeschichte: „Die frühen Filme, die sich mit dem Thema deutsch-türkischer Integration auseinandergesetzt haben, waren häufig sehr problembelastet wie ‘Gegen die Wand’ von Fatih Akin. Es gab viele Drehbücher über unterdrückte türkische Frauen, über den sogenannten Ehrenmord. Alles Leidensgeschichten. Da kam ich mit meinem leichten Stoff.“

Anatolischer Hintergrund

Erst mit „Almanya“ kam erstmals ein streckenweise heiterer Blickwinkel auf die Leinwand. Und mit „Einmal Hans“ ist das interkulturelle Thema nun endgültig im Genre der heiteren Beziehungskomödie gelandet, wo es längst hingehört: „Habt Spaß und lacht zusammen“, lautet die einzige Botschaft der Autorin. Schließlich werden Deutsche und Türken gleichermaßen liebevoll auf den Arm genommen.

Ganz nebenbei: „Der Stoff erzählt nicht nur die Geschichten meiner Emanzipation vom Elternhaus, sondern auch die Geschichte der Emanzipation meines Vaters von seinem anatolisch geprägten kulturellen Hintergrund“, betont die alleinerziehende Mutter einer inzwischen schulpflichtigen Tochter. Von der Teestubengesellschaft und ihren tradierten Werten hätte sich auch Rafet Akyün erst lösen müssen. Im Film gibt es eine wichtige Szene, da sagt der Vater: „Ich will doch nur, dass meine Tochter einen Mann findet, der ihr die Füße wärmt.“ „Diese emotionale Wärme: Das assoziieren türkische Eltern mit Heiraten. Eine junge, türkische Frau, die alleine lebt, existierte in der Welt meiner Eltern nicht“, erklärt Akyün. „Sie haben lange gebraucht, um zu verstehen,dass ein selbstbestimmtes Leben keinen Abschied von der Familie bedeutet.“

Sie selbst hatte dieses Rollenvorbild allerdings stets vor Augen: „Ich hatte eine Klassenlehrerin, die mich sehr inspirierte. Die war Mitte 20, nicht verheiratet und kam morgens mit ihrem kleinen roten Auto zur Schule. Sie war die erste Frau, die anders war. Sie musste sich niemandem gegenüber rechtfertigen. Das hat mich tief beeindruckt.“ Mit dieser ehemaligen Lehrerin ist sie übrigens heute noch eng befreundet.

Walsumer Weisheiten

Doch Hatice Akyün hatte auch Angst vor dem Film. „Insbesondere vor den Liebesszenen“. „Ich will von meinen Eltern nicht als Frau oder Vamp wahrgenommen werden, sondern als Tochter.“ Da sei es sehr hilfreich gewesen, dass sowohl Regisseurin Buket Alakus als auch Hauptdarstellerin Idil Üner ihren kulturellen Hintergrund teilen. Sie kennen die kuriosen kleinen Kompromisse, die die Deutschtürkin von heute so eingeht. Wie zum Beispiel den sittsam langen Vaterrock, der bei Familienbesuchen schnell übergezogen wird. Als Zeichen des Respekts.

Mittlerweile hat ihr Vater Rafet, der bis zu seinem Arbeitsunfalls als Bergmann auf dem Schacht Walsum gearbeitet hatte, fast schon Kultstatus erlangt. Die Kolumnen, die Sie für den Berliner „Tagesspiegel“ schreibt, enden stets mit einem passenden Zitat aus seinem reichen türkischen Sprichwörterschatz. In ihrem vierten Buch „Verfluchte anatolische Bergziegenkacke“,das im September erscheint, sind die Kolumnen gesammelt. Weil es diesen Fluch aber in der türkischen Sprache gar nicht gibt, lautet der Untertitel des Buchs: „Oder wie mein Vater sagen würde: Wenn die Wut kommt, geht der Verstand.“ Weise Worte von einem Walsumer Bergmann!