Stimmungsvolle "Phoneographie" - wenn Smartphones Kunst erzeugen

Sonnenstrahlen über einem nebligen Feld: eine Aufnahme von Robert-Paul Jansen
Sonnenstrahlen über einem nebligen Feld: eine Aufnahme von Robert-Paul Jansen
Was für Analog-Freunde die Lomographie, ist für Smartphone-Fans die "Phoneographie": Bei beiden wird der Schnappschuss zur Kunst erhoben, wobei die Phoneographie sich aus der Handykamera speist. „Love the one you’re with“ heißt die aktuelle Ausstellung im Odapark Venray.

Venray. Im Halbdunkel des Kellers hängt ein iPhone an der Wand. Bilder in hochauflösender Qualität, aber eben im Miniformat. Daneben eine ganze Galerie von beleuchteten, großformatigen, gestochen scharfen Bildern: Regentropfen an der Autoscheibe, paraguayanische Kinder, die Fußball spielen, ein kanadischer See im Herbst, sanft leuchtende Straßenlaternen. Martina Urmersbach und Heinz Ladage bleiben vor einer Serie Spiegelungen stehen. „Das ist wunderschön.“ „Love the one you’re with...“ heißt die brandaktuelle Ausstellung im und um das Teehaus des niederländischen Kunstparks „Odapark“.

Zu bestaunen gibt es bis zum ersten Mai 60 Fotografien von 13 internationalen Fotokünstlern – das wäre an sich nichts Außergewöhnliches, denn die Motivik ist im Grunde alltäglich, das Besondere an den Bildern ist die Technik: alle Fotos wurden quasi im Vorbeigehen geschossen - und zwar mit einem Smartphone. Zu sehen sind nicht die üblichen Partyschnappschüsse oder Porträts, die man selbst gerne mit der Handykamera produziert, sondern kunstvoll in Szene gesetztes und bearbeitetes Naturschauspiel.

Verfälschung macht den Charme aus

Phoneography nennt sich dieses Fotografieren aus der Unverbindlichkeit heraus und ist nicht nur wunderschön, sondern auch verblüffend. „Dass man im Alltag überhaupt so etwas sieht...“ Martina Urmersbach, die zusammen mit Heinz Ladage durch die Ausstellung streift, entdeckt an jedem Bild große Qualität und wahren künstlerischen Mehrwert. „Das Medium macht selbst etwas Schönes“, erklärt Urmersbach, die selbst bildende Künstlerin ist, und weist auf das Bild einer Wiese vor der aufgehenden Sonne. Es ist etwas verschwommen, aber umso stimmungsvoller. „Das Verfälschen durch die Smartphone-Kamera macht den Charme aus, das Schwammige bringt die Stimmung besonders gut zur Geltung. Die Unschärfe ist manchmal das wirklich Schöne.“ Heinz Ladage, Druckgrafiker, stimmt ihr zu. „Das hier berührt menschlich. Und die Lichtpräsentation ist toll“, schwärmt er. Und dann entsteht eine kleine Diskussion über das Medium, mit dem die Bilder geschossen wurden: „Jeder Idiot kann ja heute fotografieren“, meint Ladage und runzelt die Stirn. „Dass man es kostenlos tun kann, verführt viele, einfach drauf zu drücken.“ Ist das jetzt positiv oder negativ? Man weiß es nicht.

Ist das Kunst?

Kuratorin Pascalle Mansvelders grinst bei dieser Frage jedenfalls verschmitzt: „Das ist die Frage. Diese Ausstellung ist eigentlich mehr als Untersuchung gedacht. Wir wollen herausfinden, ob Telefonkunst überhaupt Kunst ist – denn ich bin der Meinung, dass der Künstler die Technik benutzen soll, um etwas auszudrücken.“ Wenn jeder Kunstdilettant das Medium Mobiltelefon nutzen könne, um Kunst zu produzieren, sei es eventuell gar keine Kunst mehr. Mansfelders wird philosophisch, lenkt dann aber ein: „Hier im Odapark präsentieren wir immer Kunst, die nicht für die Ewigkeit ist, sondern die Welt abbildet, wie sie jetzt ist. Da passen solche Fotografien wiederum sehr gut rein. Wir sind etwas frech.“ Sie selbst will Kunst in den Niederlanden wieder mehr publik machen, vielleicht hilft dabei die Phoneography. „In Holland mag das jeder und es kann jeder“, erklärt sie. Möglich, dass solche Kunst also mehr Leute ins Museum zieht, als andere.

Durch die Ausstellung schlendern zumindest am Sonntagmittag immer mehr Besucher, es wird angeregt diskutiert. Elke End und Helen de Louwere stehen schon seit einiger Zeit vor der Bilderserie des spanischen Künstlers Jordi V. Pou. Thema: Natur in der Stadt. Umsetzung: provokant, knallbunt und genial. Da liegen abgenagte Hühnerknochen und der Rest einer sonnengelben Polenta auf einer geblümten Wachstuchdecke, gestickte Pflanzenornamentik prangt auf einem Autositzkissen – in der Stadt manchmal der einzige Bezug zur Natur. „Das ist sehr außergewöhnlich, von der Technik her meine ich“, sagt Elke End. „Und dann dieses Niveau...“, ergänzt de Louwere. In Elke Ends Hand baumelt eine Digitalkamera. „Ja, ich fotografiere selbst sehr gerne, aber nicht mit Smartphone.“ Sie lacht. „Damit habe ich ja noch nicht mal telefoniert!“

Die Ausstellung wird begeistern und provozieren, so viel ist sicher. und eine Botschaft transportiert sie zumindest ganz klar: wer den Blick für das Schöne hat, braucht gar keine gute Fotoausrüstung. Nur ein Smartphone.

Odapark Venray, bis Sonntag 1. Mai, Eintritt frei

 
 

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