Totenzettel erinnern

Rosali Kurtzbach
Das Kreisarchiv Kleve hat eine Sammlung von 1200 Totenzetteln. Hier zu sehen ist ein Zettel aus der Zeit des zweiten Weltkriegs. Foto: Ulla Michels
Das Kreisarchiv Kleve hat eine Sammlung von 1200 Totenzetteln. Hier zu sehen ist ein Zettel aus der Zeit des zweiten Weltkriegs. Foto: Ulla Michels
Das Kreisarchiv in Kleve hat eine Sammlung mit 1200 Totenzetteln, die an das Leben der Verstorbenen erinnern. Teilweise gehen die Dokumente bis ins 18. Jahrhundert zurück.

Geldern. Michael Bodems war kein bekannter Mann zu seinen Lebzeiten. Er führte ein scheinbar normales, einfaches Leben am Niederrhein. Und würde wohl auch nach seinem Tod 1914 keine große öffentliche Erwähnung finden, wenn nicht sein Totenzettel im Kreisarchiv Kleve ein Stück Zeitgeschichte dokumentieren würde. Es sind nur ein paar Zeilen über das Leben des Verstorbenen. Michael Bodems „wurde am 31. Dezember 1830 geboren zu Hamb“, ist zu lesen. „Er verehelichte sich am 3. Mai 1861 mit Maria Katharina Terhoeven. Als schlichter, braver Mann erfüllte er treu seine Pflichten bis ins hohe Alter hinein. Er starb am 7. Januar 1914 nachmittags, vorher öfters versehen mit den heiligen Sakramenten.“

„Totenzettel sind ein Kind ihrer Zeit“, sagt Kreisarchivarin Beate Sturm. Knapp 1200 Dokumente dieser Art liegen im Keller des Kreisarchiv Kleve in Geldern. Erfasst sind die Namen, Geburts- und Sterbeorte und Teile der Lebensgeschichte der Verstorbenen in einer digitalen Datenbank.

Auf dem Speicher gefunden

Die katholische Tradition der Totenzettel geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Heute wird der Brauch noch vor allem auf dem Land praktiziert. Früher dienten die Schriften dazu, im Ort das Ableben eines Menschen öffentlich mitzuteilen, aber auch, um das Gedenken im Gebet zu erbitten. Seit den 70er Jahren sammelt das Kreisarchiv Kleve die Totenzettel. Begonnen hatte damit zuvor der historische Verein Geldern. Viele Zettel wurden dem Archiv geschenkt, einige wurden angekauft oder in Büchern der Bibliothek entdeckt, aus denen sie herausgenommen wurden. Einige der Totenbilder haben Stockflecken oder sind weger schlechter Papierqualität brüchig. „Oft finden Menschen die Zettel beim Aufräumen oder auf dem Speicherr. Zum wegwerfen sind sie zu schade. Und uns bieten die Privatnachlässe eine andere Facette der Geschichte“, sagt Beate Sturm.

Anhaltspunkt für die Familienforschung

Es sind ganz individuelle Darstellungen der Verstorbenen, die sich im Laufe der Zeit gewandelt haben. Religiöse Abbildungen sind zu sehen, ein Gebets- oder Sinnspruch, ein Foto des Toten, manchmal mit viel Text, manchmal mit wenig.

Bilder und Texte lassen zumeist auf das Leben des Menschen schließen. So sieht der Altbürgermeister der Stadt Geldern, Paul Heßler, im Jahre 2008 verstorben, staatstragend lächelnd in die Kamera. Ein Spruch von Cicero ziert den Totenzettel: „Das Bewusstsein eines erfüllten Lebens ... ist das größte Glück auf Erden.“ Ganz anders dagegen der Totenzettel eines gefallenen Soldaten: „Ich gab Leib und Leben hin für Führer und Vaterland und bitte Gott, daß er gnädig sei unserem Volke“, ist zu lesen.

„Es ist klar, dass ein Soldat anders dargestellt wird, als eine alte Frau, die friedlich entschlafen ist“, sagt Beate Sturm. Aber es gilt: „Man hat nichts negatives über den Toten geschrieben.“
Viel lässt sich zwischen den Zeilen lesen. Beispielsweise über das Familienleben früherer Jahre, wenn beispielsweise von „der Witwe Heinrich Müller“ die Rede ist oder zu lesen ist, das Bernhard Bereths, geboren 1901, gestorben 1984, nach dem Krieg als Witwer 1946 die Schwester seiner Frau geheiratet hat. Denn: „Damit gab er seinen Kindern wieder eine Mutter.“

Totenzettel können oft für Privatleute, die auf der Suche nach Verwandten und ihrer Familiengeschichte sind, ein Anhaltspunkt sein, um weiter zu forschen.

Aber auch Heimatforscher, Schüler und Studenten können das Kreisarchiv nutzen und so vielleicht auch auf das Lebensmotto von Hans Wilhelm Schneider, dem 2009 verstorbenen ehemaligen Oberkreisdirektor Kleves: „Die Welt lebt von Menschen, die mehr tun, als ihre Pflicht.“