Sie rappen die Oper

Elke Wiegmann
Die Kultur-Schocker (v.l. Maurice „Fortis“ Carstens, Malte Brandau von „Rillest“ und Breaker Maximilian „Maxi Airmixx“ Suhr) aus Duisburg.
Die Kultur-Schocker (v.l. Maurice „Fortis“ Carstens, Malte Brandau von „Rillest“ und Breaker Maximilian „Maxi Airmixx“ Suhr) aus Duisburg.
Foto: WAZ FotoPool
Die „Kultur-Schocker“ verbinden verschiedene Kunstformen. Ein anderes „Tosca“-Erlebnis

Duisburg.  Das erste Opernerlebnis ist manchmal befremdlich. Selbst für junge Musiker. „Es war schön, aber auch anstrengend, weil es so ungewohnt war“, sagt der Duisburger Rapper Malte Brandau. „Aber es war irgendwie faszinierend: die imposante Musik, die einem dort entgegenschlug, diese Stimmen mit enormer Kraft. Das war schon krass.“ Krass wäre sicher nicht der Ausdruck, den das klassische Hochkultur-Publikum für eine Oper wie „Tosca“ wählen würde. Aber vielleicht wird der kommende Bühnenbesuch auch für sie etwas befremdlich...

„Wir haben uns darauf eingelassen“

Denn am Sonntag, 16. Dezember, rappen die Kultur-Schocker im Theater Duisburg. Das Kultur -Schocker-Projekt will junge Menschen für die gesellschaftlichen und politischen Inhalte von Oper und Theater interessieren (siehe Text unten). Und lädt sie ein, sich mit der klassischen Bühne auseinanderzusetzen, manchmal auch ein Teil von ihr zu werden. Und trotzdem bleibt die Oper, die Oper. Es geht vielmehr um ein neues künstlerisches Konzept.

„Wir wollten uns der Oper annehmen und wir haben uns darauf eingelassen. Mit Respekt vor dem Werk eines anderen Künstlers, vor Puccini, und vor der Inszenierung des Regisseurs Dietrich Hilsdorf“, sagt Malte Brandau. Gemeinsam mit anderen Rap-, Hip-Hop- und Breakdance-Künstlern aus der Region, die sich für das Projekt zusammengeschlossen haben, wird der 27-Jährige am Sonntag als „Kultur-Schocker“ mit auf der großen Opernbühne stehen. Und rappen.

In zwei Workshops haben sich die jungen Musiker mit dem klassischen Stoff auseinandergesetzt. „Direkt abends nach dem ersten Opernbesuch haben wir uns zum Workshop in einem Hotel in Duisburg getroffen“, sagt Malte Brandau. Dann lief „Tosca“ noch einmal über den Bildschirm. „Wir haben uns das Werk auf DVD angeschaut und überlegt, welche Instrumentalstücke wir für Raps nutzen können.“ Am nächsten Tag bauten die jungen Künstler ihre Keyboards und Computer auf. Die Kreativarbeit begann: Beats wurden über die Musik gelegt, Szenen und Themen ausgewählt, die aufbereitet, teilweise weiterentwickelt wurden.

Etwas eigenes, etwas neues entstand: „Tosca“-Stücke in Musik und Text – ohne das Original zu kopieren. Die Rapper ließen sich vielmehr von Puccinis Werk inspirieren. „Wir haben versucht, die Inhalte der Oper in unserer eigenen Sprache, in unserer Musik, für unsere Zeit auszudrücken.“ So schwierig, wie sie zunächst dachten, sei der Stoff aber gar nicht gewesen. „Liebe, Eifersucht, Angst – das sind zeitlose Themen“, sagt Malte Brandau. „Jeder kennt solche Gefühle.“ In Giacomo Puccinis Melodram in drei Akten geht es um nichts anderes: der römische Polizeichef Scarpia begehrt die Sängerin Tosca. Die ist allerdings mit dem Maler Cavaradossi liiert. Scarpia lässt den Maler verhaften, um die Sängerin zu erpressen: sie soll sich ihm hingeben, um das Leben ihres Geliebten zu retten und ihn vor der Hinrichtung zu bewahren. Doch Tosca tötet den Polizeichef, um mit Cavaradossi zu fliehen. Die Kultur-Schocker haben den Inhalt weiterentwickelt: „Wir haben uns auf die Kommunikation der beiden Liebenden konzentriert, auf das, was zwischen den Zeilen gesagt wird.“ Daraus entstanden sind drei Rap-Songs, auf die sich nun das Opern-Publikum am Sonntag einfach mal einlassen darf...

