Safari im Niemandsland

Da röhrt der Rothirsch im Abendrot.
Da röhrt der Rothirsch im Abendrot.
Der niederländische Dokumentarfilm „Die neue Wildnis“ ist in den deutschen Kinos angelaufen. Er zeigt die einzigartige Tierwelt im sehenswerten Naturgebiet „Oostvaardersplassen“ bei Lelystad. Ein Besuch am Drehort.

Lelystad..  350 Stunden Film-Material haben der Regisseur Mark Verkerk sowie Fotograf Ruben Smit innerhalb von zwei Jahren im Naturgebiet Oostvaardersplassen bei Lelystad aufgenommen. Am Ende kamen 97 eindrucksvolle Minuten Dokumentarfilm heraus, die unter dem Titel „Die neue Wildnis“ 2013 in den Niederlanden zu einem überraschenden Erfolg wurden. 750 000 Menschen strömten in die Kinos des Nachbarlandes, um die Poldersafari auf der Leinwand zu erleben. Wegen des großen Erfolgs wird der Film auch in Deutschland gezeigt. Der prominente Schauspieler und bekennende Tierschützer Hannes Jaenicke konnte als Synchronsprecher gewonnen werden, der die Aufnahmen vom Leben und Sterben der Wildpferde, Rothirsche, Heckrinder, Füchse oder Graugänse auf der Leinwand kommentiert.

Besucherzahlen vervierfacht

Seit dem Film verzeichnen die Oostvaardersplassen einen wahren Ansturm. „Unsere Besucherzahlen haben sich innerhalb eines Jahres von 30 000 auf 120 000 Besucher vervierfacht“, schildert Hand Breeveld, einer der fünf zuständigen Förster für das Gebiet. Bei Lelystad – übrigens in unmittelbarer Nähe eines Gefängnisses - wurde eigens ein neues Informationszentrum eingerichtet, um den Gäste entsprechend informieren zu können. Von 17 eigens aufgeschütteten Aussichtshügeln, zehn freigegebenen Wanderwegen und einer 35 Kilometer langen Radroute rund um das Gebiet hat man einen exzellenten Blick auf die Oostvaardersplassen. In Almere steht noch ein weiteres Besucherzentrum . Wer mag, kann auch an geführten Safari-Touren teilnehmen, die von der Forstbehörde angeboten werden. Doch die „Big Five“ sind am Ijsselmeer nicht etwa Löwe, Büffel, Elefant, Nashorn und Leopard, sondern Rothirsch, Pferd, Heckrind, Seeadler und Biber. Der emsige Deichbauer wurde im Gegensatz zu den Weidetieren nicht bewusst hier angesiedelt, sondern ist schlicht und einfach eingewandert. „Der ist aus dem Tierpark in Lelystad ausgebüxt“, grinst Breeveld.

Doch der Film hat nicht überall Freunde gefunden. Unter die Begeisterung mischt sich auch Kritik von einigen Naturschutzverbänden. Ludo Hellebrekers von der niederländischen Veterinärvereinigung bemängelt zum Beispiel: „Man hat es mit einer Menge von Tieren zu tun, die größer ist als das Nahrungsangebot.“ Jan Paulides von der Rothirschvereinigung behauptet, dass in den Oostvaardersplassen nicht genügend Futter zur Verfügung stünde. Eine deutsche Zeitung sprach gar von einer „grandios fotografierten Lüge.“

Hans Breeveld weist dagegen darauf hin, dass bei der Entwicklung der Oostvaardersplassen den Empfehlungen einer international besetzten Experten-Kommission gefolgt werde. Die Tatsache, dass zeitweise nicht genügend Nahrungsangebot zur Verfügung steht, sei auch in der freien Natur der limitierende Faktor. „Nur 25 bis 30 Prozent der großen Weidetiere wie zum Beispiel Rothirsche - meist schwächere Tiere - fallen unter natürlichen Bedingungen Raubtieren zum Opfer. „Der größere Teil stirbt stattdessen an Futtermangel oder Schwäche“, betont Breeveld. „Wer entscheidet denn, wann sich zu viele Tiere in einem bestimmten Raum aufhalten“, stellt der 58-Jährige die Frage samt zugehöriger Antwort in den Raum: „Der Mensch oder die Natur selbst?

Allerdings greifen die Männer vom Staatsbosbeheer Mutter Natur auch unter die Arme. Im Gegensatz zu dem - zu Tränen rührenden - Schicksal, das im Film ein kleines, schwarzes Konikpferdefohlen ereilt, schießen die Förster im Winter nach streng festgelegten Kriterien die Tiere, welche den Winter nicht überleben werden.

Dieses - dramaturgisch bedingte - Missverständnis ist für Breeveld nicht das größte Problem, das der unerwartete Erfolg mit sich bringt: „Schwieriger ist es, die Erwartungshaltung der Besucher zu befriedigen. Manche wollen in nur 90 Minuten alle Tiere aus dem Film sehen, vergessen aber, dass dafür zwei Jahre Drehzeit notwendig waren.“

Stichwort: Oostvardersplassen


Das Naturgebiet Oostvaardersplassen bei Lelystad ist aus Zufall entstanden. Als Süd-Flevoland in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingedeicht, leergepumpt, trockengelegt und kultiviert wurde, war das Gebiet zwischen Lelystad und Almere eigentlich als Industriestandort vorgesehen. Doch die rund 6000 Hektar große Fläche lag zu niedrig und verwandelte sich in eine Sumpflandschaft. Daher wurde das Land weder industriell noch landwirtschaftlich genutzt, sondern einfach sich selbst überlassen.

Schnell siedelten sich auf dem Boden der ehemaligen Zuiderzee Pflanzen und seltene Tiere an, unter anderem der Seeadler, der dort inzwischen wieder brütet. 1986 wurden die Oostvaarders-plassen unter Schutz gestellt, Rotwild aus Schottland und dem Naturpark Hoge Veluwe sowie Heckrinder und Konikpferde dort als Weidetiere angesiedelt.

Der Name Oostvaardersplassen leitet sich übrigens von der Route der Handelschiffe der Vereinigten Ostindischen Kompanie (Oostvaarder = Ostfahrer) ab, die dort ihren Weg von Amsterdam durch die Zuiderzee nach Ostasien nahmen. Plassen steht für die Seen, die in dem Sumpf entstanden sind.

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