Das Projekt

Das Opernerlebnis für Jedermann verbindet Hochkultur und Straßenkunst

Mit dem bekannten Rapper Sido startete das Projekt „Kultur-Schocker“ zum ersten Mal 2010 auf einer Bühne, um das Opern-Publikum in Mannheim zu erobern. Mit Erfolg: Kein Platz im Haus der Hochkultur blieb leer. „Allerdings hat Sido damals eigene Songs von sich in die Mozart-Oper ‘Die Zauberflöte’ eingebracht, die thematisch passten. In Duisburg haben sich die Rapper jetzt richtig inhaltlich mit der Oper ‘Tosca’ auseinandergesetzt. Und dabei eigene Musik und eigene Texte kreiert“, sagt Hartmut Gläsmann vom Medienberatungsunternehmen rmc medien + kreativ consult in Wuppertal.

Das Unternehmen initiiert das Kultur-Schocker-Projekt, an dem es seit 2009 arbeitet. Mit tatkräftiger Unterstützung und Beratung von Gerd Leo Kuck, dem langjährigen Generalintendanten der Wuppertaler Bühnen.

Ziel des Kultur-Schocker-Projektes ist, die Akzeptanz des Theaters, der Bühne, unabhängig von Einkommen, Bildung und Herkunft zu erhöhen und junge Menschen für die gesellschaftlichen und politischen Inhalte der Oper und des Theaters zu interessieren. Umgekehrt stellt sich hierdurch die Frage, ob die Hochkultur zu einem Entgegenkommen bereit ist?

Gemeinsam mit dem aktuellen forum nrw (af), einem freien Träger der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie mit Unterstützung des NRW-Familienministeriums, startete das Unternehmen rmc dann 2011 eine Neuauflage des Kultur-Schocker-Projektes in Nordrhein-Westfalen.

Im Internet rief das aktuelle forum nrw junge Musiker und Künstler auf, sich mit einer Opernproduktion in Gelsenkirchen in einem Workshop auseinanderzusetzen. Der Duisburger Rapper Malte Brandau meldete sich. „Aber mit unserem Ergebnis konnten wir nicht überzeugen.“ Die Hip-Hop- und Rap-Einlage auf der Opernbühne blieb den Musikern verwehrt.

In diesem Jahr gab es einen neuen Aufruf für die Oper „Tosca“ in Duisburg. Malte Brandau, der das Projekt bereits aus Gelsenkirchen kannte, meldete sich erneut. Dieses Mal trommelte er durch Mund-zu-Mund-Propaganda befreundete und bekannte Musiker, Rapper und Breakdancer aus Duisburg, Oberhausen und Mülheim zusammen. Gemeinsam besuchten sie die Oper. Anschließend trafen sie sich zweimal für je zwei Tage zum Workshop. Sie erstellten eigene Musik, Texte und Videos. Und stellten ihr Ergebnis dem Generalintendanten der Deutschen Oper am Rhein, Christoph Meyer, vor. „Er fand die Musik und die Idee gut“, sagt Malte Brandau.

Am Sonntag, 16. Dezember, um 15 Uhr, ist es nun soweit: Die „Kultur-Schocker“ treten mit ihrer „Straßenkunst“ vor dem ganz normalen Abo-Publikum in der Duisburger Oper auf – während der Einführung in das Stück im Foyer, anschließend auf der großen Bühne vor Opernbeginn von „Tosca“ und vor dem zweiten Teil.